Harald Schmidt: Immer noch die gleichen Witze wie vor 20 Jahren?
Harald Schmidt ist auf Schweizer Tournee und hat einiges zu erzählen. Ein Gespräch über Humor, künstliche Intelligenz, Geld und die Vorzüge des Zugfahrens.

Das Wichtigste in Kürze
- Harald Schmidt ist 69 Jahre alt und denkt noch lange nicht ans Aufhören.
- Der deutsche Entertainer reist auf seiner Schweizer Tournee lieber mit dem Zug als mit dem Auto.
- Im Interview spricht er über Humor, Geld, KI und seine Eindrücke von der Schweiz.
Harald Schmidt ist ein Mann mit ausgeprägtem Sinn für die schönen Dinge des Lebens. Dazu gehören eine pünktliche Schweizer Bahn, gut angezogene Menschen an der Zürcher Bahnhofstrasse und ein Coupe Truffes im Café Sprüngli.
Diesen empfiehlt der 69-jährige Entertainer übrigens ausdrücklich zur Vermeidung einer Unterzuckerung. Auch die Bäckerei John Baker hat es ihm angetan. Zürich sei ohnehin nahezu konkurrenzlos: die Stadt am See, die Berge im Hintergrund und die Möglichkeit, alles zu Fuss zu erreichen.
Derzeit ist Schmidt mit seiner Schweizer Tournee unterwegs. Ein Teil seiner Jugend verbindet ihn mit dem Land: In den Sommerferien verbrachte er regelmässig Zeit in Sargans.
Heute nutzt er die Auftritte, um weitere Gegenden kennenzulernen. Und er hat durchaus einen geschärften Blick für Schweizer Eigenheiten.

Nau.ch: Herr Schmidt, Sie haben einen Teil Ihrer Jugend in der Schweiz verbracht. In den Sommerferien waren Sie regelmässig in Sargans. Was ist Ihnen davon geblieben?
Harald Schmidt: Wir haben eigentlich jeden Sommer in Sargans Ferien gemacht. Da ist dieser Felsen, und unten das letzte Haus – dort haben wir gewohnt.
Auch heute ist die Schweiz für mich eine schöne Gelegenheit, nochmals Teile des Landes kennenzulernen, in denen ich noch nicht war. Im Grunde machen wir einen Betriebsausflug und abends gehen wir auf die Bühne.
Nau.ch: Was könnte Deutschland von der Schweiz lernen?
Schmidt: Schon die Höflichkeit im Umgang, den gemässigten Ton. Und natürlich die Sauberkeit und die Pünktlichkeit der Bahn. Wir sagen ja: Die Schweizer brauchen keine Lounge am Bahnhof, weil ihr Zug pünktlich kommt. Bei uns muss man teilweise eine Stunde irgendwo warten. Das haben wir auf unserer Tournee auch wieder erlebt.
Nau.ch: Sie reisen tatsächlich mit dem Zug?
Schmidt: Ja, grundsätzlich. Das ist mit dem Auto viel zu unpräzise. Ich muss mit Staus rechnen und allem Möglichen. Heute komme ich beispielsweise aus Neuruppin in Brandenburg, zwei Stunden nördlich von Berlin. Das ist mit dem Auto überhaupt nicht zu machen.
Nau.ch: Gibt es trotzdem etwas, bei dem Sie sagen: Zum Glück bin ich in der Schweiz nur zu Besuch?
Schmidt: Nein, ich würde niemals Kritik an der Schweiz üben. Was den Deutschen allerdings gewisse Minderwertigkeitskomplexe beschert, ist der Schweizer Reichtum. Dieses ungeheure Vermögen, überall Gold und Bares. Und natürlich die Pensionsgelder. Allerdings ist der Lebensstandard auch teurer als bei uns. Wenn man sich eine Butterbrezel kauft, ist man schon knapp am Dispokredit.
Nau.ch: Am Bahnhof gibt es also keine kulinarischen Eskapaden?
Schmidt: Doch, Butterbrezel schon. Aber ohne Schnittlauch. Das wäre dann zu teuer.
Nau.ch: Sie touren bewusst auch durch kleinere Schweizer Orte. Haben Sie keine Sehnsucht nach den grossen Metropolen?
Schmidt: Mein Spruch ist immer: Wo ich bin, ist Royal Albert Hall. Ich trage den Madison Square Garden in mir. Ich wundere mich ohnehin, dass Menschen, die in kleineren Orten leben, selbst von Provinz sprechen. In Deutschland leben die meisten Menschen auch nicht in den Grossstädten. Warum sollte ich nur in den Metropolen auftreten? Das wäre mir viel zu langweilig. Ich habe auch keine Lust, fünf Wochen am Stück in Berlin zu spielen und tagsüber im Hotel zu sitzen, bis es Abend wird.
Nau.ch: Funktioniert Ihr Humor in der Schweiz genauso wie in Deutschland?
Schmidt: Ja. Die Leute kennen mich aus dem Fernsehen und kommen, weil sie genau diesen Humor hören wollen. Wer damit nichts anfangen kann, kommt ja nicht. Ich mache allgemeine Themen: Schnarchen, Krankheiten, Elternabende. Politik interessiert mich eigentlich nicht.
Nau.ch: Dabei liefern die politischen Ereignisse derzeit genügend Steilvorlagen. Donald Trump beispielsweise ist als Comicfigur kaum zu übertreffen.
Schmidt: Das ist mir als Thema zu dankbar und zu naheliegend. Mich interessiert bei den amerikanischen Midterms zunächst einmal etwas ganz anderes: Der Deutsche Aktienindex hat am Tag nach den Wahlen 2,8 Prozent zugelegt. Danke, Donald! Man muss das positiv sehen. Was das innenpolitisch in Amerika bedeutet, kann ich nicht beurteilen. Ich lebe ja nicht dort. Ich sitze im Hotel, schaue auf mein Handy und denke: Donnerwetter, die Börse startet durch. Ist denn heute schon Weihnachten?
Nau.ch: An Ihrer Seite steht auf der Schweizer Tournee Hanna Scheuring. Eine charmante Alternative zu Donald Trump?
Schmidt: Fabelhaft! Sie ist eine ideale Partnerin, weil sie unglaublich wach ist, zuhört und interessiert ist. Wir ergänzen uns sehr gut. Sie ist in der Schweiz unglaublich populär, und das hilft unserem Projekt natürlich. Sie bringt eine völlig andere Farbe mit hinein.

Sie ist eine grosse Naturliebhaberin, wandert, macht Sport und hat beispielsweise Gorillas in Uganda besucht. Daraus entstehen wunderbare Geschichten.
Nau.ch: Wie viel davon ist vorbereitet?
Schmidt: Es gibt feststehende Blöcke, aber der Abend entwickelt sich immer wieder anders. Manchmal ziehen wir Teile vor, ich vergesse etwas oder es kommen neue aktuelle Dinge hinzu. Vollkommen im Freiflug kann man einen solchen Abend nicht machen. Aber innerhalb eines bestehenden Gerüsts bewegen wir uns sehr improvisatorisch.
Nau.ch: Sie haben einmal gesagt, zu Ihren Vorstellungen komme die geistige, finanzielle und erotische Elite. Wie äussert sich die erotische Elite?
Schmidt: Das ist natürlich sehr dezent. Man lässt ein Taschentuch fallen oder schenkt ein schüchternes Lächeln. So, wie man es aus den Romanen von Jane Austen kennt. Intensiv, aber verborgen. Das ist ja gerade das Erotische.
Nau.ch: In Rorschach war diese Elite besonders ausgeprägt?
Schmidt: Das lag vielleicht auch daran, dass ich stark erkältet war und vieles durch einen Nebel interpretiert habe. Aber Rorschach war eine fantastische Vorstellung. Das Wirtshaus direkt am Bodensee ist sensationell gelegen. Leider hat es unglaublich geregnet.
Nau.ch: Auf Ihrer Tournee begleitet Sie auch Manager Hugo Mauchle. Sie haben erzählt, dass Sie teilweise im Auto vor Lachen anhalten müssen.
Schmidt: Wir fahren zu dritt, und manchmal müssen wir rechts ranfahren, sonst fahren wir vor Lachen gegen einen Baum. Wir singen auch im Auto. Wenn das Stichwort Mireille Mathieu fällt, singen wir Mireille Mathieu. Früher war ja klar, welcher Sänger für welches Land stand: Roberto Blanco für die Karibik, Mireille Mathieu für Frankreich, Ivan Rebrov für Russland – der wie alle Russen natürlich aus Berlin kam.
Nau.ch: Roberto Blanco ist inzwischen ein Ostschweizer.
Schmidt: Tatsächlich? Das freut mich! Das ist ja ein typischer Schweizer, ein Neuschweizer. Wie auch Tina Turner selig. Roberto Blanco war ein absoluter Sympathieträger. Ein Entertainer alten Schlags, zuständig für Stimmung. «Ein bisschen Spass muss sein» – das war seine Marke. Er war unglaublich international. Ich habe ihn einmal in Paris getroffen. Er wechselte fliessend zwischen Spanisch, Deutsch und Französisch. Ich stand daneben wie der Beauftragte der Landjugend, der fragt: Wo geht es denn hier zur Metro?

Nau.ch: Die Zeiten haben sich verändert. Was früher als Unterhaltung durchging, wäre heute teilweise undenkbar.
Schmidt: Natürlich. Roberto Blanco musste sich damals teilweise rassistische Sachen anhören. Ich glaube, ihm blieb oft gar nichts anderes übrig, als so zu tun, als fände er das lustig. Heute wäre manches davon nicht mehr denkbar – zu Recht. Aber wir reden auch von einem halben Jahrhundert.
Nau.ch: Kann man heute noch dieselben Witze machen wie vor zwanzig Jahren?
Schmidt: Nein, ich fahre ja auch nicht mehr mit der Postkutsche. Witze verändern sich. Dieses politisch Korrekte ist nicht unbedingt mein Thema. Aber Humor muss sich entwickeln. Nur die allerbesten Komödien überdauern die Zeit. Der Rest war eben Humor, der an seine Zeit gebunden war.

Nau.ch: Sie haben kürzlich einen alten Schweizer Film mit Lilo Pulver entdeckt: «Uli, der Pächter».
Schmidt: Ich bin nachmittags zufällig hineingezappt. Das war sehr interessant. Ein völlig anderes Timing, eine viel langsamere Erzählweise. Und schon der Titel ist grossartig: «Uli, der Pächter».
Nau.ch: Es gibt auch noch «Uli, der Knecht».
Schmidt: Ach so! Dann müsste man heute eigentlich die Reihenfolge umdrehen: zuerst «Uli, der Pächter» und dann «Uli, der Knecht». Der gesellschaftliche Abstieg!
Nau.ch: Sie haben selbst eine lange Fernsehkarriere hinter sich. Wie viel bedeuten Ihnen die sozialen Medien?
Schmidt: Gar nichts. Ich bin in diesem Bereich nirgends auf Empfang oder auf Sendung. Natürlich laufen alte Clips von mir, auf die ich aber keinen Einfluss habe, weil die Rechte den Fernsehsendern gehören. Und drei- oder viermal am Tag fragen mich Leute, ob wir ein Selfie machen können.
Die posten das dann sofort. Ich bekomme gar nicht mit, wo das überall landet. Meine Kinder erzählen mir manchmal, dass sie mich irgendwo gesehen haben.
Nau.ch: Warum haben Sie selbst nie mit Social Media begonnen?
Schmidt: Wenn man heute in meinem Beruf anfängt, geht es wahrscheinlich nicht mehr ohne. Aber wenn ich damit anfangen würde, müsste ich permanent irgendetwas posten. «Hallo, bin auf der Premiere.» Oder «Hallo Zürich». Ich bin froh, dass ich das nie angefangen habe.
Nau.ch: Beim «Traumschiff» sind Sie dagegen regelmässig zu sehen. Ist dies bezahlter Urlaub?
Schmidt: Schon. Meine Parole lautet: Drehort geht vor Inhalt. Wir drehen im Januar wieder vier Wochen, von Rio nach Buenos Aires. Ich mache das seit über zwanzig Jahren. Das ist fantastisch. Und die Serie wird eigentlich immer kultiger. Es hat auch geholfen, dass Florian Silbereisen dabei ist. Er bringt viele junge Zuschauer.
Nau.ch: Das «Traumschiff» ist eine heile Welt in einer ziemlich unheilen Zeit.
Schmidt: Genau. Je chaotischer die Welt wird, desto besser funktioniert das. Meine Rolle heisst Oskar Schifferle. Ich werde inzwischen fast häufiger als Oskar Schifferle angesprochen denn als Harald Schmidt. Ich sitze beim Italiener, esse Nudeln, und jemand geht vorbei und sagt: «Guten Appetit, Herr Schifferle.»
Das ist wirklich erstaunlich. Grundsätzlich gilt für das Traumschiff: Die Leute sehen dort eine heile Klischeewelt mit Stränden. Es gibt ein paar Problemchen, aber alles löst sich auf. Wie in einem Märchen. Das ist in einer Zeit mit Kriegen und Chaos offenbar sehr attraktiv.
Nau.ch: Sie sind 69. Andere denken in diesem Alter langsam an den Ruhestand.
Schmidt: Das wäre stinklangweilig. Was soll ich denn machen? Wenn ich in Rente bin, möchte ich reisen. Das mache ich ja bereits. Aber abends gehe ich halt auf die Bühne, statt zu Hause zu sitzen und zu fragen: «Schatz, hast du etwas gesagt?» «Nein, das war gestern.» Ein alter Otto-Gag.
Nau.ch: Sie wirken heute deutlich altersmilder als früher als «Dirty Harry».
Schmidt: Das ist die Tarnung. Man hat für den Fall der Fälle Manieren im Repertoire und tritt gesittet auf. Umso mehr kann man dann die Spitzen setzen. Die Leute denken manchmal, sie hätten sich verhört. Aber das ist meine Marke. Wenn man in Deutschland «Dirty Harry» sagt, denken mittlerweile wahrscheinlich mehr Leute an mich als an den Film mit Clint Eastwood. Obwohl ich den Namen vor vierzig Jahren auch nicht besonders einfallsreich geklaut habe.
Nau.ch: Hält Sie die Arbeit jung?
Schmidt: Das ist natürlich ein Privileg. Wir haben Berufe, die uns Spass machen. Ich wollte nie etwas anderes machen. Und dazu kommt die älter werdende Gesellschaft.
Mein Publikum wird mit mir älter. Die Hauptgruppe ist 55 plus. Das sind auch in Deutschland mehr als zwanzig Millionen potenzielle Zuschauer. Ich wäre ja bekloppt, wenn ich diese Leute nicht haben wollte.
Nau.ch: Sie können also nicht plötzlich anfangen, die Themen von 25-Jährigen zu behandeln.
Schmidt: Natürlich nicht. Ich habe diese Themen ja gar nicht. Bei mir geht es um Schnarchen, Schlaflosigkeit und Ärger über die Schwiegertochter.
Nau.ch: Künstliche Intelligenz könnte Ihnen diese Themen vielleicht irgendwann abnehmen. Nutzen Sie KI?
Schmidt: So gut wie gar nicht. Angst, ersetzt zu werden, habe ich überhaupt nicht. Die KI ist schnell, aber sie muss gefüttert werden. Die schnelle Assoziation kann sie nicht. Und das Entscheidende ist doch: Wer macht es am Abend auf der Bühne? Dafür bräuchte man einen Roboter. Aber ich muss wissen, wie das Publikum in Zofingen drauf ist, wie es in Rorschach reagiert oder in Mels. Das Tempo ist immer anders. Nummern kommen unterschiedlich gut an. Das ist das Ergebnis von fast fünfzig Jahren Erfahrung. Solange ich auftrete, hat KI keine Chance.
Nau.ch: Sie erfinden auf der Bühne gelegentlich eine Tochter oder einen Sohn. Wie viel Wahrheit steckt in Ihren Geschichten?
Schmidt: Mal so, mal so. Ich höre auch Geschichten von anderen und erzähle sie als meine. Aber erfahrungsgemäss funktioniert immer das am besten, was wirklich passiert ist. Wenn ich einen Satz genauso sage, wie ihn jemand tatsächlich ausgesprochen hat, kommt das am besten an. Die Komik liegt im Alltag – und in der Kombination von Dingen, die eigentlich nicht zusammengehören.
Nau.ch: Sie haben auch eine besondere Beziehung zur Schweizer Sprache entwickelt. Was verstehen Sie vom Schweizerdeutschen?
Schmidt: Ich würde sagen, zu 80 Prozent verstehe ich es. Es hängt natürlich davon ab, welches Schweizerdeutsch gesprochen wird. Im Wallis bin ich mir nicht so sicher. Und in Bern vielleicht auch nicht. Zürich und St. Gallen sind kein Problem.
Nau.ch: Sie machen sich keine allzu grossen Gedanken über die Zukunft?
Schmidt: Nein, ich mache mir grundsätzlich wenig Gedanken über die Zukunft. Die Leute planen Reisen in zehn Jahren. Dabei haut es zweimal im Jahr jemanden aus dem Bekanntenkreis weg, von dem man dachte: Der hat doch immer Sport gemacht. Ich plane von Tag zu Tag.
Natürlich planen wir die Tournee ein halbes Jahr im Voraus. Aber ansonsten staune ich über Menschen, die so weit in die Zukunft blicken. Es ist ohnehin alles viel schneller geworden. Denken Sie nur daran, wie sich die Welt seit der Einführung von Google und dem Smartphone verändert hat.
Nau.ch: Und wo sehen wir Harald Schmidt in zehn Jahren?
Schmidt: Darüber mache ich mir überhaupt keine Gedanken. Aber eines ist sicher: Solange es mir Spass macht, gehe ich auf die Bühne. Warum sollte ich damit aufhören?









