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ZFF-CEO Christian Jungen: «Wir zeigen Filme am Puls der Zeit»

Sacha Beuth
Sacha Beuth

Zürich,

Das Zurich Film Festival findet zum 22. Mal statt. CEO Christian Jungen erklärt, was das ZFF beim Publikum und bei Stars so beliebt macht.

Christian Jungen: «Ohne ein Kino Corso verliert Zürich einen Teil seiner Geschichte und Identität.»
Christian Jungen: «Ohne ein Kino Corso verliert Zürich einen Teil seiner Geschichte und Identität.» - ZFF/Andreas Rentz

Das Wichtigste in Kürze

  • Das diesjährige Zurich Film Festival findet vom 24. September bis 4. Oktober statt.
  • Im Interview erklärt CEO Christian Jungen, warum der Event sowohl beim Publikum wie bei den Stars so beliebt ist.

Bereits zum 22. Mal findet vom 24. September bis 4. Oktober das Zurich Film Festival ZFF statt.

CEO Christian Jungen (53) erklärt, warum der Event sowohl beim Publikum wie bei den Stars so beliebt und das Kino Corso für den Erhalt des Festivals so elementar ist.

Redaktion: Streamingdienste graben mit ihrem riesigen Angebot dem Kino immer mehr das Wasser ab. Warum hat das Lichtspieltheater und somit das ZFF dennoch eine Zukunft?

Christian Jungen: Da muss ich widersprechen. Aktuell liegen die Streamingdienste auf dem Krankenbett und die Kinos boomen. So ist gemäss der neusten Publikation von ProCinema die Zahl der Kinoeintritte gegenüber Vorjahr um 18,7 Prozent gestiegen und ist damit das erste Mal wieder auf dem Vor-Corona-Level von 2019.

Und das ist kein saisonales Strohfeuer, denn es gibt demografische Analysen, die zeigen, dass der aktuelle Kinoboom von der Gen Z getrieben wird, also den 16- bis 30-Jährigen, die dem kleinen Smartphone-Bildschirm überdrüssig geworden sind und das Gemeinschaftserlebnis mit der grossen Leinwand suchen.

Es ist ein Trend, der schon vor über einem Jahr begann und der sich nicht nur auf Blockbuster wie «Die Odyssee» und «SpiderMan: Brand New Day», beschränkt.

Redaktion: Es gibt aber Filmkritiker, die behaupten, dass sich die heutigen Kinofilme zu sehr an Blockbustern und deren Fortsetzungen orientieren, derweil die Produzenten immer öfter das finanzielle Risiko für kreative und neue Ideen scheuen. Trifft dies zu?

Jungen: Es stimmt zwar, dass es viele Fortsetzungen gibt. Aber das ist ja auch etwas, was die Leute sehen wollen, zumal wenn solche Filme, wie etwa der aktuelle Spider-Man, sehr erfrischend und anders daherkommen. Dennoch geht der Trend weg von solchen Sequels.

«One Battle After Another», der bei der letzten Verleihung den Oscar für den besten Film erhielt, ist beispielsweise eine neue, originelle Geschichte und keine Fortsetzung. Gleiches gilt für die Horrorfilme «Backrooms» und «Obsession». Es sind also nicht alles Fortsetzungen oder Neuauflagen von Altbekanntem.

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Vom 24. September bis 4. Oktober findet das Zurich Film Festival ZFF statt. - keystone

Redaktion: Am diesjährigen ZFF sind 137 Beiträge zu sehen. Nach welchen Kriterien wurden diese ausgewählt?

Jungen: Einerseits natürlich nach der Qualität, angefangen bei Regie und Schauspiel, dem künstlerischen Anspruch oder ob der Film über eine spezielle Machart verfügt. Wir wollen auch gezielt den Nachwuchs berücksichtigen und achten auf die geografische Diversität.

Wir haben sehr viele Filme, die am Puls der Zeit sind und die Probleme und Herausforderungen der Gegenwart behandeln. Etwa «Musk» über den Unternehmer Elon Musk, der eine irritierende These zum besten gibt, Geld an Bedeutung verlieren wird, weil durch den Effizienzgewinn durch KI weniger Geld für Dienstleistungen benötigt wird und um ein gutes Leben zu führen.

Und natürlich sollte der Beitrag wenn immer möglich bei uns seine Welt- oder zumindest Europa- Premiere feiern.

Redaktion: Wie wichtig sind internationale Stars als Gäste und Preisträger für das ZFF?

Jungen: Grundsätzlich steht der Film im Vordergrund. Wir bringen keinen schlechten Film, nur weil wir dadurch vielleicht einen Topstar nach Zürich lotsen können. Dennoch sind die internationalen Filmgrössen natürlich sehr wichtig für uns.

Nicht wenige Kinogänger wählen einen Film danach aus, welche Schauspielerin oder welcher Schauspieler darin mitspielt und gehen weniger nach der Story. Die Stars und der Glamour, den sie verbreiten, wenn sie bei uns über den Grünen Teppich schreiten, verleihen einem Festival eine hohe Zugkraft. Die Zürcherinnen und Zürcher sind stolz, wenn eine Julianne Moore oder eine Naomi Watts in unsere Stadt kommen.

Wir sind ja nicht in Rom, Paris oder London, wo jeden Tag Dutzende von Film-Berühmtheiten zu sehen sind. Andererseits geniesst das ZFF bei den Stars ebenfalls einen hohen Stellenwert. Der Golden Eye Award ist auch in Hollywood begehrt.

Und auch Zürich selbst ist sehr beliebt – von den historischen Bauten über das Kulturangebot bis zur Gastronomie.

Juliette Binoche war beispielsweise einmal so von einem Zürcher Geschnetzelten begeistert, dass sie das Rezept haben wollte. Und für Pamela Anderson konnten wir arrangieren, dass das Haus des Psychiaters Carl Gustav Jung, für den sie sich so interessiert, am Sonntag extra für Anderson öffnete.

Er hat ein Auge fürTopfilme und Stars
Er hat ein Auge für Topfilme und Stars – Christian Jungen. - zVg

Redaktion: Auf welche Stars freuen Sie sich bei der diesjährigen Ausgabe besonders?

Jungen: Auf Oscar-Preisträger Casey Affleck, den Bruder von Ben Affleck, der seinen Film «Company» ans ZFF bringt. Es ist ein typischer Film noir und ich habe ein Faible für solche dunklen Geschichten. Wir hatten zuvor schon oft versucht, ihn nach Zürich zu holen.

Nie hat es geklappt. Und dieses Mal schrieb er uns selbst ein Email und fragte, ob er kommen könne, was wir natürlich noch so gerne bejahten. Ein anderer ist Andy Garcia, bekannt etwa aus «The Godfather 3», «The Untouchables» oder der «Ocean's»-Reihe.

Er bringt mit «Diamond», unserem Abschlussbeitrag, ebenfalls einen spannenden Film Noir nach Zürich. Garcia ist dabei nicht nur Regisseur und Hauptdarsteller, sondern hat auch die Musik dazu geschrieben. Viele wissen nicht, dass er auch ein toller Musiker ist.

Schön wäre, wenn er sich nach der Filmaufführung noch ans Klavier setzen und uns eine Kostprobe seines Könnens bieten würde.

Redaktion: Und welchem Film schauen sie mit Spannung entgegen und warum?

Jungen: «I Play Rocky» über die Entstehung des Filmes «Rocky» mit Silvester Stallone. Einerseits, weil er etwas Beflügelndes, Inspirierendes hat. Andererseits bin ich schon seit jungen Jahren ein absoluter Rocky-Fan.

Als Arbeiterkind hat mich die Symbolik vom sozialen Aufstieg berührt. Der Aussenseiter, der sich nach oben kämpft – das ist eine Botschaft, die für mich heute noch inspirierend ist.

Redaktion: Um das ZFF gab es zuletzt einigen Wirbel, angefangen mit dem Rücktritt von Doris Fiala als Präsidentin des Verwaltungsrats nach nur einem Amtsjahr. In welchen Bereichen hat Sie der Nachfolger Martin Moszkowicz besonders überzeugt?

Jungen: Wichtig ist, dass wir jetzt einen Präsidenten haben, der international gut vernetzt ist. Er wohnt ja in München und Los Angeles, war 17 Jahre lang CEO von Constantin Film und ist Mitglied der Oscar Academy.

Demzufolge kann er uns sehr viele Türen öffnen und geniesst gerade in Deutschland sehr hohes Ansehen. Er kennt sich mit Zahlen aus und das kann gewisse Diskussionen – er ist ja mein Chef – auch anspruchsvoll machen. Dennoch ist er nicht nur ein fordernder, sondern auch fördernder und grosszügiger Mensch.

ZFF
Bereits zum 22. Mal findet dieses Jahr das Zurich Film Festival ZFF statt. (Symbolbild) - keystone

Redaktion: Auch die Partnerschaft mit dem Winterthurer Parfum-Unternehmen Gisada sorgte wegen der Verbindung von dessen Gründer zur islamistischen Szene für Aufsehen. Wird damit nicht ein falsches Zeichen gesetzt?

Jungen: Nein. Entscheidend ist, dass keine bestätigten Erkenntnisse vorliegen und keine Verfahren laufen. Das haben wir seriös abgeklärt und sind zu dem Schluss gekommen, dass einer Partnerschaft nichts im Wege steht. Ein Schluss übrigens, zu dem auch der FC Basel gelangt ist, der an der Partnerschaft mit Gisada festhielt.

Redaktion: In die Schlagzeilen geriet das ZFF unverschuldet wegen seines Flaggschiffkinos, dem Corso, das 2029 saniert, zu einem «Eventhaus» umgebaut und dann nicht mehr als Kino zur Verfügung stehen soll. Warum ist das Corso für das ZFF so wichtig beziehungsweise gibt es keine adäquaten Alternativen?

Jungen: Wenn es wirklich so kommt, würde uns dies vor echte Herausforderungen stellen. Heute ist das Corso ein Kino mit vier Sälen, die insgesamt über 1300 Plätze verfügen, wobei der grösste Saal mit 720 Plätzen auch der grösste, regelmässig bespielte Kinosaal der Schweiz ist.

Wird daraus wie geplant ein «Eventhaus», würden wir 3 Leinwände und eine Kapazität von etwa 800 Plätzen verlieren. Das ZFF könnte zumindest in seiner heutigen Form nicht mehr durchgeführt werden. Kommt hinzu, dass offenbar niemand ausserhalb des Stadtrats den Entscheid versteht.

Egal mit wem ich spreche – von Sportklub- und Wirtschaftsvertretern bis zu Zünftern – alle schütteln die Köpfe und wollen, dass das Corso ein Kino bleibt. Die aktuellen «Eventhäuser» wie das Kongresshaus, die Halle 622 usw. sind übrigens bei weitem nicht ausgebucht sind. Warum braucht es da ein weitere Eventlokalität?

Es gibt für uns in Zürich auch keine geeignete Alternative. Kein anderes Kino hat diese Kapazität, sowohl gesamt wie beim grössten Saal. Am nächsten kommt noch Arena 4 mit 521 Plätzen.

Die Grösse des Corso ist die Mindestgrösse, damit wir überhaupt die grossen Premieren bekommen. Dann ist da noch die zentrale Lage. Am Bellevue ist alles kompakt und nah.

Wird räumlich alles zerstückelt, raubt dies dem Festival die Seele. Abgesehen davon kann ich auch nicht mit einem Hollywoodstar im Tram vom Premierenkino etwa im Steinfelsareal in die Altstadt ins Restaurant fahren.

Redaktion: Diverse Parteien von rechts bis links wollen sich für den Erhalt des Kino Corso einsetzen. Wie sehen Sie die aktuellen Chancen? Und inwieweit ist das ZFF mit dem Stadtrat darüber im Gespräch?

Jungen: Wir sind ja nicht einmal die Hauptbetroffenen, werden aber dennoch in die Rolle des Wortführers gedrängt. Im Moment weiss ich nicht, wie wir damit umgehen sollen. Wir haben ja Verständnis, dass das Gebäude saniert werden muss.

Gehst du gerne ans Zurich Film Festival?

Aber nicht, dass es nach 80 Jahren Kinobetrieb nicht mehr als Kino zur Verfügung stehen soll. Ich konnte mich mit Stadtpräsident Raphael Golta schon austauschen – was ich übrigens sehr schätze – und die Bedeutung des Corso aufzeigen. Man darf nicht vergessen, dass Zürich pro Kopf gerechnet die grösste Kinostadt der Welt ist. Auf 41’4000 Einwohner kommen 63 Leinwände.

Und das Corso ist ein gewichtiger Teil davon. Ohne dieses Kino würde ein Teil der Geschichte und Identität Zürichs zerstört.

Redaktion: Zurück zum diesjährigen Festival. Was dürfen sich die Besucher keinesfalls entgehen lassen und was wünschen Sie sich persönlich für die 22. Ausgabe?

Jungen: Man sollte einfach mal auf den Sechseläutenplatz kommen und etwas im Festivalzentrum verweilen und die Atmosphäre aufsaugen.

Persönlich wünsche ich mir, das Zürich und die Besucher wie an den vergangenen ZFFs die zwinglianische Strenge ablegen, auftauen und sich dem frivol-mediterranen Gefühl hingeben. Und das die Leute neugierig sind und sich auch auf Filme einlassen, die ausserhalb ihrer sonstigen Präferenzen liegen .

Hinweis

Dieser Artikel ist zuerst im «Tagblatt Zürich» erschienen.

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