Thun: Klima-Tool des Bundes nur als Ergänzung genutzt
Die SP-Fraktion hat im Stadtrat nach dem BAFU-Online-Tool zur Klimaanpassung gefragt. Der Gemeinderat von Thun stützt sich lieber auf eigene Grundlagen.

Das Bundesamt für Umwelt (BAFU) hat im September 2025 ein neues Online-Tool zur Anpassung an den Klimawandel für Gemeinden lanciert. Das kostenlose Tool unterstützt Gemeinden dabei, klimabedingte Risiken zu beurteilen, geeignete Anpassungsmassnahmen zu identifizieren und von Erfahrungen anderer Gemeinden zu profitieren. Es umfasst unter anderem die Bereiche Hitzewellen, Sommertrockenheit, Wasserwirtschaft, Biodiversität sowie Planung, Bau und Unterhalt.
Die Nutzenden können zudem eigene Massnahmen und Erfahrungen einbringen und damit das Tool laufend weiterentwickeln.
Die Stadt Thun hat ihrerseits 2024/25 einen Leitfaden zur Klimaanpassung im öffentlichen Raum erarbeiten lassen. Der Leitfaden wurde vom Gemeinderat als verwaltungsanweisendes Instrument genehmigt, dient als stadtinterne Arbeitshilfe für Infrastrukturprojekte und behandelt unter anderem Hitzeminderung, Starkniederschlag, Schwammstadt, Stadtbäume und Biodiversität.
Der Sommer 2026 hat eindrücklich gezeigt, dass Klimaanpassung keine langfristige abstrakte Aufgabe mehr ist: Die Schweiz erlebte eine ausgeprägte Trockenheit, und auch unsere Region war von erheblicher Trockenheit betroffen. Das BAFU weist darauf hin, dass mit dem Klimawandel insbesondere längere und häufigere sommerliche Trockenperioden zu erwarten sind.
Angesichts der zunehmenden Häufigkeit von Hitze und Sommertrockenheit stellt sich aus unserer Sicht nicht mehr primär die Frage, ob Anpassungsmassnahmen notwendig sind, sondern wie systematisch und vorausschauend die Stadt Thun diese umsetzt. Das BAFU bezeichnet den Handlungsbedarf ausdrücklich als dringend.
Wir bitten deshalb den Gemeinderat um die Beantwortung der folgenden Fragen:
2. Nutzt die Stadt Thun dieses Tool bei der Beurteilung klimabedingter Risiken und bei der Planung und Priorisierung von Massnahmen zur Klimaanpassung? Falls ja: In welchen Bereichen? Falls nein: Weshalb nicht?
3. Wie werden die Erfahrungen aus dem Thuner Leitfaden zur Klimaanpassung im öffentlichen Raum und aus bereits umgesetzten Massnahmen in die weitere Klimaanpassung der Stadt einbezogen?
4. Das BAFU sieht ausdrücklich vor, dass Gemeinden eigene Massnahmen und Erfahrungen in das Online-Tool einbringen und damit zu dessen Weiterentwicklung beitragen. Beteiligt sich die Stadt Thun daran bzw. ist eine solche Beteiligung vorgesehen?
5. Welche konkreten Konsequenzen zieht der Gemeinderat aus der extremen Trockenheit und Hitze des Sommers 2026 für die Klimaanpassung in Thun, insbesondere hinsichtlich Stadtbäumen und Grünflächen, Wasserhaushalt, Beschattung und Entsiegelung?
Zu Frage 1:
Hat der Gemeinderat Kenntnis vom neuen Online-Tool des BAFU zur Anpassung an den Klimawandel für Gemeinden?
Ja, der Gemeinderat beziehungsweise die zuständigen Ämter und Fachstellen haben Kenntnis vom Online-Tool zur Anpassung an den Klimawandel für Gemeinden, das vom Bundesamt für Umwelt (BAFU) lanciert worden ist. Das Instrument wird als Unterstützung für Gemeinden gesehen, insbesondere falls es Bedarf für den Austausch von Erfahrungen, die Identifikation möglicher Handlungsfelder sowie die Orientierung an bewährten Praxisbeispielen gibt.
Für die Stadt Thun stellt das Online-Tool eine ergänzende Informationsquelle dar. Die Beurteilung klimabedingter Risiken sowie die Planung und Priorisierung von Anpassungsmassnahmen müssen jedoch primär auf lokalen Datengrundlagen, städtischen Fachplanungen, dem Leitfaden zur Klimaanpassung im öffentlichen Raum und den Erfahrungen aus konkreten Projekten beruhen.
Der Nutzen des Tools liegt insbesondere in der gebündelten Darstellung von Grundlagen, Handlungsmöglichkeiten und Praxisbeispielen. Für eine Stadt, die bereits über eigene Grundlagen, Fachwissen und zahlreiche Austauschmöglichkeiten verfügt, ist sein zusätzlicher Nutzen für die eigentliche Priorisierung von Massnahmen begrenzt. Die im Tool aufgeführten Beispiele müssen jeweils auf ihre Übertragbarkeit auf die räumlichen, betrieblichen und finanziellen Verhältnisse in Thun geprüft werden.
Entscheidender als ein zusätzliches Informationsinstrument sind aus Sicht der Stadt Thun verlässliche und harmonisierte Datengrundlagen, geeignete rechtliche Rahmenbedingungen, angepasste Normen, ausreichender kommunaler Handlungsspielraum sowie eine langfristige finanzielle Unterstützung durch Bund und Kanton. Diese Voraussetzungen werden auch vom Schweizerischen Städteverband als zentral für eine wirksame Klimaanpassung bezeichnet.
Der Leitfaden dient als verwaltungsanweisende Arbeitshilfe für Planungs-, Bau- und Unterhaltsprojekte im öffentlichen Raum. Seine Grundsätze werden bei neuen Vorhaben und Sanierungen projektbezogen berücksichtigt (z. B. Militärstrasse und Niesenstrasse).
Erfahrungen aus der Anwendung und aus bereits umgesetzten Massnahmen sollen laufend ausgewertet und in die weitere Planung einbezogen werden. Dazu gehören insbesondere Erkenntnisse Standortbedingungen und langfristiger Entwicklung von Stadtbäumen, Auswahl klimaangepasster Pflanzen und Baumarten, Dimensionierung und Unterhalt von Baumstandorten, Wasserrückhalt, Versickerung und Bewässerung, Wirkung unterschiedlicher Entsiegelungs- und Beschattungsmassnahmen, betrieblichen Anforderungen und Lebenszykluskosten.
Eine systematische Wirkungskontrolle ist dabei wichtiger als die reine Dokumentation einzelner Beispiele. Sie ermöglicht es, den Leitfaden aufgrund der praktischen Erfahrungen weiterzuentwickeln und Investitionen auf besonders wirksame Massnahmen auszurichten.
Voraussetzung dafür sind geeignete Indikatoren, belastbare Daten und ausreichende personelle Ressourcen.
Die Stadt Thun begrüsst den Wissenstransfer zwischen Gemeinden, Städten, Kantonen und Bund grundsätzlich. Das Online-Tool wird durch die Nutzenden erweitert, indem diese eigene Massnahmen erfassen und einem Themenbereich zuordnen.
Der fachliche Austausch zur Klimaanpassung erfolgt jedoch bereits heute über zahlreiche Netzwerke, Fachveranstaltungen, Arbeitsgruppen und direkte Kontakte. Eine zusätzliche Erfassung Thuner Beispiele im Online-Tool ist daher nicht Selbstzweck. Sie ist insbesondere dann sinnvoll, wenn:
eine Massnahme übertragbare Erkenntnisse liefert, ihre Wirkung ausreichend dokumentiert ist, die Aufbereitung mit verhältnismässigem Aufwand möglich ist und dadurch ein erkennbarer Mehrwert für andere Gemeinden entsteht.
Ob geeignete Thuner Praxisbeispiele eingebracht werden, wird deshalb fallweise geprüft. Vorrang haben die Umsetzung und die Auswertung konkreter Massnahmen vor Ort.
Gleichzeitig sollte der Bund das Instrument nicht nur als Sammlung kommunaler Beispiele verstehen. Ein grösserer Mehrwert entstünde, wenn darüber harmonisierte Daten und Bewertungsmethoden, belastbare Wirkungsinformationen, Finanzierungs- und Fördermöglichkeiten sowie aktuelle fachliche und rechtliche Grundlagen einfach zugänglich gemacht würden. Dies entspräche auch den Forderungen des Schweizerischen Städteverbands nach robusten Grundlagen, harmonisierten.
Die Trocken- und Hitzeperiode des Sommers 2026 bestätigt die bereits bekannten Herausforderungen durch den Klimawandel und die Notwendigkeit, die Widerstandsfähigkeit von Siedlungsraum und Infrastruktur weiter zu stärken.
Im Vordergrund stehen dabei insbesondere folgende Handlungsfelder:
Umsetzung des Leitfadens Klimaanpassung im öffentlichen Raum, Erhalt und Ausbau klimaresilienter Baum- und Grünbestände, Förderung von Entsiegelungen und wasserdurchlässigen Oberflächen, wo dies technisch und betrieblich möglich ist, Verbesserung des Wasserrückhalts und der Versickerung nach dem Schwammstadt-Prinzip, Schaffung und Sicherung von Beschattung durch Bäume sowie durch geeignete bauliche und gestalterische Massnahmen, Berücksichtigung der Anforderungen der Klimaanpassung bei Strassen-, Platz- und Hochbauprojekten, laufende Beobachtung der Auswirkungen von Hitze und Trockenheit sowie Einbezug neuer Erkenntnisse aus Forschung und Praxis.
Der Gemeinderat betrachtet die Klimaanpassung als dauerhafte Querschnittsaufgabe. Sie wird im Rahmen der verfügbaren personellen und finanziellen Ressourcen sowie der anstehenden Erneuerungs- und Investitionsvorhaben schrittweise umgesetzt.
Dabei ist festzuhalten, dass kommunale Massnahmen allein nicht ausreichen. Der Schweizerische Städteverband fordert mehr kommunalen Handlungsspielraum für Begrünung und Entsiegelung, bessere Datengrundlagen, harmonisierte Klimakarten und Messnetze, koordinierte Hitzeaktionspläne, angepasste Normen sowie eine verlässliche finanzielle Unterstützung durch Bund und Kantone.
Der Gemeinderat setzt sich deshalb im Rahmen seiner Möglichkeiten (z. B. via Städteverband, Vernehmlassungen) dafür ein, dass die Klimaanpassung nicht lediglich durch zusätzliche Informationsangebote unterstützt wird, sondern dass Bund und Kanton auch die für die konkrete Umsetzung notwendigen rechtlichen, fachlichen und finanziellen Voraussetzungen verbessern.






