St. Gallen: Kulturmuseum stellt unsere Steinzeitbilder auf Prüfstand
Das Kulturmuseum St. Gallen eröffnet am 5. September die Sonderausstellung «Stereotypes: Neanderthalerin».

Ein Fell, eine Keule, ein grimmiger Blick: Wer an Neanderthaler denkt, hat meistens einen Mann vor Augen. Doch dieses Bild blendet einen grossen Teil der damaligen Gesellschaft aus. Die interaktive Ausstellung «Stereotypes: Neanderthalerin» rückt ab 5. September 2026 Frauen, Kinder, ältere und unterstützungsbedürftige Menschen ins Zentrum. Vier Neanderthalerinnen führen das Publikum durch ihre Lebenswelten – wissenschaftlich fundiert, spielerisch und überraschend nahbar.
Das bekannte Bild des grobschlächtigen, primitiven Höhlenmenschen entstand in den Anfängen der Evolutionsforschung und verbreitete sich über Schulbücher, Literatur und Film. Frauen erscheinen darin, wenn überhaupt, meist im Hintergrund: an der Feuerstelle, bei häuslichen Tätigkeiten oder mit einem Kind auf dem Arm. Solche Darstellungen verraten jedoch häufig mehr über die Geschlechter- und Gesellschaftsvorstellungen des 20. Jahrhunderts als über das tatsächliche Leben in der Altsteinzeit.
Hier setzt die Ausstellung im Kulturmuseum St.Gallen an. Sie fragt, welche Vorstellungen wissenschaftlich belegt sind, wo moderne Rollenbilder unsere Deutungen beeinflussen – und was wir über Neanderthalerinnen schlicht noch nicht wissen.
«Die Ausstellung ersetzt das Klischee des starken Neanderthalermanns nicht einfach durch eine neue Neanderthalerin», sagt Kuratorin Leandra Reitmaier-Naef. «Sie zeigt, wie vielfältig diese Gemeinschaften gewesen sein dürften und wo auch die moderne Forschung zu keiner abschliessenden Aussage kommt. Gerade diese Offenheit lädt dazu ein, auch unsere eigenen Bilder und Erwartungen zu hinterfragen.»
Vier Stimmen aus der Altsteinzeit
Bereits zu Beginn entscheidet der Zufall, welcher von vier Neanderthalerinnen die Besucherinnen und Besucher begegnen. Eine ältere Frau mit grossem Erfahrungswissen, eine erwachsene Jägerin, eine Jugendliche aus Sibirien oder ein achtjähriges Kind aus dem Mittelmeerraum erzählen entlang von Audiospuren aus ihrem Leben.
Die Figuren sind fiktional, beruhen aber auf realen archäologischen Funden und aktueller Forschung. In Ich-Erzählungen führen sie durch unterschiedliche Zeiten, Klimazonen und Lebensräume – von den eisigen Regionen Sibiriens bis zu den Küsten Südeuropas. Dabei sprechen sie über Geburt und Muttersein, das Lernen in der Gruppe, Krankheit und Fürsorge, alltägliche Aufgaben sowie Begegnungen mit anderen Menschengruppen.
Die Ausstellung folgt keiner festgelegten Route. Jede Geschichte eröffnet einen eigenen Zugang; bei einem weiteren Rundgang kann eine andere Neanderthalerin kennengelernt werden.
Spuren statt Gewissheiten
Die persönlichen Erzählungen sind eng mit aktueller archäologischer, anthropologischer und genetischer Forschung verbunden. Knochen, Zähne und DNA geben Einblick in Ernährung, Verletzungen, Fürsorge, Mobilität und Begegnungen – lassen aber längst nicht auf jede Frage eine eindeutige Antwort zu. Besonders eindrücklich ist die Replik eines rund 90’000 Jahre alten Knochenfragments der etwa 13-jährigen «Denni»: Ihre Mutter war eine Neanderthalerin, ihr Vater ein Denisova-Mensch.
Die Ausstellung macht deshalb transparent, was wissenschaftlich belegt ist, was als plausibel gilt und wo unser Wissen endet. Gerade diese offenen Stellen zeigen, wie schnell moderne Vorstellungen und Rollenbilder zu vermeintlichen Gewissheiten über die Vergangenheit werden.
Forschung, die sich anfassen lässt
Die wissenschaftlichen Erkenntnisse werden nicht nur erklärt, sondern auch erfahrbar gemacht. Besucherinnen und Besucher können ausprobieren, wie sich ein Baby durch das Becken bewegt, aus Leder eine mögliche Babytrage entwickeln, mit einem Steinzeitmesser Leder schneiden oder eigene Fussspuren hinterlassen. Ein Stereotypen-Generator bringt vertraute Zuordnungen spielerisch durcheinander.
Klapptexte unterscheiden zwischen gesicherten Erkenntnissen, plausiblen Annahmen und offenen Fragen. Sogenannte Stereotype-Breaker nehmen verbreitete Behauptungen ins Visier: Waren alle Neanderthalerinnen Mütter? War Pflege Frauensache? Meisterten Männer die wichtigsten Aufgaben? Die Antworten sind selten so einfach, wie es das überlieferte Steinzeitbild vermuten lässt.
Die vom Neanderthal Museum in Mettmann entwickelte Ausstellung wird im Kulturmuseum St.Gallen um den regionalen archäologischen Kontext ergänzt. Nicht nur frühe Menschen in der Ostschweiz werden hier zum Thema, auch Ostschweizer Archäologinnen werden in ihrer Pionierrolle porträtiert. Eine Vertiefung in der archäologischen Dauerausstellung richtet sich besonders an Kinder und Familien; Schülerinnen und Schüler sowie interessierte Jugendliche und Erwachsene tauchen im Rundgang «Ab auf Stereotypen-Jagd» ins Thema ein.
Von uralter DNA bis zum modernen Frauenbild
Ein umfangreiches Begleitprogramm führt die Themen der Ausstellung weiter. Bereits am 10. September spricht der renommierte Paläogenetiker Prof. Dr. Johannes Krause vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie über uralte DNA und die menschliche Entwicklung von der Neanderthalerin bis heute.
Am 14. Januar 2027 beleuchtet die Gendermedizinerin Jeanne Moor blinde Flecken der modernen Medizin. Am 18. Februar folgt eine Lesung und ein Gespräch mit Ulli Lust. Für ihr Buch «Die Frau als Mensch» wurde die Illustratorin und Sachbuchautorin 2025 mit dem Deutschen Sachbuchpreis ausgezeichnet.
Mittags- und Sonntagsführungen, Museumscocktails, szenische Begegnungen mit Ostschweizer Archäologie-Pionierinnen, ein Pubquiz sowie Angebote für Kinder und Familien eröffnen weitere Zugänge. Zum Abschluss lädt das Kulturmuseum am 25. April 2027 zu «Steinzeit live!», einem grossen Mitmachfest.
«Stereotypes: Neanderthalerin» fragt nicht nur, wie Frauen, Kinder und ältere Menschen vor Zehntausenden Jahren gelebt haben könnten. Die Ausstellung zeigt auch, weshalb wir sie in unseren Bildern der Vergangenheit so lange kaum gesehen haben. Denn ein Speer verrät heute nicht mehr, wer ihn einst verwendet hat. Die Ausstellung stellt den vertrauten Bildern in unseren Köpfen deshalb neue Möglichkeiten zur Seite – ohne eine davon zur Gewissheit zu erklären.







