Wie die Gemeinde Regensdorf mitteilt, nimmt die neue Überbauung Rägipark bereits Formen an.
Gemeindehaus Regensdorf - Regensdorf
Gemeindehaus Regensdorf - Regensdorf - Nau.ch / Stephanie van de Wiel

Das 21 Hektaren grosse Gebiet «Bahnhof-Nord» in Regensdorf ist eines der grössten und am besten erschlossenen Entwicklungsgebiete im Kanton Zürich. Gemäss den Vorstellungen der Gemeinde soll das ehemalige Industriegebiet bei Vollausbau «Platz für etwa 7500 bis 8500 Einwohner und Arbeitsplätze» bieten. 2015 wurde der Entwicklungsvertrag unterzeichnet, in dem die wesentlichen Planungsgrundlagen festgelegt und auch die Infrastrukturkostenbeteiligung durch die Grundeigentümer geregelt wurden.

Seither ist einiges passiert, das meiste davon im Hintergrund. Weitherum sichtbar waren jedoch bis vor Kurzem die beiden ausgesteckten Hochhäuser auf dem Zwhatt-Areal. Zudem wurde im April 2021 das markante Studer-Revox-Gebäude, das direkt am Bahnhof lag, abgerissen. Dies lässt erahnen, was aus diesen Planungen entstehen wird.

Das Gebiet Bahnhof-Nord besteht aus verschiedenen Teilgebieten: Das Gebiet zwischen den Wäldern Hard­hölzli und Schlatt ist heute eine wilde Mischung aus unterschiedlich bebauten und genutzten Flächen. Das Spektrum reicht von einer grünen Wiese über einen Parkplatz und Betriebshallen bis hin zu Neubauten, wie dem 2014 fertiggestellten «Sophienpark».

Diese Überbauung liegt gegenüber dem Zwhatt-Areal an der zukünftigen Furttalpromenade – einer Allee, die das gestalterische und atmosphärische Bindeglied der gesamten Gebietsentwicklung werden soll. Jeweils nördlich und südlich der Allee reihen sich die insgesamt 17 Baufelder aneinander.

Charrette-Verfahren soll klare Aussagen generieren

Das Zwhatt-Areal kann als Herzstück der Gebietsentwicklung verstanden werden. Die Furttalpromenade inklusive Zwhattplatz wird an dieser Stelle ihren ersten baulichen Ausdruck erhalten und einen stadträumlichen Qualitäts­standard für die weitere Entwicklung setzen. 2016 erwarb die Anlagestiftung Turidomus, vertreten durch die Pensimo Management AG, drei Baufelder auf dem ehemaligen Gretag-Areal.

Für dieses Areal, das inzwischen als Stadtquartier «Zwhatt» firmiert, existierte bereits ein städtebauliches Richtprojekt als Ergebnis eines von der Vorbesitzerin durchgeführten Studienauftrags. Anfang 2018 wurde der darauf aufbauende Gestaltungsplan rechtskräftig.

Die Pensimo Management AG war sich bewusst, dass das Zwhatt-Areal entscheidend für die Entwicklung und das Image des gesamten neuen Stadtteils Bahnhof-Nord sein würde. Zudem hatten sich zwischen 2014 und 2018 verschiedene Rahmenbedingungen für die Areal-Entwicklung verändert. Vor diesem Hintergrund entschied sich Pensimo, das bestehende Richtprojekt zu hinterfragen und den rechtsgültigen Gestaltungsplan im Hinblick auf «verstecktes Potenzial» hin zu überprüfen.

Es gab jedoch kein Norm-Verfahren, das für dieses aussergewöhnliche Vorhaben passte. Deshalb konzipierte man unter dem Namen «Charrette» ein mass­geschneidertes Vorgehen, bei dem weniger der Wettbewerb, als der Dialog zwischen interdisziplinären Teams im Zentrum stehen sollte. Am Ende sollte das Charrette-Verfahren aber trotzdem klare Aussagen zur städte­baulichen Setzung und zu den einzelnen Baukörpern generieren. Die Resultate aus dem neuartigen Vorgehen sollten auch dazu beitragen, die Aufgabenstellungen allfälliger Folgeverfahren zu präzisieren.

50 Teams nahmen am Charette-Verfahren teil

Anfang 2018 bewarben sich 50 Teams aus dem In- und Ausland zur Teilnahme am Charette-Verfahren. 20 Beiträge wurden von einem «Projektrat» ausgewählt und zu einem zweitägigen Ideenworkshop eingeladen, der im März 2018 stattfand. Basierend auf den Workshop-Ergebnissen wurden schliesslich fünf Teams für eine mehrmonatige, vertiefende Phase ausgewählt. Diese Phase, die eigentliche «Charette», umfasste auch zwei weitere «Dialogtage» für den fachdisziplinspezifischen Austausch unter den Teams.

Gemäss Birgit Hattenkofer, Leiterin Development bei Pensimo, wurde mit dem Verfahren die städtebauliche Grundlage für das Zwhatt-Areal entscheidend verbessert und es konnten Aufträge für die Projektierung mehrerer Gebäude erteilt werden. Weil der Verfahrensansatz auf intensiven Austausch ausgelegt war, bildeten die nach und nach beauftragten (Architektur-)Büros eine Kerngruppe von Fachleuten und Planungsteams. Diese verfügten für die wichtigen Abstimmungsprozesse das nötige Mass an Einbindung und Informiertheit.

Das Charrette-Verfahren lieferte neben städtebaulichen Perimetern zu den einzelnen Baufeldern auch Vorstellungen zu den «programmatischen Charakteren» und Zielgruppen, welches jedes einzelne Gebäude für das Quartier übernehmen sollte. Nur für eines der beiden Hochhäusern wurde ein klassischer Studienauftrag durchgeführt. Für die restlichen Gebäude wurden schlanke und innovative Konkurrenzverfahren durchgeführt. Für den markanten Längsbau wurde zum Beispiel ein «Suffizienzpitch» organisiert.

Die Bauherrin versteht darunter «ein kompaktes, darstellungsoffenes, interdisziplinäres Verfahren zur Evaluation eines Partners samt eines schlüsselfertigen Produkts für die Planung und Realisierung» des Gebäudes. Für den Gewerbebau wurde eine «Skizzenqualifikation» durchgeführt, um Projektideen beurteilen und die Vorstellungen zu den künftigen Nutzungen präzisieren zu können.

Die verschiedenen Verfahren zeichneten sich auch dadurch aus, dass thematische Aufgabenstellungen anstatt der sonst üblichen Wettbewerbsprogramme erarbeitet wurden. Dadurch konnten Vorschläge entwickelt werden, die den jeweils spezifischen Anforderungen der einzelnen Projekte gerecht wurden.

Entwicklung auf dem Zwhatt-Areal

Das Charrette-Verfahren hat schliesslich auch zu einer Dynamisierung des Planungsprozesses beigetragen. Im Oktober 2020 hat die Bauherrin insgesamt 13 Baugesuche für die 1. Bauetappe eingereicht. Allerdings verzögert sich deren Bewilligung weiter, unter anderem weil sich zwischenzeitlich Änderungen beim Ausbau der Wehntalerstrasse durch den Kanton ergeben haben.

Zusammenfassend zeigt die Entwicklung auf dem Zwhatt-Areal also: Prozesse zur Transformation und Innen­entwicklung können mit innovativen Verfahren optimiert werden. Die Eigentümerschaften müssen aber bereit sein, sich nicht nur auf die üblichen Norm-Verfahren zu verlassen und gewisse Prozessrisiken in Kauf zu nehmen.

Das Charette-Verfahren und die massgeschneiderten Folgeverfahren wirkten aber nicht nur prozess­beschleunigend und qualitätssteigernd: Als zusätzlicher Mehrwert entwickelte sich aus den einzelnen General­planer-Teams arealübergreifend eine Kerngruppe von Fachleuten und Planungsteams, welche dank institu­tio­nali­sierten Austauschs nicht nur zur gestalterischen Abstimmung zwischen den einzelnen Bauprojekten beitragen konnte.

Dank des weitgehenden Verzichts auf die sonst üblichen Wettbewerbsprogramme rückten schliesslich thematische Aufgabenstellungen in den Vordergrund, die situativ angepasste Lösungsansätze für die einzelnen Projekte ermöglichten. Zwhatt ist also ein durchaus lehrreiches Labor der Innenentwicklung, das mit der 1. Bauetappe noch nicht abgeschlossen sein wird – die Fortsetzung folgt in der 2. Bauetappe.

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