Buehne: Uraufführung über eine ungeplante Schwangerschaft
In der Alten Reithalle in Aarau feiert «Wälder im Frühling» am 14. Oktober 2026 Premiere. Vier Jugendliche ringen darin um eine Entscheidung.

Jen ist 17 und vielleicht schwanger. Plötzlich stehen Fragen im Raum, die eigentlich viel zu gross sind: Wie möchte ich leben? Was stelle ich mir unter Familie vor? Will ich überhaupt eine Familie gründen?
Gemeinsam mit ihren Freundinnen Nini und Ka versucht Jen herauszufinden, wie sie ihre Zukunft gestalten möchte. Zwischen Zukunftsfantasien, Streit und gut gemeinten Ratschlägen wird ihre Freundschaft zum Ort, an dem mögliche Lebensentwürfe ausprobiert und wieder verworfen werden.
Auch Luis, der nicht der Vater sein kann, muss sich entscheiden, welche Rolle er einnehmen möchte.
Mit direkter Sprache und absurdem Humor erzählt Eva Rottman (Schweizer Jugendbuchpreis 2025 für «Fucking fucking schön») vom Erwachsenwerden. Eine ungeplante Schwangerschaft wird zum Ausgangspunkt für unterschiedliche Vorstellungen von Zusammenleben und Selbstbestimmung, Klassenzugehörigkeit und reproduktiven Rechten.
Bei der Jungen Marie erarbeiten junge Erwachsene ohne Schauspielausbildung unter professioneller Leitung ein Theaterstück, das sich an ein junges Publikum richtet. Mit ihren eigenen Blicken auf Körper, Consent und Zukunftsängste entsteht eine zeitgenössische Inszenierung, die unterschiedliche Perspektiven zu Wort kommen lässt.
Spiel: Lina Ammann, Sora Ndiaye, Mara Staehelin, Neftalem Tewelde Tekeste Ausstattung: Mikki Levy-Strasser Musik, Sounddesign: Marlena Kressin Choreografie: Elisa Bruder Theaterpädagogik, Vermittlung: Andrea Brunner Dramaturgie: Manuel Bürgin Regieassistenz: Vivienne Giulia Vogt Ton: Peter Luginbühl Technik: Tonio Finkam, Andreas Bächli Koproduktion: Bühne Aaraa, Kurtheater Baden Gefördert durch Aargauer Kuratorium, Stadt Aarau, Beisheim Stiftung, Godi Hertig Stiftung Sprache: Deutsch Altersempfehlung: ab 14 Jahren Bühne Aarau Alte Reithalle Mi, 14.10.2026, 19 Uhr – Premiere Sa, 17.10.2026, 19 Uhr Do, 15.10.2026, 10 Uhr – Schulvorstellung Fr, 16.10.2026, 10 Uhr Kurtheater Baden Di, 27.10.2026, 19 Uhr Mi, 28.10.2026, 10 Uhr – Schulvorstellung Vorstellungen im Tojo Theater Reitschule Bern im März Weitere Vorstellungen sind in Vorbereitung.
«Wälder im Frühling» erzählt von einer ungewollten Schwangerschaft im Jugendalter und von drei Freundinnen und Freunden und einem jungen Mann, die zwischen Panik, Romantisierung und Zynismus versuchen, eine Entscheidung zu treffen. Die Dialoge verhandeln die Themen Schwangerschaftsabbruch, Kinderwunsch, Mutterschaft, religiöse Überzeugungen, Sexualaufklärung, Slut-Shaming und Klassenfragen ohne pädagogischen Filter und mit einer Genauigkeit, die für junges Publikum selten zu sehen ist.
Fragen von Klassismus und Herkunft durchziehen den Text anhand der vier Figuren: Jen kommt aus einer Familie, in der das Geld am Monatsende fehlt und der Stolz auf das Gymnasium-Kind mit grossem Druck gekoppelt ist. Nini kommt aus einem bildungsbürgerlichen Akademiker-Haushalt, in dem Aufklärungsbücher und Zykluswissen selbstverständlich sind. Figur Ka lebt mit einer biografischen Ambivalenz zwischen einem Vater, der «einfach will, dass sie glücklich ist», und einer Mutter, die eigene unerfüllte Erwartungen auf die Tochter projiziert.
Luis wiederum ist zwar nicht der Vater des erwarteten Kindes, aber so in Jen verliebt, dass er bereit ist, mit ihr das Kind grosszuziehen.
Warum dieses Stück heute?
Eva Rottmann zeichnet klare Figurenbiografien, ohne schubladisierend zu sein. Sie hat das Stück bereits 2017 verfasst und 2026 ist der Stoff noch immer aktuell. Die Geschichte von Jen und ihren Freundinnen und Freunde wird vor den Debatten um reproduktive Rechte, Safe Spaces, sexualisierte Gewalt und die sichtbare Backlash-Bewegung gegen feministische Errungenschaften gelesen.
Der Text wird in Absprache mit der Autorin und deren Verlag aktualisiert. So werden einzelne Textstellen während der Probenarbeit gekürzt oder erweitert. Geplant sind Ergänzungen von Pronomen- und Identitätsmarkierungen dort, wo heutige Selbstbezeichnungen eine Rolle spielen könnten (z.B. queere Familienbilder, nicht-binäre Perspektiven), sowie Aktualisierungen von Referenzen wie Zyklus-Apps, Social-Media-Plattformen und Ikonen, die Jugendliche 2026 tatsächlich kennen.
«Wälder im Frühling» verbindet eine witzige, manchmal brutale Sprache mit einem Thema, das zu selten offen verhandelt wird. Während im öffentlichen Diskurs abstrakt über Selbstbestimmung gesprochen wird, zeigt der Text, wie sich diese Fragen im Alltag einer 17-Jährigen anfühlen: bei der Frage, welcher Schwangerschaftstest der richtige ist, beim Chat in der Whatsapp-Gruppe, auf der Parkbank.
Es geht in «Wälder im Frühling» aber nicht nur um das Thema Schwangerschaft, sondern vielmehr um die Frage, wie wir Verantwortung für unser Leben übernehmen und welche Entscheidungen unsere Zukunft beeinflussen.
In der Reihe der Jungen Marie Produktionen seit 2022 ist das Stück eine logische Fortsetzung: Nach Körperbildern («bodybild» 2022), Zugehörigkeit («I want to belong» 2024) und Klassismus («Dunst» 2025) geht es nun um die Schnittstelle von Körper, Klasse und Zukunft. Wer kann sich ein Kind leisten? Wer trägt die Care-Arbeit, wer trifft Entscheidungen, wer darf ambivalente Gefühle haben?
Diese Fragen gehen Jugendliche etwas an, gerade in einer Gegenwart, in der psychische Belastungen steigen und biografische Planung unsicherer wird.
Für das Publikum ab 14 eröffnet der Theaterabend einen Erfahrungsraum, in dem Wut, Scham, Überforderung, Humor und Zärtlichkeit nebeneinander existieren dürfen. Das Stück bietet keine einfache Antwort auf die Frage «Abbruch oder Elternschaft?», sondern zeigt, wie komplex und biografisch eingebettet eine solche Entscheidung ist und wie sehr sie mit Herkunft, Geschlechterrollen und gesellschaftlichen Erwartungen verwoben bleibt.
Ästhetik und Figuren
Die Spielerinnen und Spieler wechseln zwischen Figur und je einem Avatar: Jen/Teletubby, Nini/Jungfrau Maria, Ka/Spermium und Luis/Einhorn. Diese Doppel-Identitäten werden sichtbar gemacht durch Kostümfragmente, Masken sowie Licht- und Soundwechsel. Die Avatare sind keine Fluchtfiguren, sondern Gestalt gewordene innere Zustände.
Diese vermeintlich fantastische Ebene wird in der Inszenierung bewusst realer verhandelt als die «Realität»: die Szenen spielen im hellen Tageslicht, klar und nüchtern, während die reale Ebene zunächst überzeichnet, schnell und körperlich verhandelt wird. So wird das Fantastische konkret, während die Realität ins Expressive kippt. Im Lauf der Inszenierung beginnen sich beide Ebenen ineinanderzuschieben.
Die Ästhetik orientiert sich an der Lebensrealität junger Menschen von heute und macht zugleich Exkursionen ins Fantastische und Surreale. Bühne und Kostüme bilden einen starken bunten Kontrast zum dunklen, unendlich wirkenden Raum, der die Spielenden umgibt.
Junge Marie
Jährlich realisiert die Junge Marie eine Theaterproduktion unter professioneller Leitung. So bietet der freie Theaterproduktionsort Theater Marie jungen Menschen ohne Schauspielstudium oder professionelle Erfahrung die Möglichkeit, sich auf der Bühne auszuprobieren und den Alltag als Schauspieler kennenzulernen.
Nach einer Ausschreibung lernen die Jugendlichen in einem Workshop einander und das Produktionsteam kennen. In einem mehrstufigen Castingprozess werden schliesslich die Spielenden ausgewählt, die gemeinsam mit einem professionellen Leitungsteam eine Inszenierung für ein junges Publikum erarbeiten.
Kenza Nessaf – Regie
Kenza Nessaf (sie/ihr) ist Theaterregisseurin. In ihren Arbeiten widmet sie sich ermächtigenden Erzählpositionen, kollektiver Sinnproduktion und Erzählen als widerständiger Praxis. Sie untersucht, wie sich Bedeutung über Körper, Sprache und Bewegung herstellt und wie performative Strategien gesellschaftliche Spannungen sichtbar machen, ohne sie in feste Gegensätze zu überführen.
Von 2017/2018 bis 2019/2020 war sie Regieassistentin am Pfalztheater Kaiserslautern, von 2019/2020 bis 2022/2023 am Theater Neumarkt. Seit 2021/22 realisiert sie dort eigene Arbeiten als Regisseurin und ist zudem als Vermittlerin an der Schnittstelle von Schule und Theater tätig.
Zu ihren Regiearbeiten zählen unter anderem «Frauengold – (Un)Doing Silence» am Theater Neumarkt sowie «MONSTRARE» am Theater Freiburg. In den Spielzeiten 2023/24 und 2024/25 war sie Co-Leiterin des Jugendclubs 2 am Schauspielhaus Zürich und entwickelte zwei Stücke mit Jugendlichen. 2025/26 konzipiert sie gemeinsam mit Mable Preach, Azeret Koua, Constanze Kaiser und Katharina Oberlik den kollektiven Abend «BASSANO».
Im Sommer 2026 schloss sie ihr Studium der Theaterregie an der Zürcher Hochschule der Künste ab.
Mikki Levy-Strasser – Ausstattung
Mikki Levy-Strasser hat seit 2022 die Junge Marie Projekte «bodybild», «I want to belong (and sing a song)» und «Dunst» ausgestattet und begleitet das Team von Theater Marie und die Produktionen der Jungen Marie kontinuierlich.
Geboren 1990 in Zürich, arbeitet Mikki Levy Strasser als Szenograf und Kostümbildner und ist Veranstalter in der Kultur. Er schloss 2014 seinen Bachelor of Arts an der ZHdK ab. In den Jahren während und nach dem Studium arbeitete er als Bühnen- und Kostümassistent am Theater Neumarkt und am Theater Basel, unter anderem in Produktionen von Thom Luz, Robert Borgmann, Julia Hölscher und Barbara Weber.
Seit 2017 arbeitet er als freischaffender Bühnen- und Kostümbildner und kuratierte gemeinsam mit der Regisseurin Laura Koerfer das Hyperlokal in Zürich. Im Frühling 2018 gestalteter er das Bühnenbild für «Hate», (Regie: Dominik Locher) am Fabriktheater in Zürich. Mit Fiona Schreier entwickelt er nicht nur Schulprojekte, wie im Februar 2020 an der FMS Basel, sondern erarbeitet in unterschiedlichen Konstellationen theatrale und performative Erlebnisse.
Neben dem Theater ist er seit ein paar Jahren stark im Nachtleben von Zürich involviert und verantwortlich für die Gestaltung diverser Events und Festivals. Darunter die Château Festivals im französischen Burgund und das lila. queerfestival. Zusammen mit Samuel Schwarz gestaltet er 2020/21 das Programm der Corona Stage Max-Frisch-Bad im Freibad Letzigraben und.
Marlena Kressin – Musik
Marlena Kressin arbeitet seit 2023 als freie Theaterkomponistin in Produktionen in Deutschland und der Schweiz. Parallel entwickelt sie unter dem Namen Marlena Käthe ihre eigene musikalische Sprache: Ihre Songs bewegen sich zwischen Art-Pop, Dark Folk, ätherischer Folklore und zeitgenössischer Poesie. Nach der EP AGED (2021) erschien 2025 AMOR.
Kressins Musik verbindet eine fragile und zugleich wandlungsfähige Stimme mit unkonventionellen elektroakustischen Arrangements und modernen Produktionsweisen. Ihre Arbeiten schaffen dichte, poetische Klangräume – als Zuflucht und Resonanzraum für die Widersprüche der Gegenwart.
Elisa Bruder – Choreografie
Elisa Bruder bewegt sich zwischen Performance, Physical Theatre und Tanz. Mit einer Mischung aus Selbstironie, politischen Statements und einem visuellen Fokus schafft sie Performances, als Solo oder in kollektiven Prozessen, die unter anderem an Orten wie dem Zürcher Theaterspektakel, Südpol, Burgbachkeller, Bühne Aarau, Gessnerallee und international in Breslau, Wien oder Sofia gezeigt wurden. Mit einem Bachelor-Abschluss in Bildender Kunst (ZHdK), einer Grundausbildung in Bühnentanz (Zeitgenössisch und Urban-Styles) und einem Master in Physical Theatre an der Accademia Dimitri sucht sie kontinuierlich nach ihrer eigenen Ausdrucksform.










