Bern: Medtech wächst – doch die Schweiz verliert an Boden

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Die Schweizer Medizintechnik wuchs laut der am 10. September 2026 in Bern vorgestellten Branchenstudie um 5,5 Prozent.

Bern
Gemeindehaus. (Symbolbild) - Nau.ch / Simone Imhof

Die gute Nachricht zuerst: Die Schweizer Medizintechnikindustrie zeigt sich trotz eines anspruchsvollen Umfelds robust. Mit einem jährlichen Umsatzplus von 5,5 Prozent in den vergangenen zwei Jahren ist die Branche doppelt so stark gewachsen wie die Schweizer Gesamtwirtschaft. Besorgniserregend ist jedoch, dass die traditionell hohe Attraktivität der Schweiz als Medtech-Standort spürbar nachlässt: Zuletzt entstanden netto nur noch rund 200 neue Arbeitsplätze, 43 Prozent der Unternehmen planen keine Investitionen, und die Investitionen in Produktion sowie Forschung und Entwicklung gehen zurück.

Swiss Medtech fordert deshalb gezielte Verbesserungen der Standortbedingungen – insbesondere den konsequenten Abbau unnötiger Bürokratie und den Verzicht auf zusätzliche Belastungen für die Medtech-Unternehmen.

Wie entwickelt sich die Schweizer Medtech-Branche, und was beschäftigt sie? Antworten darauf liefert Swiss Medtech alle zwei Jahre mit ihrer Branchenstudie. Die aktuelle, in Zusammenarbeit mit der Helbling-Gruppe erarbeitete zehnte Ausgabe zeigt: Die Unternehmen sind weiterhin erfolgreich, doch die Standortbedingungen verschlechtern sich.

«Die Frage ist nicht, ob die Schweizer Medtech-Branche Zukunft hat. Sie hat Zukunft. Die Frage ist: Findet diese Zukunft in der Schweiz statt? Das ist die zentrale politische Frage dieser Studie», sagt Damian Müller, Ständerat und Präsident von Swiss Medtech.

Medtech – Schlüsselbranche der Schweizer Wirtschaft

Die Schweizer Medizintechnikindustrie zählt zu den bedeutenden Industriezweigen des Landes. Die rund 1’400 Medtech-Unternehmen beschäftigen fast 72’000 Personen. Mit einem Umsatzwachstum von 5,5 Prozent in den vergangenen zwei Jahren ist die Branche doppelt so stark gewachsen wie die Schweizer Gesamtwirtschaft und trägt rund 10 Prozent zur industriellen Wertschöpfung bei.

Sie verzeichnet Exporte von rund 12 Milliarden Franken und erwirtschaftet einen Handelsbilanzüberschuss von 5,5 Milliarden Franken – den drittgrössten der Schweiz. Mehr als die Hälfte der Exporte und Importe entfällt auf Europa; die USA sowie die übrigen Länder der Welt machen jeweils rund einen Viertel aus. Zudem investiert die Branche rund 12 Prozent ihres Umsatzes in Forschung und Entwicklung und zählt damit zu den forschungsintensivsten Industrien.

Gleichzeitig leistet die Medtech-Branche einen wichtigen Beitrag zur Gesundheitsversorgung. Ihr Anteil an den gesamten Gesundheitskosten beträgt 7,9 Prozent, und das langfristige Kostenwachstum liegt mit 1,9 Prozent deutlich unter demjenigen der Gesundheitskosten insgesamt von 3,3 Prozent.

«Das sind nicht einfach schöne Kennzahlen für eine Branchenbroschüre. Das ist erfolgreiche Schweizer Wirtschaft und Innovation in der Praxis», sagt Damian Müller.

Die Schweiz verliert als Standort für Medtech-Unternehmen an Attraktivität

Die wirtschaftlichen Kennzahlen zeigen, dass die Branche weiterhin leistungsfähig ist. Gleichzeitig mehren sich die Anzeichen, dass der Standort Schweiz unter Druck gerät. Mehr als die Hälfte der Unternehmen beurteilt die Standortattraktivität der Schweiz heute schlechter als vor fünf Jahren.

Besonders deutlich zeigt sich die nachlassende Standortattraktivität bei Beschäftigung und Investitionen. Die Rekrutierungsabsichten der Unternehmen sind zurückgegangen und das Beschäftigungswachstum ist praktisch zum Stillstand gekommen. Netto wurden zuletzt lediglich rund 200 neue Arbeitsplätze geschaffen – deutlich weniger als der Zehnjahresdurchschnitt von rund 1’500 Stellen.

Gleichzeitig planen 43 Prozent der Unternehmen keine Investitionen – so viele wie noch nie seit Beginn der Erhebung. Besonders stark rückläufig sind die geplanten Investitionen in die Produktion sowie in Forschung und Entwicklung. Auch die Gründe für Investitionen in der Schweiz verändern sich: Das klassische Medtech-Knowhow, für welches die Schweiz bekannt ist, verliert an Bedeutung und steht erstmals seit 2018 nicht mehr an erster Stelle.

Simon Michel, CEO von Ypsomed, konkretisiert die Warnsignale: «Als Unternehmer stelle ich mir natürlich die Fragen: Wo investieren wir als Nächstes? Wo bauen wir ein weiteres Werk für Pens und Autoinjektoren? Unsere Analysen zeigen deutlich, dass Standorte in der EU, aber auch in China und den USA gegenüber der Schweiz an Attraktivität gewonnen haben.»

Grösste Herausforderung: Kostendruck

Die Schweizer Medtech-Unternehmen haben ihre hohe Agilität in den vergangenen Jahren mehrfach unter Beweis gestellt. Doch auch diese Anpassungsfähigkeit hat Grenzen: Der anhaltende Kostendruck ist neu die grösste Herausforderung. Als besonders belastend werden Zölle und bürokratische Hürden wahrgenommen.

Die Branche fordert deshalb von der Politik, Handelshemmnisse durch internationale Abkommen abzubauen und die administrative Belastung im Inland zu reduzieren.

«Die Schweizer Medtech-Industrie ist international erfolgreich, doch ihre Wettbewerbsfähigkeit ist kein Selbstläufer. Wenn die Belastungen von aussen zunehmen, darf der Staat die Unternehmen im Inland nicht zusätzlich belasten. Es braucht jetzt gezielten Bürokratieabbau und spürbare Entlastungen – nicht neue Hürden und Kosten. Bürokratieabbau ist Wirtschaftspolitik. Unsere Unternehmen wollen weiter investieren und innovieren. Dafür braucht es einen Standort, der mit ihnen Schritt hält», sagt Damian Müller.

Grösste Chance: Künstliche Intelligenz und Digitalisierung

Neben den aktuellen Herausforderungen sieht die Branche auch grosse Chancen für die Zukunft. Das grösste Potenzial sehen die Unternehmen unverändert in der künstlichen Intelligenz und Digitalisierung. Der Wandel von klassischen Medizinprodukten hin zu integrierten, patientennahen Lösungsangeboten ist Ausdruck dieser Entwicklung.

Das dafür erforderliche Knowhow ist in der Schweiz jedoch nur begrenzt verfügbar. Deshalb bauen Unternehmen Teams mit den entsprechenden Kompetenzen zunehmend im Ausland auf.

«Die Schweiz verfügt über beste Voraussetzungen, um bei der nächsten Innovationswelle eine führende Rolle einzunehmen. Dieses Potenzial müssen wir konsequenter nutzen. Damit die Wertschöpfung in der Schweiz bleibt, müssen wir digitale Kompetenzen gezielt stärken und die Rahmenbedingungen für Innovation weiter verbessern», sagt Adrian Hunn, Direktor von Swiss Medtech.

Swiss Medtech vertritt als Branchenverband der Schweizer Medizintechnik über 800 Mitglieder. Mit 72’000 Beschäftigten und einem Beitrag von über 10 Prozent zur positiven Handelsbilanz der Schweiz ist die Medizintechnik eine volkswirtschaftlich bedeutende Branche. Swiss Medtech tritt ein für ein Umfeld, in welchem die Medizintechnik Spitzenleistungen zugunsten einer erstklassigen medizinischen Versorgung erbringen kann.

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