Bern: Fokussierte Unternehmen sind an der Börse erfolgreicher
Eine Studie unter Leitung der Universität Bern zeigt, dass Firmen mit klaren Stärken höhere Renditen erzielen als solche, die überall gleichmässig gut sind.

Eine Studie unter der Leitung der Universität Bern kommt dem Erfolgsgeheimnis führender Unternehmen auf die Spur. Forschende des Instituts für Marketing und Unternehmensführung verglichen die Börsenperformance der grössten US-Unternehmen über mehr als zehn Jahre. Sie stellten fest, dass Firmen mit besonderen Stärken in einzelnen Bereichen erfolgreicher sind als solche, die über mehrere Bereiche hinweg gleichmässige Stärken aufweisen. Diese riskieren sogar Mittelmässigkeit.
Für Führungskräfte und Investorinnen und Investoren heisst das: Stärken erkennen und gezielt daraufsetzen.
Unternehmen sollen Kundinnen und Kunden überzeugen, Mitarbeitende halten, Neues entwickeln und gesellschaftliche Verantwortung übernehmen. Doch Zeit und Geld sind begrenzt. Wo soll das Management investieren?
In den Abbau von Schwächen oder den Ausbau von Stärken?
Ein Forschungsteam der Abteilung Marketing am Institut für Marketing und Unternehmensführung der Universität Bern untersuchte diese Frage gemeinsam mit Forschenden der Berner Fachhochschule und der Drucker School of Management in den USA. Sie kommen zum Schluss: klare Schwerpunkte innerhalb eines insgesamt gut aufgestellten Unternehmens zahlen sich aus. Besonders ins Auge fällt die Organisationskultur: Firmen mit einer Bestbewertung bezüglich Organisationskultur erzielten die höchste Börsenperformance.
Die Studie erschien im Businessjournal Corporate Reputation Review und wurde von Jonathan Matzinger vom Institut für Marketing und Unternehmensführung der Universität Bern geleitet.
Einzigartige Datengrundlage
Für ihre Studie nutzten die Forschenden Bewertungen der Drucker School of Management zu Organisationskultur, Kundenzufriedenheit, Innovationsfähigkeit, gesellschaftlicher Verantwortung und finanzieller Stärke der grössten US-Unternehmen. Diese Bewertungen verbinden Einschätzungen verschiedener Anspruchsgruppen mit weiteren Unternehmensdaten und ermitteln einen Score für jeden Bereich. «Diese Daten sind in ihrem Umfang und ihrer Tiefe einmalig und lassen fundierte Einschätzungen zu», sagt Jonathan Matzinger, Erstautor der Studie.
Das Team bildete Aktienportfolios aus Unternehmen des Aktienindexes S&P 500, die dem jeweiligen Stärkenprofil entsprachen. Die Aktien wurden gleich gewichtet, die Auswahl jährlich aktualisiert und die Renditen von 2013 bis 2023 verglichen. Dabei enthielt ein Portfolio Firmen mit besonders ausgeprägten Stärken und relativen Schwächen.
Ein anderes umfasste hingegen Firmen mit möglichst gleichmässig hohen Bewertungen über alle Bereiche. Zusätzlich bildete das Team Portfolios mit den am besten bewerteten Firmen in den einzelnen Bereichen.
Besondere Stärken zahlen sich aus Das Portfolio der Firmen mit ausgeprägten Stärken und relativen Schwächen erzielte eine durchschnittliche jährliche Rendite von 20,0 Prozent. Beim Portfolio mit gleichmässig hohen Bewertungen waren es 15,1 Prozent, beim S&P 500 im selben Zeitraum 13,8 Prozent. Auch nach Berücksichtigung gängiger Risikofaktoren blieb für das Portfolio mit besonderen Stärken ein statistisch nachweisbarer Renditevorteil gegenüber dem Markt bestehen.
Für das gleichmässig starke Portfolio liess sich ein solcher Vorteil nicht nachweisen. «Ein Unternehmen muss also nicht in jedem Bereich gleich stark sein. Unsere Ergebnisse legen nahe, dass besondere Stärken relative Schwächen ausgleichen können», sagt Harley Krohmer von Institut für Marketing und Unternehmensführung der Universität Bern und Mitautor der Studie.
Beim Vergleich der einzelnen Bereiche fiel die Organisationskultur auf. Das Portfolio der hier am besten bewerteten Firmen erzielte mit 21,3 Prozent die höchste durchschnittliche jährliche Rendite, während der Vergleichsindex im gleichen Zeitraum eine jährliche Rendite von 13.8 Prozent erzielte. Als einziges dieser Portfolios zeigte es auch nach Berücksichtigung der Risikofaktoren eine statistisch signifikante Überrendite.
Auf eine positive Organisationskultur setzen
Für Führungskräfte lautet die Botschaft: Begrenzte Mittel dort einsetzen, wo das Unternehmen besonders überzeugen kann – vor allem mit einer positiven Organisationskultur. «Von einer guten Organisationskultur profitieren also nicht nur Mitarbeitende, sondern auch Anlegerinnen und Anleger», sagt Matzinger.
«Im strategischen Management alle Anspruchsgruppen im Blick zu behalten, bedeutet nicht, jedem Bereich gleich viel Gewicht zu geben», ergänzt Matzinger und fährt fort: «Unsere Studie liefert ein wirtschaftliches Argument dafür, die Perspektive von Mitarbeitenden mehr zu berücksichtigen. Und Anlegerinnen und Anleger erhalten damit ein zusätzliches Kriterium, um vielversprechende Unternehmen zu erkennen.»
Die nächsten Forschungsfragen des Teams gehen einen Schritt weiter und untersuchen, welche Kombinationen von Stärken und Schwächen besonders erfolgversprechend sind und welche Merkmale der Organisationskultur dabei den Unterschied machen.






