Kinder müssen für Geschäft der Eltern werben – Kritik
Immer häufiger stehen Kinder in den sozialen Medien im Zentrum von Werbevideos ihrer Eltern. Kinderschützer sehen diesen Trend kritisch.

Das Wichtigste in Kürze
- Kinder werden in den Sozialen Medien immer wieder für Werbezwecke benutzt.
- Oft bewerben sie in den Posts das Geschäft ihrer eigenen Eltern.
- Kinderschutz-Organisationen sehen diesen Trend jedoch kritisch.
«Hallo zusammen, ich muss das Geschäft meiner Mutter vorstellen.»
So beginnt ein Werbevideo einer Fusspflegerin im Kanton Solothurn. Statt einer Influencerin oder eines Influencers steht hier ein Kind vor der Kamera und präsentiert das Geschäft seiner Eltern.
Ein anderes Video zeigt ein kleines Meitli, das verspricht: «Mir mached de besti Döner!» Es wirbt für das Geschäft seiner Familie im Thurgau.
Solche Videos tauchen immer wieder auf Social Media auf. Das Muster ist ähnlich: Das Kind wird beim Rundgang durch einen Laden gefilmt, zeigt Produkte oder erzählt etwas über das Angebot. Oft wirken die Kinder dabei bewusst lustlos, um dem Ganzen einen witzigen Touch zu verleihen.
Die Videos bringen Aufmerksamkeit. Genau deshalb werden immer häufiger solche Werbespots im Internet gepostet.
Kinderschutz-Organisationen in der Schweiz sehen diesen Trend jedoch kritisch.
«Ein möglicher Interessenkonflikt»
Kinder haben ein Recht auf Privatsphäre, betont Pro Juventute. Sie müssten bei der Veröffentlichung von Bildern und Videos einbezogen werden. Besonders problematisch sei es, wenn Eltern finanziell davon profitieren, dass ihr Kind vor der Kamera steht.
«Bei der kommerziellen Einbindung von Kindern entsteht ein möglicher Interessenkonflikt», heisst es bei Pro Juventute auf Anfrage von Nau.ch. Der Konflikt entsteht dabei zwischen den finanziellen Interessen der Eltern und dem Schutz des Kindes.
Entscheidend sei deshalb, dass nicht Reichweite oder kommerzieller Erfolg im Vordergrund stünden, sondern das Wohl und die Rechte des Kindes.
Kinder können Reichweite nicht einschätzen
Auch Kinderschutz Schweiz beurteilt den Einsatz von Kindern für geschäftliche Interessen der Eltern kritisch.
Wenn ein Kind praktisch selbst zum Influencer werde, könnten gewisse Aspekte von Kinderarbeit enthalten sein, schreibt die Organisation auf Anfrage. Hinzu komme der psychische Druck, der entstehen könne, wenn Kinder vor der Kamera «auf Knopfdruck» funktionieren müssten.
Gerade bei jüngeren Kindern kommt hinzu, dass sie in der Regel noch nicht verstehen, welche Reichweite eine Veröffentlichung haben kann.

Auch Pro Juventute weist darauf hin, dass Kinder die langfristigen Konsequenzen einer dauerhaften Präsenz in sozialen Medien nicht abschätzen können.
Die Verantwortung liege deshalb bei den Eltern. Sie müssten sich fragen, welche Folgen ein Beitrag nicht nur heute, sondern auch in Zukunft für ihr Kind haben könnte.
Besonders problematisch könne es werden, wenn die Einnahmen oder die Reichweite eines Familienbetriebs von der Präsenz des Kindes abhängig werden.
«Kinder sollten nicht für den finanziellen Verdienst der Familie verantwortlich sein», betont Pro Juventute. Dies könne wirtschaftlichen oder emotionalen Druck erzeugen.
Auch Schweizer Promis werben mit Kindern
Doch nicht nur Familienbetriebe werben im Netz mit ihren Kindern. Auch bei Promis werden die Kinder oftmals als Werbemittel verwendet.
Christa Rigozzi beispielsweise zeigt ihre beiden Zwillingstöchter mehrfach in Social-Media-Posts im Zusammenhang mit einer bezahlten Partnerschaft.
Zwar sagte Rigozzi einst klar, Werbung mit ihren Kindern sei für sie tabu. Die Mädchen sollten später selbst entscheiden können, ob sie in der Öffentlichkeit stehen wollten.
Doch ein Blick auf ihr Instagram-Profil zeigt, dass sie es damit wohl nicht ganz so eng sieht.
Auch Ex-Bachelor Janosch Nietlispach zeigt seinen Sohn regelmässig auf Social Media. Und das Kind des Influencers ist ebenfalls in offensichtlichen Werbe-Videos zu sehen.
Den Kinderschutz-Organisationen geht es jedoch nicht nur um offensichtliche Werbeaufnahmen. Kinderschutz Schweiz warnt generell davor, Kinderbilder unbedacht ins Internet zu stellen.
Sobald ein Bild veröffentlicht sei, verliere man einen grossen Teil der Kontrolle darüber. Bilder könnten weiterverbreitet oder mit künstlicher Intelligenz verändert werden.
Die Organisation warnt unter anderem vor Missbrauch im Zusammenhang mit Cybermobbing, Cybergrooming (sexuelle Kontaktaufnahmen) und Sextortion (Erpressung mit intimen Bildern).
Kinderschützer fordern mehr Prävention
Kinder haben auch in der Schweiz ein Recht auf Privatsphäre und am eigenen Bild.
Der Bundesrat hält fest, dass Eltern bei der Verwendung von Bildern ihrer Kinder das Kindeswohl und deren Persönlichkeitsrechte beachten müssen. Ist ein Kind urteilsfähig, muss es der Verwendung seiner Bilder grundsätzlich zustimmen.
Pro Juventute sieht bei der kommerziellen Nutzung von Kindern auf Social Media weiterhin eine Lücke. Die Organisation fordert neben mehr Prävention und Elternbildung auch einen besseren rechtlichen Schutz.















