Die Spitex Bad Zurzach findet nicht mehr genügend Pflegepersonal. Ein Zusammenschluss mit der Spitex Surbtal-Studenland könnte der letzte Ausweg sein.
Spitex Bad Zurzach
Die Spitex Bad Zurzach bekommt die Auswirkungen der Corona-Pandemie sehr stark zu spüren. - Vollbild, Michael Kunz

Es sind keine einfachen Zeiten für die Spitex Bad Zurzach. Der Pflegenotstand spitzt sich bei der kleinen, 18-köpfigen Organisation immer weiter zu. Nadja Münzel, Geschäftsführerin ad interim, spricht mit uns über mögliche Lösungsansätze und die Pflegeinitiative.

Nau.ch: Sie bieten diverse Dienstleistungen im Pflegebereich an. In welchem Bereich ist die Nachfrage besonders hoch?

Nadja Münzel: Wir spüren die Auswirkungen der Covid-Pandemie ganz stark. Insgesamt haben wir eine hohe Nachfrage nach Spitex-Pflegeleistungen, weil ältere Menschen möglichst zu Hause bleiben wollen.

Sie möchten, wenn es geht, nicht ins Spital und nicht ins Pflegeheim. Weiter merken wir einen starken Anstieg an psychiatrischen Pflegeleistungen. Wir haben so viele Leistungen in Pflege und Psychiatrie erbracht wie in keinem Jahr zuvor.

Der Vorstand prüft nun einen Zusammenschluss mit der Spitex Surbtal-Studenland auf den 1. Januar 2023. Der Zusammenschluss ist für uns enorm wichtig.

Unser Überleben ist gefährdet, weil wir nicht mehr genügend Pflegepersonal finden, ein zu kleiner unattraktiver Arbeitgeber sind ohne Ausbildungsplätze, ohne Weiterentwicklungsmöglichkeiten und wir den steigenden fachlichen Anforderungen so in der Pflege nicht mehr gerecht werden können.

Nau.ch: Gerade in dieser Zeit wurde uns als Gesellschaft nochmals in Erinnerung gerufen, wie systemrelevant Pflegeberufe sind. Denken Sie, diese Arbeit bekommt genügend Anerkennung?

Nadja Münzel: Die Anerkennung des Pflegeberufs in der Gesellschaft sehe nicht als Problem. Das sieht man jetzt auch bei der hohen Zustimmung zur Pflegeinitiative. Während meiner Pflegetätigkeit habe ich sehr viel Wertschätzung von Patienten und meinen Angehörigen erhalten.

Spitex Bad Zurzach
Nadja Münzel ist seit Juli 2021 Geschäftsführerin ad interim bei der Spitex Bad Zurzach. - ZVG

Die Pflegefachfrau funktioniert nicht wie eine Bankangestellte – Anerkennung zieht bei ihr nicht in erster Linie durch mehr Geld, sondern über die Wertschätzung ihrer Arbeit.

Meiner Meinung nach liegt das Problem unter den medizinischen Berufen.

Nau.ch: Können Sie das genauer erläutern?

Wie viele andere habe selbstverständlich auch ich hier meine einschneidenden Erlebnisse mit (Chef-)Ärzten gehabt, die sich vor mir aufplustern mussten.

Ein Chefarzt auf der Intensiv-Stations-Visite hat der Pflegefachperson am Bett jeweils mit seinem Ellbogen einen fiesen Rippen-Seitenhieb verpasst und sie vom Bett weggestossen – so jetzt komme ich, ich bin wichtiger als du.

Gerade Ärzte können Pflegenden auf sehr unangenehme Art zeigen, dass ihre Meinung oder ihre Beobachtungen absolut nichts wert sind. Das frustriert im Alltag enorm. Einige Spitäler beginnen nun auf Stationen mit interprofessionellen Teams zu arbeiten, was die Zufriedenheit der Mitarbeitenden massiv erhöht.

In der Spitex sind wir bis jetzt völlig abhängig von einer ärztlichen Anordnung unserer Pflegeleistungen. Das heisst, wir Pflegenden schätzen den Pflegebedarf bei unseren Klienten ein und ein anderer Beruf muss dann unterschreiben, dass alles korrekt ist und dafür die Verantwortung übernehmen.

Das ist für unseren Beruf eine massive Abwertung, aber auch für viele Ärzte unangenehm. Bei Annahme der Pflegeinitiative oder des Gegenvorschlags dürfen wir endlich selber für unsere erbrachten Leistungen die Verantwortung übernehmen.

Spitex Bad Zurzach
Die Anerkennung des Pflegeberufs in der Gesellschaft seieht Nadja Münzel nicht als Problem. - Vollbild, Michael Kunz

Nau.ch: Welche Vorteile bietet die Spitex gegenüber stationären Angeboten wie Spitälern oder Pflegeheimen?

Nadja Münzel: Der Vorteil ist, dass die Betroffenen in ihrem Zuhause bleiben können. Wenn Sie mit pflegebedürftigen oder älteren Personen sprechen, hören Sie immer das Gleiche: sie möchten so lange wie möglich zu Hause bleiben – ob Jung oder Alt.

Aus meiner Sicht ist es medizinisch und sozial das Sinnvollste, was wir vulnerablen Menschen in der Region ermöglichen können.

Nau.ch: Können Sie uns abschliessend noch von einem besonders schönen Erlebnis aus Ihrem Berufsalltag erzählen?

Nadja Münzel: Wir hatten eine enorme Leistungsnachfrage durch diesen Sommer, wir wussten nicht mehr, wie wir alle Klientinnen und Klienten versorgen können. Die Mitarbeitenden waren aber immer bereit, zusätzliche Tage zu arbeiten und viele Überstunden zu leisten.

Das Engagement im Team ist erfreulich. Zusätzlich wurden wir von der Organisation «Rückenwind plus» mit Pflegepersonal tageweise unterstützt, was uns enorm geholfen und gefreut hat. Es ist nicht selbstverständlich, wenn die Zusammenarbeit mit anderen Organisationen so gut funktioniert!

Zur Person

Nadja Münzel ist 49 Jahre alt und lebt in Schenkon LU. Am liebsten fährt sie Velo, Rennrad oder Mountainbike. Wenn die Wetterbedingungen gut sind, fliege sie auch gerne mit ihrem Gleitschirm durch die Alpen.

Nadja Münzel ist seit Juli 2021 Geschäftsführerin ad interim bei der Spitex Bad Zurzach. Die Spitex Bad Zurzach prüft einen Zusammenschluss mit der Spitex Surbtal-Studenland für den Winter 2023, daher unterstützt sie die Organisation und das Team bis zu diesem Zeitpunkt, damit das möglichst reibungslos funktioniert.

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