Kanton Aargau: Welche Anzeichen auf K.o.-Tropfen hindeuten

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Aarau,

Zwei Fälle von sexuellem Missbrauch mit K.o.-Tropfen im Kanton Aargau verunsichern viele Frauen. Fachleute erklären, welche Symptome ernst zu nehmen sind.

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Kanton Aargau: Welche Anzeichen auf K.o.-Tropfen hindeuten (Symbolbild) - Nau.ch / Ueli Hiltpold

Gleich zwei Sexualdelikte unter Betäubung beschäftigen den Kanton Aargau – und verunsichern Frauen. Wir haben die wichtigsten Fragen verschiedenen Fachleuten gestellt.

GHB gehört zu den bekanntesten K.o.-Mitteln. Bereits in geringen Dosen tritt ein narkotischer Effekt ein.

Innerhalb von nur drei Wochen erschüttern gleich zwei Fälle von sexuellem Missbrauch mit K.o.-Tropfen den Kanton Aargau. In Untersiggenthal soll ein ehemaliger SVP-Grossrat mehrfach seine Ex-Frau, seine frühere Partnerin und deren Tochter betäubt und vergewaltigt sowie die Übergriffe gefilmt haben. Vergangene Woche wurde bekannt, dass ein weiterer Mann mehreren Frauen ebenfalls K.o.-Tropfen oder ähnliche Substanzen verabreicht hatte, sie missbrauchte und die Übergriffe filmte. Unter den Opfern befand sich auch eine frühere Partnerin. Solange die Männer nicht rechtmässig verurteilt sind, gilt die Unschuldsvermutung.

Doch die mutmasslichen Taten in den eigenen vier Wänden der Opfer verunsichern – auch Leserinnen dieser Zeitung. Ihre Fragen stellten wir verschiedenen Fachleuten. Das sind ihre Antworten:

Gibt es Anzeichen, die möglicherweise darauf hindeuten, dass mir zu Hause K.o.-Tropfen verabreicht worden sind?

Kaum, sagt Toxikologe Götz Schlotterbeck. Der Abteilungsleiter Forensische Chemie und Toxikologie am Institut für Rechtsmedizin der Universität Basel sagt, dass Begleiterscheinungen von K.o.-Tropfen in der Regel unspezifisch seien. Das könne etwa ein plötzlicher Schwindel sein, das Gefühl, neben sich zu stehen, oder ein schneller Kontrollverlust. «Die Frage ist aber, ob man sich später überhaupt noch an solche Symptome erinnert. Das Einschlafen kann sehr schnell eintreten», sagt Schlotterbeck. Erinnerungslücken oder ein ungewöhnlich langer und schwerer Schlaf können ebenfalls Indizien sein – etwa, wenn man von Samstagnachmittag bis Sonntagmittag durchschläft.

K.o.-Tropfen ziehen oft ein «Katergefühl» nach sich, sagt zudem Andrea Hofmann, Co-Leiterin der Frauenberatung sexuelle Gewalt in Zürich. «Wenn man wiederholt ohne erklärlichen Grund aufwacht, kann es ratsam sein, dem nachzugehen. Auch blaue Flecken, ein unerklärlicher vaginaler Ausfluss oder immer wieder Schmerzen im Unterleib können Anzeichen für einen Übergriff mit K.o.-Tropfen sein», sagt sie.

Unterscheiden sich die Anzeichen von K.o.-Tropfen bei einer einmaligen und einer wiederholten Verabreichung?

Das lasse sich nicht eindeutig beantworten, sagt Toxikologe Schlotterbeck. «Entscheidend ist die jeweilige Dosierung und vor allem die genaue Substanz, die verabreicht wurde.» Wenn umgangssprachlich von K.o.-Tropfen die Rede ist, ist damit in der Regel GHB gemeint sowie teilweise auch die beiden ähnlichen chemischen Substanzen GBL oder BDO. Alle drei haben bereits in geringen Dosen einen narkotischen Effekt und führen bei höheren Dosierungen rasch zu einem mehrstündigen Koma.

«Es sind aber auch Fälle bekannt, in denen Benzodiazepine, Ketamin oder gar Substanzen aus der Tiermedizin verwendet wurden. Zudem sind wohl auf einschlägigen Online-Kanälen entsprechende Cocktails erhältlich, die extra so zusammengesetzt werden, dass mögliche Begleiterscheinungen maskiert sind», sagt Schlotterbeck. Teilweise handle es sich um Substanzen, die forensische Labore nicht standardmässig überprüfen. «In diesen Fällen kommt eine Analyse der berühmten Suche nach der Nadel im Heuhaufen gleich und ist entsprechend sehr aufwendig», sagt Schlotterbeck.

Wie lange können K.o.-Tropfen im Blut, im Urin und in den Haaren nachgewiesen werden?

Im Blut ist GHB nur etwa sechs Stunden, im Urin etwa zwölf Stunden nachweisbar. Anders bei Haaren: Darin kann GHB länger nachgewiesen werden. Toxikologe Schlotterbeck betont allerdings: «Ein sicherer Nachweis ist meist nur nach mehrmaliger Verabreichung möglich.» Das war etwa bei der betroffenen Minderjährigen in Untersiggenthal der Fall. Eine Schwierigkeit beim Nachweis von GHB bestehe darin, dass es sich um eine natürlich im Körper vorkommende Substanz handelt, deren Konzentration auch von Person zu Person schwankt, sagt Schlotterbeck.

Gewisse rechtsmedizinische Institute bieten Haaranalysen an. Kann ich, wenn ich einen Verdacht hege, dort meine Haare auf GHB untersuchen lassen?

Toxikologe Schlotterbeck sagt: «In Basel bieten wir Haaranalysen im Privatauftrag an – auch um allfälliges GHB nachzuweisen.» Dafür muss das Kopfhaar mindestens 5 Zentimeter lang und naturbelassen sein (nicht gefärbt, nicht getönt, keine Dauerwelle, nicht gestreckt). Im Institut für Rechtsmedizin in Basel werden Haarproben jeweils mittwochs von 14.30 Uhr bis 16 Uhr abgenommen. Ein Termin ist nicht nötig, man kann einfach vorbeigehen. Die anschliessende Analyse kann mehrere Wochen dauern. Urin oder Blut analysiert das Labor hingegen einzig im Auftrag von Behörden.

Das Zentrum für Forensische Haaranalytik der Universität Zürich führt ebenfalls Haaranalysen durch, allerdings nicht im Auftrag von Privatpersonen. Bereichsleiterin Tina Binz sagt dazu: «Wir empfehlen den betroffenen Personen, eine Strafanzeige zu stellen oder eine vorsorgliche, vertrauliche Spurensicherung durch den aufsuchenden Dienst Forensic Nurses.» Die Haarproben werden erst untersucht, wenn eine Strafanzeige gestellt wurde.

Muss ich eine Haaranalyse selbst bezahlen? Und was kostet sie?

Ja, die Haaranalyse mittels Privatauftrag muss selbst bezahlt werden. Am Institut für Rechtsmedizin in Basel kostet die Analyse für eine Substanzklasse 650 Franken – wer mehrere Substanzklassen testen lassen will, muss tiefer in die Tasche greifen. Auch Toxikologe Schlotterbeck betont: Am einfachsten finden solche Haaruntersuchungen im Rahmen eines Verfahrens nach einer Anzeige bei der Polizei statt. Dann müssen die Kosten nicht selbst übernommen werden.

In Online-Apotheken gibt es sogenannte «Schutzarmbänder», um Getränke auf K.o.-Tropfen zu testen. Wie zuverlässig sind sie?

Toxikologe Schlotterbeck sagt, er stehe diesen Bändern reserviert gegenüber. «Selbst Vorläufersubstanzen von GHB werden dabei nicht erfasst. Genauso wenig andere Substanzen wie Ketamin oder Benzodiazepine. Es besteht also die Gefahr, dass man sich in falscher Sicherheit wiegt», sagt Schlotterbeck.

Können Schlaftracker Hinweise darauf liefern, ob mir K.o.-Tropfen verabreicht wurden?

Bei dieser Frage sind sich die angefragten Fachleute nicht einig. Am Universitätsspital Basel haben sich Pneumologen und Kardiologen dieser Frage angenommen. Sie kamen zum Schluss, dass es aus medizinischer Sicht kaum möglich ist, einen GHB-Befund per Schlaftracker oder anderen Wearables herzuleiten. Dies, weil GHB zu einem langsamen Puls, niedriger Herzfrequenzvariabilität und reduzierter Bewegung von Armen und Beinen in einen schlafähnlichen Zustand führe. Alkoholkonsum führt hingegen eher zu einem hohen Puls. Da GHB häufig mit Alkohol und allenfalls noch anderen Drogen vermischt werde, sei die Interpretierbarkeit sehr schwierig. «Darüber hinaus stellen die Sleeptracker keine Rohdaten, sondern bereits interpretierte Daten zur Verfügung, was es noch schwieriger macht, ein typisches GHB-Muster zu identifizieren», erklären sie auf Anfrage.

Anders sieht das Toxikologe Schlotterbeck: «Wenn Schlaftracker immer wieder ungewöhnlich lange Schlafphasen, kaum REM-Phasen, Abnormalitäten in der Herzfrequenz oder in der Sauerstoffsättigung aufzeichnen und diese stets auch im Zusammenhang mit Blackouts auftreten, würde ich das ernst nehmen, aber nicht überinterpretieren.»

Brauche ich Beweise, wenn ich zur Polizei gehe, und wenn ja: welche?

Nein, sagt Opferberaterin Andrea Hofmann. Sie hält aber fest: «Bei einer allfälligen Anzeige und einem Strafverfahren ist es natürlich hilfreich, wenn Beweismaterial vorliegt.» Besteht daher ein akuter Verdacht oder sind gar mögliche Spuren vorhanden, empfiehlt sie, diese umgehend von einer Forensic Nurse sichern zu lassen. Wenn möglich, sollte vor dieser Untersuchung nicht geduscht oder gebadet werden.

Gehe ich auf einen normalen Polizeiposten oder gibt es spezialisierte Anlaufstellen?

Das ist je nach Kanton unterschiedlich, sagt Opferberaterin Hofmann. In Zürich beispielsweise gibt es einen Fachdienst mit eigener Telefonnummer und einem Onlineformular. «Grundsätzlich kann man aber auf jeden Polizeiposten gehen», sagt Hofmann. Empfehlenswert sei es, sich vorgängig an eine Opferberatungsstelle zu wenden. Diese kennen allfällige Fachdienste und haben die Möglichkeit, Betroffene in einem Strafverfahren zu begleiten. Wichtig: Strafverfahren werden immer in dem Kanton durchgeführt, in dem die Tat passiert ist.

Empfiehlt es sich, im Verdachtsfall eine Minikamera im Schlafzimmer zu installieren?

Das sei rechtlich heikel, sagt Hofmann. Unter Umständen handelt es sich um ein rechtswidrig erlangtes Beweismittel und kann deswegen im Strafverfahren nicht verwertet werden. «Liegt ein Verdacht auf Übergriffe mit K.o.-Tropfen in den eigenen vier Wänden vor, rate ich, unbedingt Kontakt mit einer Opferberatungsstelle aufzunehmen, um das weitere Vorgehen zu besprechen», sagt Hofmann. Opferberatungsstellen gibt es in jedem Kanton. Sie beraten kostenlos und sind zu Vertraulichkeit verpflichtet.

Frauen betäubt und missbraucht: Im Aargau gibt es einen Fall, der erschreckende Parallelen zu Untersiggenthal aufweist Der Ex-Grossrat, der drei Frauen über 180-mal vergewaltigt haben soll, sitzt seit Herbst 2023 in Untersuchungshaft. Nun zeigt sich: Es gibt im Aargau noch einen ähnlichen Fall. Ein anderer Mann, der mehrere Frauen betäubt und missbraucht haben soll, wehrte sich gegen die Verlängerung seiner U-Haft.

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