Ökonomen von Schweizer BIP-Wachstum überrascht
Die Schweizer Wirtschaft ist im zweiten Quartal 2026 mit einem Anstieg des Bruttoinlandprodukts um 1,5 Prozent gegenüber dem Vorquartal überraschend stark gewachsen. Ökonomen hatten deutlich tiefere Werte erwartet. Entsprechend heben erste Experten ihre Prognosen leicht an – rechnen aber nicht mit einem neuen «Dauerzustand».

«Wir haben für das zweite Quartal eine Beschleunigung des Wirtschaftswachstums erwartet, aber nicht in dem vom Flash-BIP ausgewiesenen Ausmass», erklärt Alexis Körber von BAK Economics auf Anfrage der Nachrichtenagentur AWP. Gewisse Indikatoren wie der PMI-Einkaufsmanagerindex, die Exporte oder der Seco-Indikator zur wöchentlichen Wirtschaftsaktivität hätten jedoch auf eine positive Überraschung hingedeutet.
Das Schweizer BIP habe sich im zweiten Quartal ausserordentlich stark entwickelt und konnte in diesem Ausmass nicht erwartet werden, hält auch Raiffeisen-Chefökonom Fredy Hasenmaile fest. «Sollte die Schnellschätzung später bestätigt werden, würde es sich um das höchste Quartalswachstum seit 5 Jahren handeln.»
Starken Rückenwind hat die Schweizer Wirtschaft von der Chemie-Pharma-Branche erhalten. «Es ist gut möglich, dass die erneuten Zolldrohungen von US-Präsident Donald Trump insbesondere im Pharma-Sektor, aber auch in anderen Bereichen, erneut zu Vorzieheffekten geführt haben», so Hasenmaile. Zum starken Wachstum dürften allerdings auch die Dienstleistungen einen Beitrag geleistet haben.
Die Schweizer Wirtschaft zeige sich erstaunlich widerstandsfähig gegenüber höheren Energiepreisen, der Handelsunsicherheit und einem anspruchsvollen internationalen Umfeld, erklärte die Migros Bank. «Getragen wurde die Dynamik voraussichtlich von robusten Dienstleistungsbranchen, einer weiter soliden Binnennachfrage und der wettbewerbsstarken Exportindustrie.»
Das Wachstum von 1,5 Prozent sei ein «klar positives Signal, aber kein neuer Dauerzustand», betonen die Ökonomen der Migros Bank. Es dürfte von volatilen Branchen- oder Sondereffekten geprägt sein. «Zumindest bis die unterliegenden Daten verfügbar sein werden, halten wir uns mit Euphorie noch zurück.» Gegen eine Fortschreibung des Tempos sprächen die fragile Weltkonjunktur, Handelskonflikte und das Risiko einer erneuten Frankenaufwertung.
Auch bei Raiffeisen geht man davon aus, dass das Wachstum des zweiten Quartals in diesem Ausmass nicht Bestand haben wird. Im dritten Quartal dürfte möglicherweise eine Gegenbewegung folgen. Insgesamt scheine sich aber das Ende der dreijährigen globalen Industrieflaute zu bestätigen, heisst es. Bislang habe auch der Iran-Krieg diese Erholung nicht abwürgen können.
Die vom Seco vorgelegten BIP-Daten, sofern sie Anfang September in der Detailanalyse bestätigt werden, dürften in den Schätzungen der Ökonomen für Bewegung sorgen. «Das für 2026 erwartet BIP-Wachstum würde dann wohl eher in der Nähe von 1,5 Prozent anstatt 1 Prozent liegen», heisst es bei BAK-Economics. Allerdings könne es noch zu grösseren Revisionen in der historischen Datenbasis kommen, da neue Basisstatistiken in die BIP-Berechnungen einfliessen.
Auch die Raiffeisen-Prognose könnte laut Chefökonom Hasenmaile nach oben gehen. Derzeit liegt sie für 2026 sporteventbereinigt bei 0,8 Prozent. Derweil rechnet Swiss-Life-Chefökonom Marc Brütsch mit einem Wachstum von 1,5 bis 2,0 Prozent nach bisher 1,3 Prozent. Dies auch wenn in den kommenden Quartalen in der Pharma-Industrie mit «kompensierenden Effekten» zu rechnen sei und die Einschränkungen in der Rheinschifffahrt kurzfristig bremsten.
Ihre Prognosen bereits erhöht hat die Migros Bank. Mit weiterem leichtem Wachstum im dritten und vierten Quartal dürfte der Schweizer Wirtschaft demnach im Jahr 2026 ein BIP-Wachstum von 1,7 Prozent gelingen. Bisher hatte die Prognose auf plus 1,5 Prozent gelautet. Für 2027 wird dann von einem Wachstum um 1,9 Prozent (alt: +1,7%) ausgegangen. Damit würde sich die Schweizer Wirtschaft ihrem Potenzialwachstum annähern.






