Die Industriestadt Winterthur lebt

Auch wenn sich das öffentliche Bild von Winterthur ZH gewandelt hat. Die Eulachstadt ist nach wie vor eine der wichtigsten Industriestandorte der Schweiz.

Burckhardt Compression
Blick in die Produktionshalle von Burckhardt Compression in Neuhegi. - zVg

Winterthur ist heute Kulturstadt, Velostadt und auch Bildungsstadt. Das einst stolze Label Industriestadt ist aber verblasst. Die Industrie hat an Sichtbarkeit verloren.

Die einzigen Dampfmaschinen, die heute noch rauchen, befinden sich in Museen, etwa im Dampfzentrum auf dem Lagerplatz oder beim Verein Diesel Motoren Winterthur in Neuhegi.

Weder der Textilmaschinenhersteller Rieter (370 Mitarbeitende in Winterthur) noch der Industriekonzern Sulzer (500 Mitarbeitende in Winterthur) – Firmen, die einst als Motor von Winterthur Tausende Mitarbeitende beschäftigten – tauchen heute im Ranking der zehn grössten Arbeitgeber der Stadt auf.

Doch der Schein trügt, die Industriestadt Winterthur lebt. Mehr noch. Was viele nicht wissen: Winterthur gehört nach wie vor zu den wichtigsten Werkplätzen der Schweizer Industrie. Das sagt Swissmem, der führende Verband der Schweizer Tech-Industrie im Gespräch.

«Winterthur ist nach wie vor ein wichtiger Industriestandort von nationaler Bedeutung», sagt Ivo Zimmermann Ressortleiter Kommunikation. Aber wo lebt sie noch? Eine Spurensuche.

Qualität vor Preis

Heute besitzt die Stadt verschiedene kleine Industrieareale, wie etwa in der Hegmatte, im Ohrbühl oder die Industriezone Niederfeld in Wülflingen. Die mit Abstand grösste Industriezone befindet sich in der Grüze.

Im Industriepark Neuhegi haben Firmen mit klingenden Namen wie die Burckhardt Compression AG, die Optimo Group, Stadler Winterthur, Sulzer Chemtech AG, Winterthur Gas & Diesel Ltd. ihren Firmensitz.

Hier pulsiert die Industriestadt. Hier spricht niemand von einer kriselnden Industrie. «Man muss das differenziert betrachten», sagt Tina Witteczek, Kommunikationsverantwortliche der Firma Burckhardt Compression, mit 1029 Mitarbeitenden einer der grössten Industriebetriebe Winterthurs.

Industrieareal in Winterthur
Das mit Abstand grösste Industrieareal in Winterthur befindet sich auf 136 Hektaren in Neuhegi / Grüze. - zVg

«Industrie-Unternehmen, die im globalen Markt ein hochkomplexes Produkt mit hoher Qualität anbieten können, haben nach wie vor eine gute Zukunftsfähigkeit.» Nur so hätten sich Unternehmen wie Rieter in Fernost oder Zimmer-Biomet in den USA etablieren können.

Schweizer Firmen kämpfen im internationalen Markt mit dem starken Franken. «Wer in diesem Umfeld bestehen will, muss bei der Qualität, der Geschwindigkeit und beim Service punkten», so Witteczek.

Ein Ökosystem in Neuhegi

Die Firma Burckhardt Compression ist mit ihren Kompressoren heute weltweit führend. Kaum ein anderes Unternehmen schafft es, Gas unter so hohem Druck zu komprimieren wie die Winterthurer Firma.

«Überall, wo Gas transportiert und verdichtet werden muss, hat wahrscheinlich Burckhardt Compression mitgewirkt», sagt Oliver Kögl, Manager Production Rings & Packings, auf einem Rundgang. Es sei erstaunlich, wie oft im täglichen Leben Kompressoren nötig seien.

Burckhardt Compression
Unternehmen wie Burckhardt Compression prägen den Industriepark Neuhegi bis heute. - keystone

«Sie sind nicht wegzudenken, ob bei der Herstellung von Kerosin, Gas und Benzin, beim Transport von Heizgasen, bei der Kunststoffherstellung sowie bei den Solarzellen einer PV-Anlage, oder in der Wasserstoffmobilität, überall leisten sie einen unverzichtbaren Beitrag.»

Trotz der globalen Tätigkeit – weltweit beschäftigt das Unternehmen 3336 Mitarbeitende, sagt Kögl: «Winterthur ist ein extrem wichtiger Standort für uns.»

Im Industriepark Neuhegi ist ein kleines Ökosystem mit Industriefirmen entstanden, die in ihrer Arbeit wie kleine Zahnräder ineinandergreifen. So werden die Späne von Burckhardt Compression von der Optimo Service AG recycelt.

Die Firma Optimo Group ist ein solches Zahnrad und übernimmt für die ansässigen Industrieunternehmen diverse Aufgaben im Bereich Logistik, Entsorgung und Instandhaltung des Maschinenparks.

Erschliessung sorgt für Unmut

Seit 2005 haben sich die Industrieunternehmen in Neuhegi zu einer Interessengemeinschaft zusammengetan, nicht zuletzt, um sich bei der Politik Gehör zu verschaffen. Ein Thema, das seit Jahren für Unmut sorgt, ist die Erschliessung des Gebiets.

«Der Stadtrat hat eine Lösung verschlafen. Vor 35 Jahren wäre eine Tunnellösung viel einfacher umzusetzen gewesen», sagt Reto Tschopp, Präsident der IG. Stadt und Kanton haben das Erschliessungs-Projekt wegen zu hoher Kosten sistiert. Eine neue Verkehrserschliessung wird erarbeitet.

Verbindest du Winterthur noch mit Industrie?

«Um mit dem heutigen Verkehrsnetz dem Stau auf der Seenerstrasse entgegenzuwirken wird es einige Massnahmen brauchen. Unteranderem könnte ich mir vorstellen, den Übergang in die St. Gallerstrasse von der Sulzer-Allee her besser zu lösen oder mit einer zeitlich gesteuerten Priorisierung in Richtung Frauenfelderstrasse zu arbeiten. Schlussendlich bleibt es für die im Industriepark ansässigen Betriebe wichtig, rasch auf die Autobahn zu gelangen», sagt Tschopp.

Aktuell hat die Stadt Winterthur ihre Wirtschaftsstrategie publiziert. Darin würdigt sie ihre Wurzeln als Industriestandort und sieht diesen als Basis für die Wirtschaftliche Weiterentwicklung.

Winterthur kann zudem auf einer langen Tradition sowie einem historischen Markenkern als Industriestandort aufbauen und zeichnet sich durch eine hohe Identifikation der ansässigen Unternehmen und Arbeitnehmenden mit dem Standort aus.

Industrie 4.0

Mit den Computern startete in den 1970er-Jahren die dritte industrielle Revolution. Sie beschreibt den Übergang von rein mechanischen Technologien zu Elektronik und IT. Jetzt befinden wir uns in der vierten industriellen Revolution.

Dabei geht es vor allem um die Vernetzung von Maschinen und Abläufen sowie der Analyse von grossen Datenmengen. «Die Digitalisierung ist eine Notwendigkeit», sagte Martin Hirzel, Swissmem-Präsident, kürzlich an einem Medienanlass in Weisslingen. Hier sind Industrie und Forschung zusammengerückt.

SMC (weltweit führender Experte für pneumatische und elektrische Lösungen für die industrielle Automation) und ZHAW School of Engineering betreiben das Kompetenzzentrum für Automation und Digitalisierung.

«ZHAW und SMC schlagen den richtigen Weg ein. Das Projekt unterstützt zwei Hauptpfeiler von Swissmem: Investitionen in Innovation und die Ausbildung von Fachkräften und damit in die Stärkung des Werkplatzes Schweiz», so Hirzel bei der Eröffnung im Jahr 2023.

martin hirzel
Swissmem-Präsident Martin Hirzel betont die Bedeutung von Industrie 4.0 und Fachkräfteförderung. - keystone

Die Herausforderung ist gross. Die EU fordert künftig einen digitalen Produktpass. Dieser ist Teil des EU-Greendeals und enthält relevante Informationen wie etwa zu den verwendeten Materialien oder dem CO₂-Fussabdruck. Einen digitalen Produktpass will SMC bis 2028 für alle 700 000 Produkte erstellen.

«Die Digitalisierung wird zur Wettbewerbsfrage. Der Kunde achtet auf Qualität, aber auch auf ökologische Werte. Der CO₂-Fussabdruck wird entscheidend sein», ist Prof. Dr. Wernher van de Venn vom Kompetenzzentrum überzeugt. Die Herausforderung sei, eine gemeinsame digitale Sprache zu entwickeln.

«Alle Daten sind da, aber es fehlt eine gemeinsame Struktur.» Eine Lösung sei der digitale Zwilling, also ein virtuelles Abbild eines Objekts. Die Simulation ermöglicht die Überwachung eines Lebenszykluses oder eine einfachere Wartung.

Hinweis

Dieser Text ist zuerst in der «Winterthurer Zeitung» erschienen.

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