Viel Alarmismus! Verzweifelt Themen gesucht für «Sommerloch»
«Im Sommerloch bieten sich keine Themen mehr an. Denn auch die Politik hat ihren Sitzungsrhythmus unterbrochen.» Eine Kolumne von Hans-Ulrich Bigler.

Das Wichtigste in Kürze
- Alt Nationalrat Hans-Ulrich Bigler (SVP) schreibt regelmässig Kolumnen auf Nau.ch.
- Heute schreibt Bigler über das «Sommerloch».
Für einmal soll an dieser Stelle die Rede vom «Sommerloch» sein. Keine Angst, kein weiterer Artikel über Wetter, Klima und Hitze – oder höchstens am Rande.
Das «Sommerloch» ist ein Ereignis, das sich Jahr für Jahr in den Redaktionsstuben der Schweizer Medien abspielt. Wie zu zeigen ist, durchaus mit einem gewissen – wenn manchmal auch ungewollten – Unterhaltungswert.
Anfangs Juli, wenn die Beamten ihre Computer runterfahren, die Akten schliessen und in die wohlverdienten Ferien gehen, beginnt für die Journalisten die harte Zeit.
Es bieten sich keine Themen mehr an, denn auch die Politik hat ihren Sitzungsrhythmus unterbrochen und tagt über den Sommer nicht mehr. Saure Gurkenzeit ist angesagt.
Verzweifelt Themen gesucht
Verzweifelt gesucht sind also Themen, die den Leser im Print und Online interessieren. Idealerweise bietet sich hier natürlich irgendeine Skandalstory an. Am liebsten personalisiert, um in der Folge dann aus allen Perspektiven die Erregungskurve hochschnellen zu lassen.
Dieses Jahr hat sich in dieser Beziehung leider nichts angeboten. Ausgewichen wird in solchen Fällen auf Unfälle und Verbrechen. Deshalb war es logisch, dass die Waldbrände in Spanien und Frankreich dankbare Themen waren. Von Feuerwalzen war da die Rede, heldenhaften Feuerwehrleuten und der Schweiz, die mit Superpumas zu Hilfe eilte.

Leider schien das Thema bei der Leserschaft nicht so zu verfangen, denn bald wendete sich die Berichterstattung der Hitze in der Schweiz zu.
Offenbar viel ergiebiger, obwohl, wer unter der Bevölkerung herumhörte, merkte bald, dass sich die Unterhaltung mehr um Ferienerlebnisse als heisse Temperaturen drehte.

Nichtsdestotrotz wiederholte sich die Themenabfolge in den Zeitungsspalten und Online-Artikeln mit hoher Kadenz.
Von Hitzewellen war da die Rede, Temperaturrekorden, ausgetrockneten Seen und Flüssen, Gefahrenwarnstufen und vielem anderem.
Viel Alarmismus!
Kam dann glücklicherweise einmal Regen, wurden flugs Gewitterstürme, Unwetterwarnungen oder Überschwemmungen beklagt. Selbstverständlich immer auch personifiziert, indem sich die Leserschaft zu ihren Erlebnissen äussern durfte.
Bei all diesem Alarmismus fragt man sich, wo der Informationsgehalt dieser Geschichten ist.
Selbstverständlich gibt es immer Kreise, die trotz aller «Sommerloch»-Widrigkeiten daraus Kapital zu schlagen versuchen.
So kam es gerade gelegen, dass Bundesrat Albert Röst angesichts knapper Bundesfinanzen zusätzliche Mittel für den Waldschutz strich. Gross war der Aufschrei vornehmlich von Klimaaktivisten, flugs wurde eine Petition lanciert, die diesen schändlichen Entscheid rückgängig machen wollte.

Vergessen ging weitgehend, dass sich der Bund den Waldschutz bereits heute und auch weiterhin 150 Millionen Franken kosten lässt.
Gratismitgliedschaft für Bauern
Schon etwas einfallsreicher war da die Grüne Partei. Sie bieten den Bauern eine Gratismitgliedschaft für ein Jahr an. Plötzlich hat die Partei die Landwirtschaft entdeckt und fordert eine nationale Wasserstrategie sowie konsequente Klimamassnahmen. Letzteres ist alter Wein in neuen Schläuchen, bei ersterem wird die Wässerung der Golfplätze ins Visier genommen.
Eines ist gewiss: Derartiger Politaktivismus sichert im Sommerloch die medialen Schlagzeilen. Ob die Bauern nach einem Jahr Gratismitgliedschaft allerdings bereit sind, einen dreistelligen Jahresobolus zu entrichten, ist wiederum auf einem anderen Blatt geschrieben.
Zahlreiche «No News»
Angesichts dieser zahlreichen «No News» ist die vom Bundespräsidenten in einem Interview geäusserte, sachliche Haltung wohltuend.
Selbstverständlich sei die Hitze und die Trockenheit ein Problem, um dann zu relativieren: «Die Situation ist in einigen Regionen sehr schwierig, aber zum Glück noch nicht im ganzen Land dramatisch.»
«Situationen wie die aktuelle Trockenheit gehören zu den Herausforderungen, mit denen wir umgehen müssen. Unsere Departemente und Ämter waren und sind vorbereitet.»
Mit diesem Pragmatismus ist dem «Sommerloch» der Zahn gezogen. Und die Thematik wird wieder von Sachlichkeit geprägt.

Zur Person
Hans-Ulrich Bigler ist Ökonom und war von 2008 bis 2023 Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbands (SGV). Er ist im Vorstand mehrerer Verbände und sass von 2015 bis 2019 für die FDP im Nationalrat. Heute ist Bigler SVP-Mitglied.








