Megan Eve Binggeli erlebte sexuelle Gewalt. Im Gastbeitrag erklärt sie, weshalb «Nur Ja heisst Ja» die einzig richtige Lösung ist. Ein Gastbeitrag.
Megan Eve Binggeli erlebte sexuelle Gewalt. - zVg

Das Wichtigste in Kürze

  • Megan Eve Binggeli ist Co-Kampagnenleiterin für das Sexualstrafrecht bei Operation Libero.
  • Am 11. November 2017 wurde sie vergewaltigt.
  • Jetzt erklärt sie, warum sie sich für die «Nur Ja heisst Ja»-Lösung einsetzt.

Mindestens jede fünfte Frau in der Schweiz erlebte bereits sexuelle Gewalt. Diese erschreckende Zahl stammt aus einer repräsentativen Umfrage von GfS Bern. Auch ich bin eine davon. Meine Geschichte hat sich so entwickelt, dass ich jeden Tag kämpfe, bis Survivors von sexueller Gewalt ein Sexualstrafrecht haben, das der Realität entspricht.

Seit dem 11. November 2017 neun Uhr bin ich eine davon. Ich wurde an jenem Morgen vergewaltigt. Oder wie es nach heutigem Sexualstrafrecht heisst: genötigt.

Denn heute ist für den Tatbestand einer Vergewaltigung nicht die fehlende Zustimmung entscheidend, sondern dass sich der Täter über den aktiven Widerstand des Opfers hinwegsetzt. Doch ich konnte mich nicht wehren, denn ich war geschockt und gelähmt. In meiner Schockstarre war es mir nicht mal möglich, Nein zu sagen.

Megan Eve Binggeli fordert ein zeitgemässes Sexualstrafrecht. - zVg

Wegen Geschichten wie meiner ist es für ein zeitgemässes Sexualstrafrecht essenziell, dass es die fehlende Zustimmung in den Mittelpunkt rückt.

Denn es ist wissenschaftlich erwiesen, dass es zahlreichen Opfern von sexueller Gewalt ähnlich erging wie mir. Dieses Phänomen nennt man Freezing. Es beschreibt einen Zustand, in dem der Schock zu einer Starre führt.

Zurück im Jahr 2017, bei der Polizei hörte ich erstmals den Begriff der «Nötigung». Ich verstand nicht, was dies zu bedeuten hat. Ich wurde doch vergewaltigt?!

Ich fühlte mich missverstanden und nicht gehört. Meine Anwältin erklärte mir, da die Vergewaltigung nicht vaginal war und ich nicht Nein sagen konnte, war es eine Nötigung.

Im 2021 gewann ich nach jahrelanger Tortur den Gerichtsprozess. Der Täter wurde im «normalen» Gericht und im Obergericht für schuldig erklärt. Er sass keinen Tag im Gefängnis und ist relativ «heil» davon gekommen. Für mich war der Prozess eine Tortur, und obwohl ich den Gerichtsprozess «gewonnen» habe, war es kein Gewinn.

Doch weshalb erzähle ich diese persönliche Geschichte?

Ich glaube, dass wir als Gesellschaft ein zeitgemässes Sexualstrafrecht verdient haben. Ein Sexualstrafrecht, welches dem fundamentalen Wert der Selbstbestimmung gerecht wird. Deswegen setze ich meine Stimme ein für die «Nur Ja heisst Ja»-Lösung.

Operation Libero setzt sich für ein zeitgemässes Sexualstrafrecht ein. - zVg

Für mich war die Politik und meine Stimme zu nutzen heilend. Ich weiss, dass ich alles mache, damit sich niemand mehr wie die 19-jährige Eve fühlen muss. Dass wir als Gesellschaft bereit sind, das veraltete Sexualstrafrecht zu revidieren.

Deshalb fordern ich und wir von Operation Libero: Fehlende Einwilligung! Die fehlende Einwilligung muss das Herzstück der rechtlichen Definition von Vergewaltigung und anderer Formen sexualisierter Gewalt sein.

Zustimmung statt Ablehnung

Das Gesetz muss jegliche nicht einvernehmliche sexuelle Handlung unter Strafe stellen. Die Einwilligung muss freiwillig, in voller Informiertheit und für jede sexuelle Handlung erfolgen. Eine Ablehnung der sexuellen Handlungen durch das Opfer darf nicht verlangt werden.

Geschlechtsneutrale Definition

Die Definition von Vergewaltigung muss geschlechtsneutral formuliert werden und jedes nicht einvernehmliche vaginale, anale oder orale Eindringen in den Körper einer anderen Person mit einem Körperteil oder Gegenstand ausdrücklich einschliessen.

Wir sagen JA zur sexuellen Selbstbestimmung, JA zu wissenschaftlichen Erkenntnissen, JA zum Rechtsstaat, JA zu einer Selbstverständlichkeit und JA zur Einhaltung internationaler Verpflichtungen.

Ich glaube fest daran, dass wir als Gesellschaft bereit sind, diesen Schritt zu machen. Es ist an der Zeit, Opfern zu glauben und zu sehen, dass es JEDEN betrifft.

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