Zürcher stellen Ware zum Mitnehmen raus – 900 Fr. Busse

Vivian Balsiger
Vivian Balsiger

Zürich,

«Gratis zum Mitnehmen»: Der Trend hat die Schweizer Städte schon längst erobert. Doch alte Ware einfach hinzustellen kann teuer werden.

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Die Schweizer Quartiere sind voll von Gegenständen, die «gratis» zu haben sind. Diese Spielküche wurde in Bern zum «verschenken» deponiert. - Nau.ch

Das Wichtigste in Kürze

  • «Gratis»-Zettel mit den unterschiedlichsten Dingen, findet man in fast jedem Quartier.
  • Für die Städte ist das ein grosser Mehraufwand – und auch nur halblegal.
  • In Zürich können Bussen bis zu 50'000 Franken verteilt werden.

Überall in der Stadt sieht man sie: Zettel mit «Gratis», davor Stühle, Bücher, Gläser, Schuhe – ganze Mini-Haushaltsauflösungen direkt am Strassenrand.

Die Idee dahinter ist simpel. Der Aufwand auch: Rausstellen, fertig. Jemand wird es schon mitnehmen. Vielleicht. Irgendwann. Hoffentlich.

Und genau da beginnt das Problem: Was als pragmatische «Weg damit»-Lösung gedacht ist, wird in vielen Quartieren zum Dauerzustand. Möbel stehen tagelang oder sogar wochenlang draussen, trotzen Regen, Wind und manchmal auch dem gesunden Menschenverstand.

Die Stadt Bern bestätigt: Das Phänomen verursacht Aufwand – vor allem dann, wenn niemand zugreift.

Christian Jordi, Leiter Entsorgung und Recycling der Stadt Bern, sagt gegenüber Nau.ch, dass das grosszügige «Verschenken» ein Problem ist: «Durch das Einsammeln von illegal deponierten Abfällen entsteht für uns ein Mehraufwand.»

Dabei ist die Regel eigentlich klar: In der Schweiz gelte das «Verursacherprinzip» – wer Abfall produziert, zahlt auch dafür, etwa über gebührenpflichtige Säcke.

In Bern wird oft ein Auge zugedrückt

Bei «Gratis zum Mitnehmen» wird in Bern aber oft ein Auge zugedrückt. Jordi sagt: «Es ist auch in unserem Interesse, dass Gegenstände möglichst lange im Kreislauf bleiben, bevor sie entsorgt oder recycelt werden.»

Darum gibt es sogar «Gratis Tipps zum gratis mitnehmen» von der Stadt. Empfehlungen, damit man weiss, wie es richtig läuft. Und diese besagen: Nur brauchbare Gegenstände rausstellen, bei gutem Wetter, und am Abend wieder reinholen.

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Auch Gläser und Geschirr werden gratis angeboten. - Nau.ch

Wer sich nicht daran hält, riskiert Ärger: «Ansonsten sind wir gezwungen, diese abzuholen und die Verursacherin oder den Verursacher ausfindig zu machen, damit wir entsprechend intervenieren können.» Im Zweifel sucht die Stadt also sogar nach den Verantwortlichen.

Auch die Brockis beobachten einen Wandel. Mario Weber, Leiter der Bärner Brocki, erklärt gegenüber Nau.ch: «Menschen lassen insgesamt mehr Waren los und sind eher bereit, Dinge zu entsorgen oder weiterzugeben. Auch, weil heutzutage häufiger erneuert und ersetzt wird.»

Das Problem: Vieles davon ist kaum noch verwertbar. Besonders Sofas werden zum Ladenhüter: «Diese lassen sich heute oft selbst auf Online‑Marktplätzen kaum noch weitergeben – nicht einmal gratis.»

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Selbst Schuhe stehen am Strassenrand. - Nau.ch

Und dabei spiele wohl der Aufwand eine grosse Rolle, so Weber: «Viele überlegen sich gut, welchen Weg sie wählen, um Gegenstände abzugeben.»

Denn Weber erklärt: «Unser Kriterium ist, dass Ware wieder verkäuflich sein muss.» Entscheidend sei dabei nicht nur der Zustand, sondern auch die Nachfrage.

Was nicht mehr in die Brocki passt, landet also schneller auf der Strasse: «Wir können uns zudem vorstellen, dass Personen, die bei uns vor Ort erfahren, dass wir bestimmte Artikel nicht annehmen können, alternative Wege suchen, um diese loszuwerden.»

Sperrgut landet auf der Strasse

Auch die Brockis der Heilsarmee sehen den Trend. Morena Napoletano, Marketing-Verantwortliche, sagt gegenüber Nau.ch: «Sehr sperrige oder stark abgenutzte Möbelstücke werden häufiger gratis auf der Strasse abgegeben.»

Gute Ware hingegen finde weiterhin ihren Weg in die Brocki: «Hochwertige oder gut erhaltene Ware wird tendenziell nicht einfach auf die Strasse gestellt und findet weiterhin den Weg in eine Heilsarmee-Brocki.»

Hast du auch schon etwas «gratis zum Mitnehmen» auf die Strasse gestellt?

Immerhin: «Das Waren-Spendenverhalten ist grundsätzlich stabil und hat in den letzten Jahren sogar zugenommen.»

Es kann richtig teuer werden

Wer denkt, auf die Strasse stellen sei harmlos, liegt falsch. Rechtsexperte Johannes Reich von der Universität Zürich stellt klar: «Nach dem Umweltgesetz des Bundes müssen Siedlungsabfälle – dazu gehören auch Abfälle, die aus Haushaltungen stammen – der öffentlichen Abfallsammlung übergeben werden.»

Was konkret heisst: Einfach rausstellen reicht nicht.

Beim Statthalteramt des Kantons Zürich wird klar, was das heisst: «Im Jahr 2025 gingen rund 1000 Anzeigen ein.» Gemeldet wurden diese von der Stadtpolizei Zürich oder der Dienstabteilung Entsorgung und Recycling Zürich. Die Anzeigen wurden in rund 2/3 der Fälle mit einer Busse geahndet.

Und diese kann teuer werden, erklärt der Experte: «Im Kanton Zürich wird mit Busse von bis zu 50'000 Franken bestraft, wer ‹Abfälle ausserhalb von bewilligten Anlagen stehen lässt oder ablagert›». Egal, wie lange das Möbel, das Sofa oder das Regal draussen steht.

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Auch undefinierbare Gegenstände trifft man in den Quartieren immer wieder an. - Nau.ch

Die Extrembusse von 50'000 Franken wurde zwar noch nie verhängt. Teuer wurde es aber trotzdem schon.

Auf Anfrage von Nau.ch enthüllt das Statthalteramt, wie viel tatsächlich schon bezahlt werden musste: «Die höchste verhängte Busse lag bei 900 Franken

Was war denn auf die Strasse gestellt worden? «Im Zentrum steht die Entsorgung von Möbeln oder grösseren Mengen von Hausrat, Sperrgut oder dergleichen», so das Amt. Genaueres kann das Amt nicht sagen.

Wer also einfach alte Sachen auf die Strasse stellt, riskiert schnell eine Anzeige, und meist auch eine Busse.

Urteil gibt Rahmenbedingungen vor

Beim beliebten «Gratis zum Mitnehmen» gibt es ein Urteil, von dem die Rahmenbedingungen abgeleitet werden. Das Urteil des Zürcher Obergerichts vom 25. Mai 2021 hält nämlich fest: Grundsätzlich ist das erlaubt – aber nur unter Bedingungen.

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Oft wird ein Auge zugedrückt: In Zürich wurde noch nie eine Busse über 900 Franken verteilt. (Symbolbild) - keystone

Die Gegenstände müssen noch brauchbar sein, klar als «gratis» oder «zu verschenken» markiert werden. Und dürfen höchstens 24 Stunden draussen stehen. Zudem sollten sie gut platziert sein – also vor Regen geschützt und für Passanten gut sichtbar.

Heisst konkret: Kulanz gibt es durchaus. Problematisch wird es erst dann, wenn Dinge einfach unbeschriftet und unsachgemäss entsorgt auf der Strasse landen.

Kommentare

User #2347 (nicht angemeldet)

Bei uns auf dem Land im Kanton Zürich darf man Sachen rausstellen. Erst wenn sie in 2 Tagen nicht weg sind, muss man sie wieder von der Strasse entfernen...

User #3847 (nicht angemeldet)

Bund will dass du neu kaufst und die MWST abdrückst. Zürich will dass du neu kaufst, damit die Arbeitsbeschäftigung am Laufen bleibt und so die Steuern eingetrieben werden können.

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