«Zum Malen oder Velofahren»: Kinder sollen schwänzen dürfen

Bettina Zanni
Bettina Zanni

Bülach,

Einer Zürcher Mutter schwebt vor, dass Eltern ihre Kinder spontan vom Unterricht abmelden können. Stattdessen sollen sie ihren Interessen nachgehen dürfen.

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Judith Bähler hätte ihre Tochter gerne vom Unterricht abgemeldet, damit sie zu Hause weitermalen kann. - instagram @couldbe.ju

Das Wichtigste in Kürze

  • Mutter Judith Bähler erachtet Absenztage zur «persönlichen Weiterbildung» als sinnvoll.
  • Kinder sollten etwa malen oder velofahren können, anstatt in die Schule zu gehen.
  • Dies würde die Vorbereitung auf die Berufswelt erschweren, warnt der Lehrerverband.

Die Jokertage erlauben es offiziell, die Schule zu schwänzen. Etwa im Kanton Zürich sind es zwei Tage pro Jahr.

Geht es nach Judith Bähler, sollen die Schüler aber nicht nur im Rahmen der Jokertage zu Hause bleiben können.

«Was, wenn es ganz offiziell eine dritte Option gäbe, nebst den Absenzen und Jokertagen?», fragt die Mutter aus Bülach ZH auf Instagram.

Ihr schwebt ein Tag vor, an dem ihr Kind «auf seine eigene Art zuhause lernt».

«Tat mir so leid, dass ich sie unterbrechen musste»

Auf die Idee kam die 45-Jährige eines Morgens.

«Meine Tochter war seit sieben Uhr am Malen», sagt sie zu Nau.ch. Sie sei ganz vertieft in «ihr Projekt» gewesen. Die Schule habe aber gerufen.

«Es tat mir so leid, dass ich sie unterbrechen musste, um sie in die Schule zu schicken», sagt die Mutter. «Ich hätte auch Zeit gehabt, um sie bei ihrem Projekt zu begleiten.»

Sollen Schülerinnen und Schüler für die persönliche Weiterbildung Absenztage erhalten?

Bähler war 14 Jahre Vollzeitmutter und hat deshalb Erfahrung mit Lernprozessen von Kindern. Sie hat noch drei weitere Töchter, die älteste ist 19 Jahre alt.

«Kinder lernen viel aus eigenem Antrieb. Es ist deshalb wertvoll, ihrem Lernimpuls nachzugeben», sagt sie. Ein Beispiel dafür sei das Velofahren.

«Es wäre doch gut, wenn Eltern ihr Kind abmelden könnten», sagt sie. «Weil es gerade in einer Phase ist, in der es jeden Tag velofahren will.» Auch Museumsbesuche oder mit den Eltern gemeinsam die Natur zu erforschen, seien lehrreich.

«Relativ laut im Klassenzimmer»

Die Mutter schlägt vor, dass Schulen sechs Absenztage pro Jahr zur «persönlichen Weiterbildung» gewähren. «Den Schulstoff müssten sie an diesem Tag trotzdem erarbeiten», sagt sie.

Dabei bleibe genügend Zeit für persönliche Interessen wie Zeichnen oder Velofahren. Dass dies klappt, hat ihr die Pandemie gezeigt.

«Als ich meine Kinder im Homeschooling betreute, hatten wir den Schulstoff in zwei oder drei Stunden durch», sagt Bähler. Danach habe sie mit ihnen Pflanzen gesät, Brot gebacken und ihnen das Wäschesortieren beigebracht.

Ist der Unterricht im Klassenzimmer für Kinder demnach oft Zeitverschwendung?

Judith Bähler verneint. «Meine Tochter hat eine wundervolle Lehrerin, die auch einen bedürfnisorientierten Ansatz hat.» Dennoch könne sich ihre Tochter im Unterricht oft nicht gut konzentrieren. «Weil es relativ laut ist im Klassenzimmer.»

«Chancengerechtigkeit gefährden»

Beim Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) fällt die Idee durch. Dr. Beat A. Schwendimann ist Leiter Pädagogik beim LCH.

Der regelmässige Schulbesuch bilde die Grundlage für den erfolgreichen Aufbau von Kompetenzen, sagt er. Schwendimann betont die Schulpflicht und den gesetzlichen Bildungsauftrag der Volksschule.

«Eine Aufweichung der Präsenzpflicht zugunsten spontaner Interessen würde die Chancengerechtigkeit gefährden», sagt Schwendimann. Auf diese Weise würde der Lernerfolg noch stärker von den Ressourcen und dem Bildungshintergrund der Eltern abhängig.

«Zudem sind Schulen bereits heute Orte der persönlichen Weiterbildung.» Dies, indem sie im Rahmen des Lehrplans 21 Raum für Projekte und eigenständiges Lernen böten.

Berufswelt erfordere Verlässlichkeit

Auch mit Blick auf das spätere Berufsleben kommen zusätzliche Absenztage für den LCH nicht infrage.

Eine Beliebigkeit des Schulbesuchs würde den Wert der Schule als gemeinsamen Lebensraum schwächen, sagt Schwendimann. «Und die Vorbereitung auf die spätere Berufswelt, die Verlässlichkeit und Ausdauer erfordert, erschweren.»

Die Schule hat laut Schwendimann den Auftrag, Kinder auf ein selbstverantwortliches Leben in der Gesellschaft vorzubereiten. Dazu gehöre die Erfahrung, Teil einer Gemeinschaft zu sein. «Und Verpflichtungen auch dann nachzukommen, wenn persönliche Neigungen momentan im Hintergrund stehen.»

Kinder abzumelden, sei nicht die Lösung

Die geschilderte Unruhe im Klassenzimmer bestätigt Schwendimann jedoch.

Unruhe im Klassenzimmer sei ein bekanntes Phänomen, sagt er. «Das durch die zunehmende Heterogenität der Klassen verstärkt werden kann.»

Braucht es in der Schweiz mehr Lehrpersonen?

Lehrpersonen müssten heute einen erheblichen Teil ihrer Zeit für Klassenmanagement und die Beruhigung von Konflikten aufwenden. Dies liege jedoch oft an unzureichenden Ressourcen für die Unterstützung und am Betreuungsschlüssel.

Die Lösung besteht laut Schwendimann nicht in der Abmeldung einzelner Kinder vom Unterricht. Die Politik müsse die Schulen durch ausreichend qualifizierte Lehrpersonen und Fachpersonal stärken. «Genügend Zeit für die individuelle Begleitung vor Ort ermöglicht konzentriertes Lernen für alle Kinder und Jugendlichen.»

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Kommentare

User #3394 (nicht angemeldet)

«Es tat mir so leid, dass ich sie unterbrechen musste, um sie in die Schule zu schicken» Ja da ist wohl das Problem - Es möchten die Eltern natürlich nicht die Bösen sein, die etwas durchsetzen was dem Nachwuchs nicht gefällt. Dies wird dann gerne auf die Lehrerschaft abgeschoben, besonders wenn die Leistungen in der Ausbildung nicht genügen. Ich denke so vermittelt man die komplett falschen Grundlagen um in einer nicht einfacher werdenden Welt zu bestehen im Erwachsenenalter.

User #1498 (nicht angemeldet)

Kai versteht weder Humor, Ironie noch Sarkasmus. Traurige Zeiten, in denen wir leben.

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