Yoga-Lehrerin aus Arbon TG: «Die Menschen suchen nach Hilfe»
Achtsamkeit ist ein Wort, das im Alltag von den meisten Menschen kaum genutzt wird. Für Karin Schönenberger ist dieses jedoch deutlich geläufiger.

Seit nunmehr sieben Jahren unterrichtet die Arboner Seklehrerin an ihrer Schule in Oberuzwil das Fach «Achtsamkeit und Entspannung».
Obwohl das Freifach bisher nur in der dritten Oberstufe angeboten wird, ist es für die 45-Jährige eine erfreuliche Erfolgsgeschichte: «Es ist wunderschön mitzuerleben, wie Schülerinnen und Schüler in diesem Unterricht sichtlich ruhiger und entspannter werden. Wenn Teenager miteinander schweigen und in sich ruhen, dann ist das für mich so etwas wie ein heiliger Moment.»
Dass das Fach nicht «Yoga» heisst, sondern eben «Achtsamkeit und Entspannung», habe mehrere Gründe. Einerseits werde so klar gemacht, dass es keinen religiösen Hintergrund habe und man nicht einer bestimmten Doktrin folge.
Andererseits sei Achtsamkeit ein viel breiterer Begriff, der das angebotene Schulfach besser beschreibe, so Karin Schönenberger: «Achtsamkeit ist eine Form der Aufmerksamkeit, in der ein Mensch hellwach den gegenwärtigen Zustand seiner Umwelt, seines Körpers und seines Gemüts wahrnimmt. Und dabei lässt er sich weder von Gedanken, Erinnerungen oder Emotionen ablenken, noch bewertet er diese Eindrücke.»

Wenn man achtsam ist, dann sei man automatisch auch rücksichtsvoll. Und dies nicht nur gegenüber den Mitmenschen, sondern auch gegenüber einem selbst.
Dies habe zur Folge, dass man die eigenen Gefühle besser beobachte und wahrnehme und sie so nicht unbewusst auslebe: «Achtsamkeit beginnt immer bei dir selbst. Und erst dann wird sie in die Welt hinaus gelebt.»
Trendiges Yoga
Die Bewusstseinsentwicklung, die mit dem Praktizieren von Yoga einhergeht, habe ihr in ihrem Leben ganz viel Positives gebracht. Doch nicht nur ihr.
Denn Yoga habe in den letzten Jahren weltweit einen Boom erlebt: «Die Menschen sind so beschäftigt und ihr Nervensystem überlastet. Darum suchen sie nach Hilfe, um in sich die Ruhe wieder zu finden.»
Früher, in einer weniger schnelllebigen Welt, sei das Finden der inneren Ruhe noch einiges einfacher gewesen. Insbesondere für Menschen, die wie sie als Toggenburgerin nahe an der Natur aufgewachsen seien, glaubt Karin Schönenberger: «Da reichte es, wenn man sich irgendwo in der Natur auf ein Bänkli setzte und eine Weile einen idyllischen Hügel studierte oder einer Kuh beim Fressen zuschaute.»
Doch die Zeiten hätten sich geändert, denn die Leistungsgesellschaft fordere uns dermassen, dass wir zu wenig Rücksicht auf unser Innenleben nehmen würden: «Wir arbeiten, als wären wir Maschinen. Und weil wir deswegen unsere Gefühle zu wenig wahrnehmen, sind manchmal Depression oder Burnout die Folge.»
Wenn man jedoch Yoga mache und über Körperübungen in die innere Stille eintauche, dann melde sich auch die innere Stimme wieder, ist die Yoga-Lehrerin überzeugt: «Über wenige Atemzüge können wir viel Ruhe ins Nervensystem bringen. Denn der Atem ist die Brücke zwischen dem Bewusstsein und dem Unterbewusstsein.»

Und wenn man sich noch etwas mehr Zeit fürs Yoga und somit für sich selbst nehme, dann seien in kürzester Zeit Veränderungen zu spüren: «In einer Stunde kann man eine riesige Wandlung durchmachen. Denn man fühlt sich nach so einer Lektion weich und zufrieden, wie innerlich genährt.»
Einer von vielen Wegen
So überzeugt Karin Schönenberger von Yoga ist, weiss sie doch auch, dass die jahrhundertealte, aus Indien stammende Lehre nicht jedermanns Ding ist. Doch Yoga sei nicht das einzige Werkzeug, um wieder in die Ruhe zu finden, sondern nur eines von vielen: «Darum probiere ich mit meinen Schülerinnen und Schülern auch ganz viele verschiedene Dinge aus, um die Hemmungen von solchen ‹Tools› abzubauen.»
Ob dies Tai Chi, Meditation, Chi Gong oder etwas anderes sei, spiele absolut keine Rolle. Es sei jedoch enorm wichtig, den Kindern Wege zu zeigen, die zur inneren Ruhe führen werden: «Erwachsene haben ja oft auch keine Ahnung und greifen zum Telefon, sobald ein Moment von Ruhe entsteht. Wie können wir da von unseren Kindern erwarten, dass sie wissen, wie man zur Ruhe findet?»
Seit dem Jahr 2021 bietet sie in Arbon ihren Weiterbildungskurs «Achtsamkeit und Entspannung für die Schule und andere pädagogische Einrichtungen» an, für dessen diesjährige Ausgabe noch zwei Plätze frei seien.
Denn sie wolle möglichst viele Lehrpersonen dazu animieren, das Gleiche wie sie zu tun, sagt Karin Schönenberger: «Viele Lehrpersonen haben selbst schon Erfahrungen mit einem Werkzeug, das ihnen hilft, Ruhe zu finden. Ich will sie ermuntern, auch den Mut zu haben, es in die Schule zu tragen.»
Denn sie sei der festen Überzeugung, dass es ein grosses Bedürfnis nach Angeboten gebe, die Hilfe zur Selbsthilfe leisten würden: «Dass Jugendliche und Teenager sich bei mir für den Unterricht bedankt haben, hat mich richtig berührt. Denn so etwas ist mir vorher als Lehrerin noch nie passiert!»
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst in den «Oberthurgauer Nachrichten» erschienen.












