Auch Andreas Glarner (SVP) will die Antifa als Terrororganisation einstufen. Ein Ex-Mitglied erklärt die linksextreme Szene und warnt vor zu bissiger Rhetorik.
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Bei der Reitschule kam es bereits öfters zu gewaltsamen Ausschreitungen. - Keystone
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Das Wichtigste in Kürze

  • Andreas Glarner (SVP) will auch die Schweizer Antifa verbieten lassen.
  • Ein Ex-Linksradikaler erklärt, wie viel Gewaltpotenzial wirklich von der Szene ausgeht.
  • Die momentane Rhetorik trage gar nicht zur Deeskalation bei, ist er überzeugt.

Nach dem Tod des schwarzen US-Bürgers George Floyd kommt die USA nicht zur Ruhe. Für Präsident Donald Trump ist klar: Linksextreme Kreise sind für die Ausschreitungen verantwortlich. Er will deshalb die Antifa als terroristische Organisation einstufen.

Auf diesen Zug springt der SVP-Nationalrat Andreas Glarner gleich auf. Auch in der Schweiz soll die Antifa per Vorstoss verboten werden. Die Zustände in Bern rund um die Reitschule seien «untragbar». Auch andere Städte hätten solche «Brutstätten des Terrors».

Ex-Linksradikaler: Überreaktion von Trump kann verheerende Folgen haben

Adrian Oertli marschierte acht Jahre lang an vorderster linksradikaler Front mit. Er kämpfte gegen die «Ungerechtigkeit», verabscheute aber gleichzeitig die Gewaltbereitschaft seiner Mitstreiter: Schliesslich trat er aus. Der Psychotherapeut glaubt, dass Trumps Twitter-Tiraden verheerende Folgen haben könnten.

Oertli
Adrian Oertli arbeitet heute als Psychotherapeut. Früher marschierte er gegen die Ungerechtigkeit. - Twitter

«Solche Äusserungen unterstützen das linksextreme Narrativ, dass die Gesellschaft von einer totalitären Machtübernahme von rechten Kräften bedroht ist», sagt der 39-Jährige über die Aussagen von Trump und Glarner. «Ich halte es für essentiell, dass man Extremismus als sich wechselseitig aufwiegelnde Dynamik verstehen lernt. Eine Überreaktion von Trump könnte sich fatal auswirken.»

Radikal ist nicht gleich extrem

Denn Extremismus habe tatsächlich etwas mit Terror zu tun, befürworte er ja Gewalt. «Es gibt aber eine Vermischung zwischen den Begriffen Radikalität und Extremismus. Mit dieser Vermischung wird von allen Seiten auch Politik betrieben.»

Linksradikalismus sei nicht per Definition extrem und müsse nichts mit Gewalt zu tun haben. «Man kann nicht Unterdrückung und Ausbeutung kritisieren und gleichzeitig Gewalt propagieren», ist Oertli überzeugt.

Linke Schweizer Szene ist klein, aber gut organisiert

Und wie viel Gefahr geht von der linksradikalen Szene in der Schweiz aus? «Die linke Szene in der Schweiz besteht ähnlich wie in der USA aus verschiedenen loseren oder besser organisierten Gruppen», erzählt Oertli. «Je besser man diese kennt, desto heterogener, widersprüchlicher und in sich verstrittener nimmt man sie wahr.»

Die Szene sei klein, aber grundsätzlich sehr gut organisiert. «Der Kampf gegen einen Feind von Aussen hat so wohl auch ein wichtiges Element, um sich wieder als zusammengehörig zu empfinden. Eine wichtige Rolle spielen auch Online-Portale, welche sehr intransparent geführt werden.»

Reitschule Demonstration in Bern
Freunde der Reitschule demonstrieren im Oktober 2017 in Bern. - Keystone

Gewalt als Illusion von Kontrolle

Allfällige Gewalt gehe aber nur von einzelnen Schwarzen Schafen aus. «Die Linke Szene als Ganzes scheitert darin, diese Gewalttäter in den eigenen Reihen unter Kontrolle zu behalten. Dies aus einer Mischung von gutgemeinter Toleranz, teilweiser Sympathie und Angst, selbst Opfer vor allem von gezielten Diffamierungskampagnen zu werden.»

Die steigende Gewaltbereitschaft basiere auf Frust. «Realpolitisch hat die Linke in den letzten Jahrzehnten kaum Erfolge erzielt: Die gewerkschaftliche Organisierung ist in vielen Bereichen sehr dürftig, die Schere zwischen Arm und Reich nimmt weiter zu und die Zerstörung unseres Ökosystems schreitet beängstigend voran. Gewalt und Randale geben einem für einen kurzen Moment eine Illusion von Kontrolle.»

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