Vom intimen Jungmädchen-Journal bis zur Schlüssellektüre zum Werk grosser Schriftsteller leistet das Tagebuch alles. Ein Brückenschlag zum Welttag des Tagebuchs (12. Juni).
Tagebuch
Tagebuch - Pixabay

Das Wichtigste in Kürze

  • «Der Druck erdrückt/ die Welt erwartet/ Ich erzwinge / Ich versuche / Ich kämpfe / Es reicht nicht.» Sechs Zeilen auf rosa gepunkteten Linien.

Darunter die Kugelschreiberzeichnung einer jungen Frau, die ihr Leben als schwere Bürde auf dem Kopf trägt. Dieses Tagebuch-Faksimile ist nur eines von vielen im Bestseller «Tagebuchtage Tagebuchnächte», mit dem die 20-jährige Ronja Fankhauser diesen Frühling an die Solothurner Literaturtage eingeladen wurde.

Warum hat das 2020 aus einer Maturarbeit entstandene Buch so viel Aufmerksamkeit bekommen, dass es bereits in der dritten Auflage vorliegt? Es wirkt absolut authentisch und zeigt ungeschönt die Nöte derer auf, die in den 2000er-Jahren geboren sind. Für Ungeschöntes ist das Tagebuch das ideale Gefäss. Es birgt Liebe, Hass, Wünsche, Enttäuschungen und Absichten, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind. Dennoch sind Tagebücher auf dem Buchmarkt seit jeher gefragt - unter bestimmten Bedingungen.

«Das Tagebuch der Anne Frank» ist nicht Weltliteratur geworden, weil es in inhaltlich aussergewöhnlich war. Vielmehr stellt es ein Mahnmal dar, weil die jugendliche Autorin es während zwei Jahren im Versteck der Familie vor den Nazis geführt hat. Am 12. Juni 1942 hat Anne ihr Tagebuch zum Geburtstag geschenkt bekommen und gleich den ersten Eintrag gemacht - im Gedenken an sie wurde der 12. Juni später zum Welttag des Tagebuchs ausgerufen. «Werde ich jemals Journalistin und Schriftstellerin werden? Ich hoffe es, ich hoffe es so sehr», notierte Anne am 5. April 1944. Träume, Zukunftspläne einer ganz normalen 15-Jährigen, die wenig später in einem Konzentrationslager starb.

Auf den ersten Blick grundverschieden, haben Anne Frank und Ronja Fankhauser doch eines gemeinsam: Ihre Bücher sind in einer Situation sozialer Isolation entstanden. Oft dient das Tagebuch als fiktives Gegenüber, mit dem man in Dialog tritt, wenn keine realen Freunde da sind.

Auch Jungs dürfen heute zum Tagebuch greifen. So war die 19-teilige Serie «Gregs Tagebuch» von Jeff Kinney einer der grössten Erfolge im Jugendbuch der letzten Jahre. Greg möchte ebenfalls Schriftsteller werden, seine Versuche scheitern jedoch und er schreibt in sein Tagebuch: «Mir wurde klar, dass es alle guten Ideen schon vor meiner Geburt gegeben hatte.»

Auch Menschen, die wirklich Schriftsteller werden, schreiben Tagebücher. Manchmal erreichen diese gar höhere Auflagen als ihre literarischen Werke - etwa die von Virginia Woolf; ihre Tagebücher werden als Zeitgeschichte nach dem Übergang vom viktorianischen Zeitalter in die Moderne gelesen und wirken bis heute mit emanzipatorischen Forderungen nach.

In der Schweizer Literaturgeschichte ist Max Frischs «Tagebuch 1946–1949» ein Meilenstein. Er selber bezeichnete es als «Konfrontation von Fiktion und Faktum». Neben persönlichen und politischen Notizen finden sich darin Motive und Stoffe, die später in Dramen wie «Andorra» oder Romane wie «Stiller» einflossen.

Hanna Johansen hat das Tagebuch in ihrer letzten Veröffentlichung von 2014 zur literarischen Form gemacht: «Der Herbst, in dem ich Klavierspielen lernte» erzählt über drei Monate vom täglichen Versuch, in hohem Alter noch etwas Neues zu lernen.

Hansjörg Schneider wiederum gab in den drei Tagebüchern, die er veröffentlicht hat, radikal Persönliches preis. «Nilpferde unter dem Haus» (2012) hält die Träume fest, die ihn quälend mit der Vergangenheit verbinden; «Nachtbuch für Astrid» (2000) beinhaltet die Trauerarbeit nach dem Tod seiner Frau, und im vergriffenen «Wüstenwind» (1984) schlägt er eine Brücke nach Nordafrika, wo er als Journalist unterwegs war.

Tatsächlich liegen die Ursprünge des Tagebuchs im Reisebericht, genauer in den Logbüchern der frühen Seefahrer. Diese sollten die Reise Tag für Tag belegen, der Kartografierung von Meeren und neuen Ufern dienen, aber auch die Erlebnisse der Entdecker für die alte Welt nachvollziehbar machen. Später reisten auf den Schiffen der Kolonialmächte auch Wissenschaftler mit. Sie sammelten im exotischen Neuland Materialien, daneben führten sie oft Tagebücher, die erst postum bekannt wurden und so manchen Skandal auslösten.

Ein berühmtes Beispiel dafür ist «Ein Tagebuch im strikten Sinne des Wortes: Neuguinea 1914–1918» von Bronislaw Malinowski. Das Buch erschien 1967, ein Vierteljahrhundert nach dem Tod des Sozialanthropologen, der als Vater der Feldforschung gilt. Darin zeigen sich ein patriarchalisch geprägter Sexismus und rassistische Vorurteile, die in krassem Widerspruch stehen zu seinen ethnografischen Standardwerken. Malinowskis Tagebuch hat in der universitären Ethnologie eine tiefe Krise ausgelöst, ihre Objektivität in Frage gestellt und ihre Methodik in der Folge vollständig umgekrempelt. Soviel Sprengkraft kann ein Tagebuch haben.*

*Dieser Text von Tina Uhlmann, Keystone-SDA, wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung realisiert.

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