Weniger Steuerabzug – Aargauerin mit Zöliakie: «Mehrkosten bleiben»
Die Aargauerin Jeanine Frei lebt mit Zöliakie und ist auf glutenfreie Lebensmittel angewiesen. Ab 2027 sinkt der Steuerabzug, obwohl die Mehrkosten bleiben.

Das Wichtigste in Kürze
- Jeanine Frei hat Zöliakie und muss deshalb glutenfreie Lebensmittel kaufen.
- Ab 2027 sinkt der Steuerabzug von 2500 auf 1500 Franken.
- Im Interview verrät die Aargauerin, wie sich dadurch ihr Alltag verändert.
Jeanine Frei aus Oberrohrdorf AG lebt mit Zöliakie und muss glutenfreie Lebensmittel kaufen. Ab 2027 sinkt der Steuerabzug von 2500 auf 1500 Franken. Für die Aargauerin ist das mehr als ein finanzieller Einschnitt: «Die Mehrkosten bleiben bestehen.»
Redaktion: Jeanine Frei, was bedeutet die geplante Reduktion des Steuerabzugs von 2500 auf 1500 Franken ganz konkret für Sie persönlich? Was verändert sich dadurch in Ihrem Alltag?
Jeanine Frei: Für mich bedeutet das, dass ein Teil der Kosten, die durch die Zöliakie zwangsläufig entstehen, nicht mehr berücksichtigt wird.
Die Krankheit und die Mehrkosten bleiben aber bestehen. Gerade weil glutenfreie Produkte teurer sind, macht dieser Unterschied für mich finanziell durchaus etwas aus.
Redaktion: Was würden Sie jemandem erklären, der sagt: «Glutenfreie Produkte sind heute überall erhältlich, so schlimm kann es also nicht sein»?
Frei: Ja, es gibt heute mehr und bessere glutenfreie Produkte als früher. Im Vergleich zum Ausland, zum Beispiel Deutschland oder Italien, ist die Auswahl in der Schweiz aber immer noch kleiner. Ausserdem sind viele Produkte nicht wirklich gut, weshalb man vieles zuerst ausprobieren muss.
Am schwierigsten ist es, wenn man unterwegs ist. Ich kann nicht einfach schnell in einen Laden gehen und ein Sandwich kaufen. Man muss vieles im Voraus planen und teilweise eigenes Essen mitnehmen.
Redaktion: Wie viel mehr geben Sie wegen der Zöliakie tatsächlich für Lebensmittel aus – und wo entstehen die grössten Mehrkosten? Können Sie uns das an einem normalen Wocheneinkauf zeigen?
Frei: Grundsätzlich sind glutenfreie Produkte deutlich teurer. Zum Beispiel enthält eine Packung glutenfreie Spaghetti teilweise weniger Inhalt als eine normale Packung, kostet aber gleichzeitig mehr.
Ein Kilogramm Mehl, je nachdem, ob es sich um normales oder Bio-Mehl handelt, kostet zwischen 1 und 1.60 Franken. Glutenfreies Mehl kostet hingegen 6.40 Franken pro Kilogramm. 400 Gramm glutenfreie Spaghetti kosten 3.30 Franken.
Diese Mehrkosten ziehen sich durch viele verschiedene Lebensmittel und summieren sich über die Zeit.

Redaktion: Was passiert, wenn Sie auswärts essen, reisen oder spontan unterwegs sind? Welche zusätzlichen Kosten und Einschränkungen entstehen, die man auf einer Steuerrechnung gar nicht sieht?
Frei: Auswärts essen ist für mich meistens mit einem gewissen Risiko verbunden. Ich habe schon oft erlebt, dass mir in einem Restaurant gesagt wurde, etwas sei glutenfrei, und es dann doch nicht war. Ich muss darauf vertrauen, dass die Angaben stimmen, eine hundertprozentige Sicherheit habe ich aber nicht.
Gerade unterwegs ist es deshalb schwierig. Ich kann nicht spontan irgendwo etwas essen, sondern muss vorher planen, wo ich etwas Sicheres bekomme. Oft nehme ich deshalb lieber eigenes Essen mit oder gehe weniger auswärts essen.
Redaktion: Haben Sie das Gefühl, dass Menschen ohne Zöliakie überhaupt nachvollziehen können, was diese Krankheit im Alltag bedeutet?
Frei: Ich habe das Gefühl, dass es heute mehr Verständnis gibt als früher. Manchmal wird die Krankheit aber trotzdem nicht ganz ernst genommen, vielleicht auch, weil viele Menschen nicht genau wissen, was Zöliakie bedeutet.
Eine Frage, die ich zum Beispiel immer wieder höre, ist: «Kannst du nicht einfach eine Tablette nehmen?» Das ist bei Zöliakie aber nicht möglich. Bei einer Laktoseintoleranz gibt es beispielsweise Tabletten, die helfen können – bei Zöliakie gibt es diese Möglichkeit nicht. Gluten muss konsequent vermieden werden.
Redaktion: Der Bund begründet die Kürzung unter anderem damit, dass glutenfreie Produkte heute besser verfügbar und teilweise günstiger geworden seien. Entspricht das Ihrer persönlichen Erfahrung?
Frei: Nein, das entspricht nicht meiner Erfahrung. Es gibt zwar mehr Produkte als früher, aber die Preise sind nach wie vor hoch. Ausserdem wurden gewisse Produkte, die ich gerne gekauft habe, wieder vom Markt genommen.
Mehr Auswahl bedeutet also nicht automatisch, dass die Produkte günstiger oder dauerhaft verfügbar sind.
Redaktion: Wenn Sie Ihre Ausgaben heute mit denen vor fünf oder zehn Jahren vergleichen: Ist die finanzielle Belastung tatsächlich kleiner geworden – oder hat sie sich vielleicht sogar verschoben?
Frei: Ich gehe heute weniger auswärts essen, vor allem weil ich dort keine hundertprozentige Sicherheit habe, dass das Essen wirklich glutenfrei ist.
Stattdessen kaufe ich mehr glutenfreie Produkte und koche häufiger selbst. Dadurch können gewisse Kosten vielleicht etwas tiefer sein, aber die finanzielle Belastung ist dadurch nicht wirklich verschwunden. Sie hat sich eher verschoben und ist meiner Meinung nach höchstens minimal kleiner geworden.
Redaktion: Was bedeutet der Steuerabzug für Sie: Ist er eine echte finanzielle Entlastung oder eher eine teilweise Kompensation für Kosten, die Ihnen durch die Krankheit zwangsläufig entstehen?
Frei: Für mich ist der Steuerabzug vor allem eine Kompensation für Kosten, die durch die Krankheit zwangsläufig entstehen. Ich sehe ihn nicht als zusätzlichen Vorteil, sondern als teilweise Entlastung für Ausgaben, die ich ohne die Zöliakie gar nicht hätte.
Redaktion: Was löst die Kürzung bei Ihnen aus? Geht es dabei vor allem um die 1000 Franken Unterschied – oder um das Gefühl, dass die besonderen Kosten der Krankheit politisch unterschätzt werden?
Frei: Ich verstehe die Kürzung ehrlich gesagt nicht. Die Krankheit bleibt ja bestehen und damit auch die Mehrkosten. Für mich geht es deshalb nicht nur um die 1000 Franken Unterschied, sondern auch um das Gefühl, dass die tatsächlichen Kosten und Einschränkungen von Zöliakie-Betroffenen unterschätzt werden.

Redaktion: Was müsste aus Ihrer Sicht passieren, damit die steuerliche Regelung die Realität von Zöliakie- Betroffenen tatsächlich abbildet? Wäre eine Pauschale überhaupt der richtige Ansatz?
Frei: Ich denke, eine Pauschale kann grundsätzlich sinnvoll sein, wenn sie die tatsächlichen Mehrkosten realistisch abbildet und regelmässig überprüft wird. Wichtig wäre, dass dabei nicht nur geschaut wird, wie viele glutenfreie Produkte es mittlerweile gibt, sondern auch auf deren Preise, Packungsgrössen und die zusätzlichen Kosten und Einschränkungen im Alltag.
Die Regelung sollte die tatsächliche finanzielle Mehrbelastung berücksichtigen und nicht davon ausgehen, dass Zöliakie heute weniger kostet, nur weil es mehr Produkte gibt.
Redaktion: Und was wünschen Sie sich von Menschen, die selbst keine Zöliakie haben? Was sollten sie über diese Krankheit verstehen, bevor sie über die Kosten urteilen?
Frei: Wenn jemand sagt, dass er auf Erdnüsse allergisch ist, wird das normalerweise auch nicht hinterfragt. Ich wünsche mir persönlich, dass Zöliakie in der Gesellschaft genauso ernst genommen und einfach akzeptiert wird. Viele glauben vielleicht, dass glutenfreie Ernährung nur ein Trend oder ein Hype ist.
Für Menschen mit Zöliakie ist es das aber nicht. Die Krankheit ist medizinisch bestätigt und eine glutenfreie Ernährung ist keine freiwillige Entscheidung, sondern notwendig.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst in den «Wiler Nachrichten» erschienen.








