Weil Heim-Plätze fehlen: Spitäler bleiben auf Patienten sitzen
Viele austrittsbereite Patienten bleiben länger im Spital. Das verursacht Millionenkosten und kann geplante Eingriffe verzögern.

Das Wichtigste in Kürze
- Laut Obsan drohen der Schweiz bis 2040 Hunderte fehlende Pflegeheime.
- Spitäler spüren das schon heute: Austrittsbereite blockieren oft Akutbetten.
- Verbände sagen: Neue Heime scheitern oft an Finanzierungslücken und Baukrediten.
- Nötig seien zudem fair finanzierte Übergängslösungen und weniger Fehlanreize.
Der Schweiz droht eine massive Lücke in der Langzeitpflege. Bis 2040 braucht es laut dem Schweizerischen Gesundheitsobservatorium (Obsan) 626 zusätzliche Pflegeheime, wenn sich die heutige Versorgungspolitik nicht grundlegend verändert.
Die Spitäler spüren die Folgen dieser Entwicklung bereits heute: Wer medizinisch austrittsbereit ist, aber keinen Pflegeheimplatz oder keine andere passende Anschlusslösung findet, bleibt länger im Akutbett.
Das verursacht hohe Kosten – und kann dazu führen, dass andere Patienten länger auf eine Behandlung warten müssen.
Wartende Patientinnen und Patienten blockieren Akutbetten
Am Freiburger Kantonsspital (HFR) kamen 2025 insgesamt 9020 solche Wartetage zusammen. Im Jahr 2023 waren es sogar 10’324, 2024 noch 8746.
«Die meisten Fälle betreffen Patientinnen und Patienten, die auf einen Platz im Pflegeheim warten», sagt Sprecherin Catherine Favre Kruit. Teilweise gebe es wegen Personalmangels auch Wartefälle bei der Spitex.
Im Durchschnitt blieben Patientinnen und Patienten, die auf einen Pflegeheimplatz warteten, 2025 rund 16 Tage zusätzlich im Spital.
Favre Kruit gibt zu bedenken: «Kumulieren sich diese Wartefälle mit einer hohen Bettenauslastung, kann dies dazu führen, dass geplante Eingriffe verschoben werden müssen.» Anfang 2026 sei das der Fall gewesen.
Die Wartefälle verursachen Mehrkosten in Millionenhöhe. «Im Jahr 2022 betrugen sie beispielsweise 10 Millionen Franken für 9300 Wartetage», so Favre Kruit.
Auch am Kantonsspital Aarau (KSA) kennt man das Problem. Dort betrug die Bettenauslastung im letzten Jahr zeitweise 100 Prozent.
Grundsätzlich gilt: Entlassen wird erst, wenn eine tragfähige Lösung gefunden ist. «Niemand wird auf die Strasse gestellt», sagt KSA-Sprecher Joël Hoffmann.
Das Problem sei aber: «Die Kosten für diesen unnötigen Aufenthalt bleiben grundsätzlich am KSA hängen.»
Schwierig seien Anschlusslösungen vor allem dann zu finden, wenn Patientinnen und Patienten nur für wenige Tage einen Pflegeplatz benötigen. Dann entstünden dem Spital Mehrkosten und Ertragsausfälle, weil das Bett nicht für andere Patienten genutzt werden kann, erklärt Hoffmann.
Pflegeheime stossen regional an ihre Grenzen
Das Kantonsspital Baselland (KSBL) wiederum kann zwar einen Teil der Fälle intern abfedern. Dank eigener Reha-Klinik und sechs speziellen Pflegeplätzen für Patientinnen und Patienten, die nicht mehr akut behandelt werden müssen.
Sprecher Dominik Werner hält aber fest: «Auch bei uns in der Region sind die Aufnahmekapazitäten der Alterspflegeheime begrenzt und Anschlusslösungen müssen teils flexibel gehandhabt werden.»
Laut dem Branchenverband Curaviva Schweiz sind die Alters- und Pflegeheime statistisch gesehen derzeit gut ausgelastet, haben aber noch gewisse Kapazitäten.

Allerdings könne sich die Situation «aus demografischen und versorgungstechnischen Gründen regional sehr unterschiedlich gestalten», betont Geschäftsführerin Christina Zweifel.
Im Baselbiet etwa sei die Versorgung mit Pflegeplätzen aktuell zwar «einigermassen entspannt», sagt René Gröflin, Präsident des kantonalen Curaviva-Verbandes. Im Langzeitvergleich jedoch sei die Situation «sehr bedenklich».
«Im Vergleich zu früheren Jahren fällt auf, dass viele Heime wieder Wartelisten führen», sagt Gröflin. Zudem nähmen sie immer häufiger sehr pflegeintensive Menschen auf.
Finanzierung bremst den Ausbau der Pflegeplätze
Warum werden dann nicht einfach mehr Pflegeheime gebaut?
Das hat vor allem mit der Finanzierung zu tun. In seiner Mitteilung vom Dezember 2025 hält der Verband Aargauer Krankenanstalten (Vaka) fest:
«Die Leistungserbringer sind nur dann bereit, ihre Angebote auszubauen, wenn die Finanzierung mindestens kostendeckend ist. Das ist im Bereich der Pflegefinanzierung jedoch bei weitem nicht der Fall.»
Die Finanzierungslücke bei den aargauischen Pflegeinstitutionen habe sich seit 2011 bis Ende 2024 auf rund 300 Millionen Franken summiert.
Das erschwert auch Bauprojekte. Laut Vaka sind Banken bei Baukrediten für Pflegeheime zurückhaltend, weil viele Heime zu wenig Eigenmittel erwirtschaften.
Auch Curaviva Baselland sieht in der Finanzierung eine der zentralen Hürden. Früher seien neue Pflegebetten vom Kanton mitfinanziert worden. «Heute müssen die Heime die Investitionen selber tragen und ab dem ersten Tag möglichst kostendeckend arbeiten können», erklärt Gröflin.
Viele Heime verfügten zwar über Möglichkeiten (Abschreibungen) für Ersatzinvestitionen. «Für Neuinvestitionen stehen aber nicht genügend Finanzmittel zur Verfügung», so Gröflin.
Übergangspflege scheitert an falschen Anreizen
Doch selbst zusätzliche Pflegeplätze würden das Problem nicht vollständig lösen. Denn an der Schnittstelle zwischen Spital und Pflege gibt es ein weiteres Hindernis: Finanzielle Fehlanreize.
Nach einem Spitalaufenthalt könnten manche Patientinnen und Patienten eigentlich vorübergehend in die sogenannte Akut- und Übergangspflege (AÜP) wechseln. Dort würden sie in einem Pflegeheim betreut, bis sie wieder nach Hause können oder eine dauerhafte Lösung gefunden ist.
Doch dieses Angebot sei in seiner heutigen Ausgestaltung «zu wenig praxistauglich», kritisiert der Spitalverband H+. Die vorgesehene Dauer (maximal zwei Wochen) sei zu kurz, zudem würden wichtige Leistungen wie Unterkunft und Betreuung nicht angemessen vergütet.
Dadurch entstünden zu wenige Angebote – und bestehende würden zu wenig genutzt.

Curaviva Schweiz schlägt in die gleiche Kerbe. Zwar übernehmen Kanton und Krankenkasse in der AÜP die Pflegekosten. Für Kost und Logis im Pflegeheim müssen die Patienten jedoch – anders als im Spital – vollumfänglich selber aufkommen. Gerade diese Kosten machen einen grossen Teil der Heimrechnung aus.
Der Verbleib im (für das Gesundheitssystem teurere) Spitalbett sei deshalb «aus Patientensicht finanziell attraktiver», sagt Geschäftsführerin Christina Zweifel.
Für die befragten Verbände liegt die Lösung daher nicht nur im Bau neuer Pflegeheime. Genauso brauche es angemessen finanzierte Übergangslösungen und eine bessere Koordination zwischen Spitälern und Heimen.
Sonst bleibt das Akutspital für viele ältere Menschen das teuerste Wartezimmer des Pflegesystems.












