Oberland

    Virale Elterntaxi-Schelte gerät ausser Kontrolle

    Bettina Zanni
    Bettina Zanni

    Pfäffikon,

    Ein Plakat will Eltern, die ihre Kinder in die Schule chauffieren, zur Vernunft bringen. In einer Zürcher Schule sorgt es für ein Missverständnis.

    Elterntaxi
    Zwölf Prozent der Eltern fahren ihre Kinder mehrmals pro Woche in die Schule, fünf Prozent sogar täglich. - keystone

    Das Wichtigste in Kürze

    • «Ihr Kind hat Beine», schärft ein Plakat Elterntaxis ein.
    • Eine Userin teilte den Post in einer Facebook-Gruppe von Fehraltorf ZH.
    • Elterntaxis sind in der Schule Fehraltorf ein Problem – mit dem Plakat hat diese aber nichts zu tun.

    Schulen und Elternvereine kämpfen mit allen möglichen Aktionen gegen Elterntaxis.

    Etwa in Herrliberg an der Zürcher Goldküste fing eine Elterngruppe zum Schulstart während einer Woche Elterntaxis ab. Sie drückte den Mamis und Papis hinter dem Steuer einen Flyer in die Hand. Dieser rief dazu auf, den Schulweg zu Fuss zurückzulegen.

    Und in Diepoldsau SG hat die Schule diese Woche den Kindergartenkindern reflektierende Mützen verteilt. Diese sollen dafür sorgen, dass Eltern ihre Kinder trotz Dämmerung und Dunkelheit zu Fuss in den Kindergarten schicken.

    Unternehmen Schulen genug gegen Elterntaxis?

    Jedes vierte Kind steigt mindestens einmal pro Woche ins Elterntaxi. Zwölf Prozent fahren ihre Kinder mehrmals pro Woche in die Schule, fünf Prozent sogar täglich. Dies zeigt die neuste Elternbefragung zum Schulstart der AXA-Versicherung in der Deutsch- und Westschweiz.

    Das Plakat einer Schule versucht die Elterntaxichauffeure mit banalen Worten zur Vernunft zu bringen. «Liebe Eltern, ihr Kind hat Beine. Und einen Schulbus», steht darauf.

    «Schultaschen, die bis zur Tür getragen werden»

    Die Schule listet auf dem Plakat auf, «was wir jeden Morgen sehen». Es befänden sich Autos in der Feuerwehrzufahrt und es werde «nur mal kurz» und mit Warnblinkern neben den Parkplätzen parkiert.

    Manche Eltern fahren aber nicht weg, sobald sie ihren Sprössling abgeladen haben. Die Schule beobachtet auch «Schultaschen, die bis zur Tür getragen werden. Von Mama oder Papa».

    Elterntaxi
    Das Elterntaxi-Plakat, das auf Facebook viral geht, dürfte ursprünglich aus Deutschland oder Österreich stammen. - Facebook

    Das Plakat schärft ein: «Was ihr Kind kann: zu Fuss gehen, Bus fahren, Freunde treffen, alleine ankommen.» Werde es hingegen direkt bis zum Klassenzimmer gefahren, lerne es, dass es das nicht alleine könne.

    «Die Hol- und Bringzone ist 300 Meter weiter. Ihr Kind schafft das. Versprochen», schliesst «Ihre Schule» den Appell.

    «Schulweg war noch ein Erlebnis»

    Das Plakat taucht auch in der lokalen Facebook-Gruppe der Gemeinde Fehraltorf ZH auf. Bewohnerin und Facebook-Userin V.H.* hat es in der Gruppe geteilt.

    «Die Elterntaxis haben wahnsinnig zugenommen, egal in welcher Schule», sagt H. Sie hat drei erwachsene Kinder.

    «Als sie zur Schule gingen, war der Schulweg noch ein Erlebnis.» Das Verkehrsaufkommen durch die Elterntaxis rege auch viele Leute im Dorf auf.

    In den Kommentaren diskutierten Mitglieder der Fehraltorfer Facebook-Gruppe heftig über das Plakat.

    Inzwischen hat H. den Post jedoch gelöscht. «Die Präsidentin der Schulpflege hat angerufen und gesagt, dass dieses Plakat nicht von der Schule stamme», sagt H.

    Nachträglich machte die Userin in der Gruppe darauf aufmerksam, dass es sich «um einen allgemeinen Hinweis» handle.

    Plakat kommt wohl aus dem Ausland – Fehraltorf kennt Problem aber

    Voraus ging eine Anfrage der Redaktion bei der Schule am Dienstagmorgen. «Wir haben mit dem Plakat nichts zu tun», sagt Carmen Evangelisti, Präsidentin der Schulpflege Fehraltorf.

    Das Plakat stammt vermutlich aus Deutschland oder Österreich und geht aktuell im deutschsprachigen Raum viral. Etwa auch in einer österreichischen Facebook-Gruppe namens «Was ist los bei uns in Stockerau» ist der Post gelandet.

    Elterntaxi
    Etwa auch in einer österreichischen Facebook-Gruppe ist das Elterntaxi-Plakat gelandet. - Screenshot / Facebook

    Zudem wurde «zu Fuss» nicht mit Doppel-S, sondern Eszett geschrieben. Und es ist die Rede von «Schultaschen». In der Schweiz sind aber Bezeichnungen wie «Thek» oder «Rucksack» üblich.

    «Ich habe den Post mit dem Plakat irgendwo auf Facebook gesehen», sagt H. «Ich habe ihn geteilt, weil ich fand, dass dieser Hinweis die Eltern in Fehraltorf zum Überlegen animieren solle.» Sie habe jedoch nicht damit gerechnet, welches Ausmass die Sache nehme.

    «Es wird mir eine Lehre sein.» Künftig teile sie keine Posts ohne offizielle Absender und Logos mehr.

    Schulpflegepräsidentin Carmen Evangelisti bestätigt jedoch, dass Elterntaxis ein Problem sind. «Wir als Schule wünschen uns, dass möglichst alle Kinder den Schulweg zu Fuss zurücklegen», sagt sie. «Und so an Selbstständigkeit gewinnen können.»

    Elterntaxis parkieren vor allem bei schlechtem Wetter

    Im Verhältnis zu den vorhandenen Parkplätzen parkieren zu viele Elterntaxis vor der Schule. Dies sei vor allem bei schlechtem Wetter der Fall, sagt Evangelisti.

    «Die vielen Fahrzeuge sind in unseren Augen eher gefährlich für die Kinder, die zu Fuss zur Schule kommen.» So hätten sie vor rund drei Jahren ein Halteverbot vor der Schule verfügt.

    «Begleiten ihr Kind bis in die Garderobe»

    Tatsächlich endet der Service von Mami und Papi teilweise nicht beim Abladen. «Es ist richtig, dass einzelne Eltern ihr Kind tatsächlich bis in die Garderobe oder vor den Hauseingang der Schule begleiten.» Dies betreffe vor allem Kindergärtler und Erstklässler.

    Elterntaxi
    «Die Taschen in der Unterstufe sind gemäss Rückmeldung der Schulleitung nicht zu schwer», sagt die Präsidentin der Schulpflege Fehraltorf. - keystone

    «Die Taschen in der Unterstufe sind gemäss Rückmeldung der Schulleitung nicht zu schwer», sagt die Präsidentin.

    Die Rucksäcke würden in der Mittelstufe und Oberstufe eher schwer. Das Gewicht der Schultaschen hänge auch mit den Schülerinnen und Schülern zusammen. «Es gibt welche, die gerne stets alles dabeihaben möchten.»

    Da sie gerne eine offene Schule seien, wiesen die Schulleitungen die Eltern aber nicht weg, sagt Evangelisti. «Wir wären allerdings sehr froh, wenn Eltern ihre Kinder den Schulweg alleine gehen lassen würden.»

    *Name der Redaktion bekannt.

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    Kommentare

    User #3960 (nicht angemeldet)

    Über das Gewicht der Rucksäcke würde ich mir keine Sorgen machen, ein bisschen tragen macht stark 🏋️‍♂️

    User #2944 (nicht angemeldet)

    An gewissen Orten bleibt den Eltern nichts anderes übrig als ihre Kinder zu fahren dank Jans und seinen Freunden.

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