Ärztin sieht Defizite: Kinder können immer schlechter hüpfen
Heute fehlt es Kindern an grundlegenden motorischen Fähigkeiten. Der Grund ist ein weniger aktiver Schulweg. Und: Draussen wird weniger gespielt.

Das Wichtigste in Kürze
- Fachleute beobachten: Ein Teil der Kinder hat Defizite bei grundlegenden Bewegungsfähigkeiten.
- Motorische Basiskompetenzen sind von Bewegungsmöglichkeiten im Alltag abhängig.
- Kinder erwerben ihre Skills auf dem Schulweg, beim Spielen und im Sport.
Ein Lehrer bemängelte im deutschen Magazin «Stern»: Kinder können heute nicht mal mehr rückwärtslaufen.
Eine übertriebene Darstellung – oder hat sich die Bewegungsfähigkeit von Kindern tatsächlich verschlechtert?
Die Kinderärztin Tanja H. Kakebeeke vom Kinderspital Zürich erklärt: «Die Frage lässt sich nicht einfach so mit einem Ja oder Nein beantworten.»
Die motorische Entwicklung bei Kindern habe sich weder in der Schweiz noch in anderen europäischen Ländern grundsätzlich verändert.
«Was sich aber geändert hat: Die Kinder haben weniger Möglichkeiten, draussen ungestört herumrennen zu können», sagt Kakebeeke.
Kinder können schlechter hüpfen
Gerade in Grossstädten fehle es oft an Platz und Gelegenheiten, um sich täglich frei zu bewegen. Das kann laut der Ärztin Folgen haben: «Was wir im Vergleich zu vor 30 Jahren gesehen haben: Kinder sind heute schlechter in grobmotorischen Dingen wie Gumpen oder Einbeinstand.»
Marcel Marti von der Pädagogischen Hochschule Bern bestätigt diese Entwicklung: «Eine Schweizer Untersuchung kommt zum Schluss, dass bei einem Teil der Kinder im Kindergarten Förderbedarf bei grundlegenden motorischen Kompetenzen besteht.»
In der Untersuchung zeigten sich deutliche Unterschiede zwischen den Kindern. Die Studie zeigt laut Marti auch Zusammenhänge auf. Und erkennt Zusammenhänge: «Kinder, die häufiger draussen spielen oder einen aktiven Schulweg haben, weisen im Durchschnitt höhere motorische Kompetenzwerte auf.»
Die beste Schweizer Langzeitstudie, welche die motorischen Fähigkeiten von Kindern untersucht hat, ist von 2018 und somit schon etwas älter. Die Studie zeige stabile Daten bei reiner Motorik, Feinmotorik und statischem Gleichgewicht, sowie eine statistisch nachweisbare Verschlechterung beim dynamischen Gleichgewicht von Kindern, so Marti.
Marti erwähnt eine zweite grosse Schweizer Untersuchung, die diesen Befund stützt: die Sportcheck+-Studie von 2014. Sie zeige, dass die Leistung von Kindern beim Rückwärtsbalancieren um fast drei Prozent jährlich gesunken sei. Während sich das seitliche Springen um über 1 Prozent verbessert habe.
Weniger aktive Schulwege
Dass Kinder heute einen weniger aktiven Schulweg haben, ist nicht aus der Luft gegriffen.
Laut Marti zeigen Schweizer Mobilitätsdaten einen Rückgang des Velofahrens auf dem Schulweg und einen Anstieg motorisierter Schulwege auf.
Marti: «Das ist von Bedeutung, weil motorische Entwicklung nicht nur im Sportunterricht stattfindet. Kinder erwerben motorische Erfahrungen auch auf dem Schulweg, beim freien Spielen, im Pausenraum, auf Spielplätzen und im Verein.»

Verschiedene Bewegungen sind laut Kakebeeke wichtig für ein gutes Geschick von Kindern. «Das Kind entwickelt im jungen Alter sein Nervensystem. Kinder, die viel herumtollen, entwickeln ein robusteres neuromotorisches System, womit sie später mehr machen können.»
Später schwieriger zu lernen
Laut der Kinderärztin sei es mit den Bewegungen wie mit der Sprache. Später sei es schwieriger etwas zu lernen.
Bewegungen wie zum Beispiel das Rückwärtslaufen, Balancieren oder Hüpfen sind laut Kakebeeke wichtig für ein gutes Geschick der Kinder.
«Es gibt eine empfindliche Phase im Kindesalter. Man kann nicht alles nachholen.» Laut Kakebeeke sei es aber nicht schlimm, wenn man nicht alles könne. Weil man Dinge wie zum Beispiel den Purzelbaum im Alltag nicht unbedingt brauche.












