Viele flüchten nicht – Experten warnen: Auch Staublawinen tödlich
Derzeit walzen zahlreiche Staublawinen talabwärts. Videos zeigen, wie Skifahrer bis zum letzten Moment stehen bleiben. Experten warnen: Sie können tödlich sein.
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Das Wichtigste in Kürze
- Im Nachgang von Lawinensprengungen donnern zahlreiche Schneestaublawinen in die Täler.
- Sie können bis zu 200 Stundenkilometer schnell werden, so Experten.
- Die Gefahr ist auch für Menschen real, Staublawinen können tödlich enden.
Schnell und laut donnern sie ins Tal. In Saas-Fee, am Mont Blanc oder in Leukerbad schieben sich riesige Schneewolken über die Hänge.
Es handelt sich um sogenannte Staublawinen. Gewaltige Massen aus Schnee und Schneestaub, die talabwärts walzen, ganze Landschaften und Gruppen von Wintersportlern einhüllen.
Besonders in diesen Tagen sind sie vermehrt zu sehen. In weiten Teilen und zahlreichen Skiorten der Schweiz gilt seit dem Wochenstart die höchste oder zweithöchste Lawinenwarnstufe.
Zahlreiche Videos von solchen Schneewolken kursieren im Netz. Was auffällt: Viele Wintersportler schauen lange gebannt zu, wie die Masse auf sie zurollt. Sie flüchten erst in letzter Sekunde.
Ein Fehler, wie Experten warnen.
Geschwindigkeiten von bis zu 200 Stundenkilometer
Was genau steckt hinter dem Phänomen?
Lawinenforscherin Betty Sovilla vom Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) erklärt bei Nau.ch, dass eine Staublawine aus zwei Teilen besteht.
«Eine dichtere Schicht bewegt sich nahe am Boden», sagt die Expertin. Darüber befinde sich eine leichtere Schneewolke aus feinen Schneeteilchen, die in der Luft herumwirbeln. Diese Teilchen «bilden die sichtbare Schneewolke».
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Bewegen sich die beiden Teile schnell gemeinsam, erreicht die Lawine ihre Höchstgeschwindigkeit, wie Sovilla erklärt. «Oft überschreiten die Höchstgeschwindigkeiten 200 Stundenkilometer.»
Die Wolke mag auf den ersten Blick harmlos wirken – das ist sie aber keinesfalls.
Zwar kann sich die dichte Schicht durch Reibung mit dem Gelände verlangsamen, wie Sovilla sagt. Doch die Staubwolke darüber bleibt extrem gefährlich, warnt die Lawinenforscherin. «Befreit von Reibung kann die Wolke weite Strecken zurücklegen.»
«Staublawinen können Menschen töten»
Auch Lawinenwarner Kurt Winkler vom SLF betont: «Staublawinen können selbst an Wäldern und Infrastruktur grosse Schäden anrichten und selbstverständlich auch Menschen töten.»
Erst im Auslaufbereich verliere die Masse an Kraft. «Dort wird sie irgendwann weniger gefährlich», erklärt Winkler.
Besonders für Wintersportler ist das Risiko hoch. Seine Empfehlung: «Schutz suchen hinter stabilen Objekten wie Häusern, Felsblöcken oder Bäumen.»
Ist kein geschützter Ort in der Nähe, gelte: Flüchten. «Weil Staublawinen sehr schnell sind, bleibt nur wenig Zeit und es lohnt sich, so früh wie möglich damit zu starten.»
Die grösste Gefahr lauert abseits der Piste
Trotz der spektakulären Bilder: Die meisten Opfer werden nicht durch Staublawinen verursacht, wie der Experte erklärt.
Viel häufiger sind sogenannte Schneebrettlawinen tödlich. Sie werden oft von Wintersportlern selbst ausgelöst – im freien Gelände abseits der gesicherten Pisten.
Winkler rät deshalb zur Vorsicht: «Je höher die Lawinengefahr, desto flacher sollte das Gelände gewählt werden.» Zudem sollte stets das aktuelle Lawinenbulletin konsultiert werden.
Wer abseits der Pisten unterwegs ist, sollte zudem mit Notfallausrüstung ausgerüstet sein. Dazu gehören ein Lawinenverschüttetensuchgerät (LVS), eine Sonde und eine Schaufel.
Rega: «Die Kameraden sind entscheidend»
Auch die Schweizerische Rettungsflugwacht Rega mahnt zur Vorbereitung.
Mediensprecher David Suchet sagt zu Nau.ch: «Unsere Crews besprechen zum Beispiel jeden Morgen beim Briefing die Lawinengefahr anhand des Bulletins des SLF.»
Bei einem Einsatz würden sofort Helikopter, Lawinensuchhunde und Bergretter der Alpinen Rettung Schweiz aufgeboten. Doch Suchet betont: «Ausschlaggebend bei einem Lawinenunfall ist die Hilfe der Kameraden.»
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Deshalb gilt: «Sofort nach der Alarmierung der Rega mit der Suche beginnen.» Verschüttete, die rasch von Begleitpersonen mit dem LVS geortet und ausgegraben werden, hätten die besten Überlebenschancen.
Wer selbst von einer Lawine erfasst wird, sollte vorhandene Schutzausrüstung nutzen – etwa einen Lawinenairbag.
«Versuchen Sie, der Lawine seitlich zu entkommen, lassen Sie Ihre Stöcke los», sagt Suchet. Zusätzlich gilt: «Solange der Schnee fliesst, Sollte man versuchen, sich an der Oberfläche zu halten.»
Kurz bevor die Lawine zum Stillstand kommt, empfiehlt er, mit den Händen einen Hohlraum vor Mund und Nase zu bilden. So könnten die Atemwege möglichst freigehalten werden.








