Verletzungs-Risiko: Extremsportler finden immer mehr Nachahmer
Extremsportler wie Arda Saatçi gelten für viele als Vorbilder. Doch welche Risiken birgt das Nachahmen solcher Leistungen?

Das Wichtigste in Kürze
- Ultra-Sportler Arda Saatçi inspiriert viele Menschen zu eigenen sportlichen Zielen.
- Experten warnen jedoch vor den Risiken von unvorbereiteten Extremleistungen.
- Entscheidend seien langfristiges Training und realistische Ziele.
600 Kilometer und fast 6000 Höhenmeter mit Start im Death Valley. Quer durch Kalifornien bis zum Santa Monica Pier in Los Angeles: Mit diesem Ultra-Lauf hat Extremsportler Arda Saatçi im Mai für Aufsehen gesorgt.
Hunderttausende verfolgten die Challenge auf Social Media, Fans feuerten ihn entlang der Strecke an. Die Follower-Zahl auf seinen Social-Media-Accounts schoss in die Höhe.
Und nach seinem Extrem-Lauf zeigte sich schnell: Viele junge Menschen wollen ähnliche Herausforderungen wagen.
In den sozialen Medien berichten junge Leute von extremen Zielen, die sie erreichen wollen. Beispielsweise der 16-jährige Mohamed. Sein Ziel: In 96 Stunden möglichst viele Kilometer laufen – inspiriert durch Arda Saatçi.
Fast 270 Kilometer legte der Düsseldorfer in dieser Zeit schliesslich zurück.
Doch wie gesund sind solche Extremleistungen überhaupt? Und welche Risiken entstehen, wenn Jugendliche und Hobbysportler ihrem Vorbild nacheifern?
Ultraläufe wirken erreichbar
Dass Menschen von aussergewöhnlichen sportlichen Leistungen fasziniert sind, überrascht den Psychologen Gëzim Shalaj nicht.
«Extreme sportliche Leistungen stehen für Durchhaltevermögen, Willenskraft und die Fähigkeit, vermeintliche Grenzen zu überwinden», sagt er. Solche Erfolge zeigten, wozu Menschen körperlich und mental fähig seien.
Hinzu komme, dass Herausforderungen wie Marathons oder Ultraläufe für viele Menschen theoretisch erreichbar wirkten. Anders als Olympiasieger oder Profifussballer scheinen Ausdauerathleten näher an der eigenen Lebensrealität zu sein.
Soziale Medien verstärkten diesen Effekt zusätzlich. Menschen könnten die Leistungen fast in Echtzeit verfolgen, mitfiebern und sich emotional mit den Sportlern identifizieren.
Jugendliche wollen Vorbilder nachahmen
Gerade Jugendliche seien besonders anfällig dafür, solche Vorbilder nachzuahmen.
«Jugendliche befinden sich in einer Phase der Identitätsentwicklung», erklärt Shalaj. Sie suchten nach Orientierung. Beeindruckende sportliche Leistungen könnten dabei als attraktive Identitätsangebote wirken.

Auch die Medienpsychologin Lilian Suter von der ZHAW sieht darin einen wichtigen Faktor. Menschen orientierten sich an sogenannten Rollenmodellen: «Sie übernehmen Verhalten, das sichtbar mit Erfolg und Anerkennung belohnt wird», so Suter.
Bei Arda Saatçi spiele zudem die mediale Inszenierung eine wichtige Rolle. Sein Sponsor habe den 600-Kilometer-Lauf zu einem regelrechten Event gemacht.
«Das Publikum konnte alles live auf Social Media mitverfolgen. Die euphorische Begleitung stellte Arda Saatçi als eine Art Heldenfigur dar», sagt Suter.
Viele unterschätzen den Aufwand
Genau darin liegt laut den Experten aber auch eine Gefahr. «Die sichtbare Leistung ist oft nur die Spitze des Eisbergs», sagt Psychologe Shalaj.
Auf Social Media seien vor allem Erfolg und spektakuläre Bilder sichtbar. Kaum wahrgenommen würden hingegen jahrelanges Training, medizinische Betreuung, Regeneration und ein erfahrenes Umfeld.
Auch Suter glaubt, dass viele Menschen den Aufwand unterschätzen: «Man sollte nicht vergessen, dass Arda Saatçi ein Extremsportler ist. Er hat sich sehr gut und lange auf diesen Lauf vorbereitet und hatte ein grosses Betreuungsteam an seiner Seite.»
Der Eindruck «es ist ja nur Laufen» könne deshalb täuschen.
Aus medizinischer Sicht unterscheidet Sportmediziner Walter O. Frey von der Klinik Hirslanden zwischen lokalen und systemischen Problemen.
Lokale Beschwerden betreffen einzelne Körperregionen. Dazu gehören Überlastungen, Gelenkentzündungen oder Ischias-Schmerzen.
«Auch den besttrainierten Ultramarathonläufer können solche lokalen Probleme stoppen», erklärt Frey.
Noch gefährlicher seien allerdings systemische Probleme, also Zusammenbrüche des gesamten Organismus. Moderne Ernährungs- und Trinkstrategien könnten solche Zustände zwar lange hinauszögern, ganz vermeiden liessen sie sich aber nicht.
Doch wann wird Sport ungesund? Gefährlich seien beispielsweise das Ignorieren von Schmerzen, das Auftreten eines Verwirrungszustandes, die Überhitzung des Körpers oder sinkende Leistung trotz Training.
Ultra-Sportler brauchen individuelle Empfehlungen
Was gesund ist, hängt laut Walter O. Frey von der Ausgangssituation ab: «Wer bisher noch nie Sport betrieben hat, sollte mit Wandern aufbauend beginnen.»
Für ambitionierte Breitensportler empfiehlt er unter der Woche täglich ein einstündiges Training und ein mehrstündiges Event am Wochenende. Am Montag sollte aus gesundheitlicher und leistungsphysiologischer Sicht ein Regenerations-Ruhetag eingebaut werden.
Für den Ultrabereich seien hingegen individuelle Empfehlungen notwendig.
Trotz der Risiken sehen die Experten die Entwicklung nicht nur kritisch. Walter O. Frey lobt: «Werden durch solche Events Personen dazu animiert, sich überhaupt zu bewegen, ist das für die Gesundheit der Bevölkerung ein Riesengewinn.»
Auch Gëzim Shalaj betont, dass Vorbilder wie Arda Saatçi Jugendliche motivieren können, sich mehr zu bewegen und Ziele zu verfolgen. Entscheidend sei jedoch die richtige Botschaft.
«Es geht nicht darum, grosse Träume zu verhindern», sagt der Psychologe. Vielmehr müsse vermittelt werden, dass aussergewöhnliche Leistungen das Ergebnis eines langfristigen Entwicklungsprozesses seien.

















