Unliebsames aus der Familiengeschichte in zwei neuen Romanen

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Bern,

Wer in der Vergangenheit gräbt, droht fündig zu werden. Davon erzählen zwei neue Bücher: «Möwen über der Scala dei Giganti» von Susanne Schanda und «Nachlass» von Daniel Goetsch. Im Dunkel der jeweiligen Familiengeschichte lauern unerwartete Geheimnisse.

«Nachlass» heisst der neue Roman von Daniel Goetsch. Ironisch und Zürcher Lokalkolorit zeichnet er am Beispiel einer Familie das Bild einer Gesellschaft, die Eigeninitiative und Freihe...
«Nachlass» heisst der neue Roman von Daniel Goetsch. Ironisch und Zürcher Lokalkolorit zeichnet er am Beispiel einer Familie das Bild einer Gesellschaft, die Eigeninitiative und Freihe... - Keystone/GEPARDENVERLAG/MIKLOS KLAUS ROZSA

Es gibt viele Gründe, um in der Geschichte zu forschen. Im Roman «Möwen über der Scala dei Giganti» von Susanne Schanda stösst eine junge Frau bei historischen Recherchen unverhofft auf problematische Vorfahren aus der eigenen Familie. Daniel Goetsch erzählt in «Nachlass» von drei Geschwistern, die beim Ordnen der väterlichen Hinterlassenschaft unangenehme Entdeckungen machen.

«Möwen über der Scala die Giganti»

In Triest mischen sich Sprachen und Kulturen seit je her. Gerade deshalb fühlt sich Mafalda hier wohl. Sie unterrichtet an einer Schule und arbeitet mit an einem Projekt über den historischen Brand des legendären Narodni Dom. 1919 war das slowenische «Volkshaus» von einem faschistischen Mob angezündet worden, als Fanal für die Vertreibung der Slowenen.

Der Projektleiter Goran Novak hat Mafalda trotz ihrer italienisch-österreichischen Herkunft als Mitarbeiterin ausgewählt. Er selbst verbindet mit der Recherche die Hoffnung, mehr über seine Urgrossmutter zu erfahren, die damals im Narodni Dom gearbeitet hatte und sich retten konnte. Die Spuren ihres Geliebten aber verlieren sich am Tag des Brandes.

Im Lauf der Recherche findet Mafalda heraus, dass auch ihre Familie mit betroffen war. Ihr Urgrossvater war damals vielleicht unter die Denunzianten gegangen. Es ist bloss ein Verdacht, aber er stellt ihre Mitarbeit am Rechercheprojekt in Frage. Ist sie als Nachfahrin eines italienischen Faschisten mitschuldig an der Verfolgung der slowenischen Minderheit? Wo endet die Schuld?

Im Geheimen hegt Mafalda noch einen alten Traum. Sie möchte das abgebrochene Studium der Meeresbiologie wieder aufnehmen, das Meer erforschen, seine Biodiversität und Ökologie schützen. Nebenher beginnt sie deshalb wieder zu tauchen. Darob aber vergisst sie, dass ihre Freundin Raffaella dringend Hilfe benötigen würde. Wo beginnt der Verrat?

«Möwen über der Scala die Giganti» erzählt diese Geschichten vor dem Hintergrund einer lebendigen, pittoresken Stadt, in der sich Geschichte und Gegenwart, Sprachen und Kulturen ineinander verschlingen.

Die Autorin Schanda verwebt mehrere Erzählfäden kunstvoll zu einer multikulturellen Textur, für die Triest steht. Die Neueröffnung des Narodni Dom ruft in Erinnerung, welche Folgen ein engstirniger Nationalismus, der neuerlich droht, haben kann.

Mit einer pathetischen Rede über Schuld und Sühne befreit sich auch Mafalda von den Schatten der Vergangenheit. Erst wo die Gewalt endet, wird Versöhnung möglich. Die historische Recherche ergibt nebenbei auch, dass Gorans verschollener Urgrossvater Lorenzo hiess und Italiener war.

«Nachlass»

Erbschaften bringen oft unangenehme Wahrheiten an den Tag. Der väterliche Erfolg erweist sich als Trugschluss und das geliebte Elternhaus gehört längst der Bank. Mit diesen Tatsachen werden drei ganz und gar ungleiche Geschwister im Roman «Nachlass» von Daniel Goetsch konfrontiert. Ihr Vater, der erfolgreiche André Soldin, hat Suizid begangen. Kurz vorher hatte er im Kunsthaus blindwütig ein wertvolles Hodler-Gemälde zerstört. Auf YouTube geht die wahnwitzige Aktion viral.

Der rechtschaffene Konrad, die unglückliche Sarah und der schlampige Eli hatten nur noch wenig Kontakt mit ihm. Sie genossen aber gerne die Wohltaten seiner Leutseligkeit und seines Erfolgs. Dabei haben sie getrost übersehen, wie sein Gesicht verrutschte, wenn er sich allein wähnte. Nach seinem Tod gilt ihre Sorge vor allem dem Erbe. Sarah und Eli könnten es gut gebrauchen.

Schnell aber erweist sich, dass der Nachlass aus Schulden besteht und Vaters Erbschaft darin gipfelt, dass sich ein Shitstrom über die Familie Soldin ergiesst. In den sozialen Medien wird sie «als Symptom einer fürchterlichen Krankheit.#ZurichMafia» gebrandmarkt.

Der Shitstorm trifft sie unvorbereitet. Konrad, Sarah und Eli leben in ihren eigenen Sphären, sie kommunizieren kaum miteinander. Umso schwerer fällt es ihnen, die verfahrene Situation, die weitere Komplikationen mit sich bringt, gemeinsam zu meistern.

Der Roman «Nachlass» erzählt in wechselnden Perspektiven aus der Optik der drei Geschwister. Sie erkennen jedes für sich nur Teile einer tiefer liegenden Wahrheit und deuten die Zeichen missverständlich. Die Mutter Meret, die vielleicht Antworten hätte, hält sich bedeckt. Daraus entsteht eine reizvolle Spannung.

Daniel Goetsch zeigt sich als versierter Erzähler. Ihm gelingen treffliche Stimmungsbilder und eigenwillige Charaktere, deren unterschiedliche Blickwinkel sich glänzend zu einem Ganzen formen, das gleichwohl lückenhaft bleibt. Was geschah damals in Kabul? Und wer ist Palita?

Es gibt nicht die eine Wahrheit, erst recht nicht in einer Familie, die sich auseinandergelebt hat. So zeichnet Goetsch mit Ironie und viel Zürcher Lokalkolorit das Bild einer Gesellschaft, die Eigeninitiative und Freiheit predigt, aber gern auf ein zugefallenes Erbe hofft.*

*Dieser Text von Beat Mazenauer, Keystone-SDA, wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung realisiert

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