Ukrainische Kinder erhalten in St. Gallen eine Pause vom Krieg
32 Kinder aus der Ukraine sind am Donnerstag von St. Gallen zurück in ihr Heimatland gereist. Erholung vom Krieg war die oberste Maxime während ihres zweiwöchigen Aufenthalts in der Ostschweiz. Das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) hatte sie in die Schweiz geholt.

Ruhe. Das ist ein Wort, das an diesem Vormittag in der Jugendherberge oberhalb der Stadt St. Gallen immer wieder fällt. Während in Teilen der Ukraine das fünfte Jahr in Folge Raketen einschlagen, Drohnen verschiedene Ziele ins Visier nehmen, die Leute wegen Luftalarms regelmässig in Bunker rennen müssen und sowohl Soldaten als auch Zivilisten sterben, bekamen 32 Kinder und Jugendliche aus allen Teilen der Ukraine die Möglichkeit, sich während zwei Wochen in St. Gallen und Umgebung vom Krieg in ihrer Heimat zu erholen. Und vor allem: Ruhe zu finden.
«Die Kinder kamen sehr müde und erschöpft bei uns an», sagt Claudia Kündig bei einem Rundgang durch die Jugendherberge gegenüber der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Erreicht haben sie St. Gallen am Samstagabend vor einer Woche, so die Co-Projektleiterin vom Schweizerischen Roten Kreuz Kanton St. Gallen für das «Red Cross Summer Camp» weiter. Die Müdigkeit lag sicher auch an der langen Busfahrt aus der Ukraine, aber eben nicht nur.
Seit der Ankunft in St. Gallen hat sich einiges getan: Über eine Woche später wirken die Kinder an diesem Montagvormittag voller Energie. Viele basteln, lachen oder toben herum. Von Ruhe ist – zumindest äusserlich – nichts zu spüren.
Das jüngste Kind ist vierjährig
Und doch: «Innerlich sind die Kinder und Jugendlichen seit ihrer Ankunft in St. Gallen deutlich zur Ruhe gekommen», sagt Claudia Kündig. Ihre Kollegin, Co-Leiterin Zoia Ishchenko, pflichtet ihr bei. Wobei man bei der Energie auch unterscheiden müsse.
Am Anfang sei es oftmals chaotisch gewesen, etwa während der täglichen psychosozialen Begleitung. Die Kinder hätten aufgekratzt gewirkt und eine «unkontrollierte Energie» gehabt, so Ishchenko. Mittlerweile hätten sie vor allem Energie und Lust, viel zu unternehmen.
Das «Red Cross Summer Camp», organisiert durch das SRK Kanton St. Gallen und finanziell unterstützt durch den Kanton St. Gallen sowie durch Spenden, ist aber weitaus mehr als ein Erholungsaufenthalt mit verschiedenen Ausflügen in der Region. Es soll den Kindern Zeit und Raum geben, das in der Ukraine Erlebte zu verarbeiten. «Das jüngste Kind ist erst vier Jahre alt und wurde im Krieg geboren. Es kennt also keinen Frieden», so Zoia Ishchenko.
Viele Väter sind gestorben
Was die teilnehmenden Kinder und Jugendlichen bis 16 Jahre alle verbindet, sind nicht nur die Erfahrungen, in einem Krieg gross zu werden. Sondern auch, dass ihre Väter Angehörige der ukrainischen Nationalpolizei sind und während des Krieges entweder verstorben sind, verletzt wurden oder vermisst werden. Nur Familien von Angehörigen der Polizei kommen beim Camp des Roten Kreuzes zum Zug. Und lediglich ein Bruchteil der Anmeldungen konnte berücksichtigt werden.
«Alle Kinder haben Dinge erlebt, die ein Kind nicht erleben sollte. Einige leben auch unter Beschuss», fährt Kündig fort. Ein paar Kinder haben ihren Vater vor weniger als einem Jahr verloren. Nach St. Gallen begleitet werden sie von ihren Müttern. Auch sie sollen während der zwei Wochen etwas Ruhe und Erholung finden.
Für Notfälle ist rund um die Uhr psychologisches Fachpersonal vor Ort. Sie leiten auch die tägliche, rund eine Stunde dauernde psychosoziale Begleitung. Während Gesprächen, vor allem aber auch beim Zeichnen, kam einiges zum Vorschein. «Immer wieder zeichneten die Kinder Monster oder Kriegsszenen mit Panzern und Gewehren», berichtet Psychotherapeutin Oksana Sinitsyna, die sich vor allem um die jüngeren Kinder kümmert.
Ein Bunker aus Kissen gebaut
«Drei Kinder begannen während der psychosozialen Begleitung eine Art Bunker aus Kissen zu bauen», so Sinitsyna weiter. Die Kinder seien es sich aus der Ukraine gewohnt, regelmässig in Bunkern Schutz suchen zu müssen.
Seit Beginn des Camps habe sie deutliche Veränderungen beobachtet. «Die Kinder sind untereinander höflicher geworden und sprechen mehr miteinander», so Sinitsyna. Ängste und Aggressionen hätten sie mittlerweile besser im Griff. «Wir haben mit den Kindern besprochen, wie sie diese Emotionen ausleben und in positive Energie umwandeln können.» Und auch die Psychotherapeutin spricht von einer inneren Ruhe, welche die Kinder gefunden hätten.
Kampfjets am Ostschweizer Himmel
Ihre Tochter, Anastasiia Sinitsyna, ebenfalls Psychotherapeutin, arbeitet derweil vor allem mit den Jugendlichen. Auch sie sind stark geprägt vom Krieg, haben aber teils andere Sorgen als die jüngeren Kinder. Teilweise müssten sie die Rolle des verstorbenen Vaters übernehmen, so Anastasiia Sinitsyna.
Ein paar Jugendliche habe zudem stark beschäftigt, dass sie zwischenzeitlich aus der Ukraine in Nachbarländer fliehen mussten. «Das hat sie mehr umgetrieben als die Lebensgefahr in der Ukraine». Und wie erlebt sie die Jugendlichen generell? «Traurig, aber keineswegs ohne Hoffnung.»
Ein grosses Thema war am Anfang des Camps zudem der Fluglärm, wie Claudia Kündig weiter beschreibt. Zu Beginn boten die in der Nähe der Jugendherberge landenden und startenden Rettungshelikopter gewisses Triggerpotential. «Am Anfang war das für die Kinder stressig und sie schauten immer in den Himmel, wenn sie Fluglärm hörten.»
Irgendwann hätten sie aber die Gewissheit bekommen, dass sie in der Schweiz sicher sind. So hätten denn auch die diversen Flugzeuge, die während des Jubiläums des Flughafens Altenrhein über dem Ostschweizer Himmel zu hören und zu sehen waren – darunter Kampfjets der Patrouille Suisse – keine Angst mehr verursacht.
Hoffnung in dunklen Zeiten
Bleibt die Frage, ob ein zweiwöchiger Aufenthalt wirklich so viel bewirken kann. «Auf jeden Fall», heisst es bei den Verantwortlichen unisono. Psychotherapeutin Anastasiia Sinitsyna erzählt beispielsweise, dass sie mit Teilnehmenden des «Red Cross Summer Camps» von vor einem Jahr immer noch in Kontakt stehe. «Die Mütter erzählen mir, dass die Jugendlichen vor allem in dunklen Zeiten aus dem Summer Camp in St. Gallen immer noch viel Hoffnung schöpfen.»
Am Donnerstagabend reisten die Mütter und Kinder aus St. Gallen ab. Am Samstag werden sie wieder in ihren Zuhause in der Ukraine sein. Einige bereits am Morgen, andere erst im Verlaufe des Abends. Gut möglich, dass es dann mit der Ruhe wieder vorbei ist.










