Überlastet: Mütter fühlen sich trotz Mann alleinerziehend
Die «Married Single Mums» machen auf Instagram & Tiktok die Runde. Sie sehen sich als alleinerziehend – nur eben mit Mann. Expertinnen ordnen das Phänomen ein.
00:00 / 00:00
Das Wichtigste in Kürze
- Der Kontrast zwischen den Versprechen moderner Partnerschaft und der Realität bleibt gross.
- Mit dem Hashtag #marriedsinglemom wollen Frauen das auf Instagram darstellen.
- Doch Expertin Racha Fajjari warnt: Der Begriff kann für Alleinerziehende ein Schlag ins Gesicht sein.
- Paartherapeutin Ursina Donatsch sieht etwa in polygamen Beziehungen eine Lösung des Problems.
Sie ist verheiratet und hat Kinder, fühlt sich aber dennoch wie getrennt; die «Married Single Mom». Gemeint sind Mütter, die zwar in einer Partnerschaft leben, sich im Familienalltag aber wie alleinerziehend fühlen.
Sie organisieren Arzttermine, denken an Geburtstage, kümmern sich um die Kinderbetreuung, den Haushalt und das Familienleben. Der Partner? Ist zwar da, übernimmt aus ihrer Sicht aber zu wenig Verantwortung.
Der Begriff #marriedsinglemom macht derzeit auf Tiktok und Instagram die Runde, doch wie verbreitet ist das Phänomen wirklich?
«Enttäuschung ist heute besonders gross»
Für die Psychologin und Paartherapeutin Ursina Donatsch ist klar: Viele Frauen erleben genau dieses Dilemma.
«Viele Frauen gehen mit der Erwartung in die Familiengründung, dass Verantwortung und Aufgaben partnerschaftlich geteilt werden», sagt sie. Zeige sich im Alltag dann, dass sie trotzdem deutlich mehr übernehmen müssten, entstehe oft «ein Gefühl von Überforderung, Ungerechtigkeit und Enttäuschung».

Besonders belastend sei dabei die sogenannte mentale Arbeit. Also all jene Aufgaben, die häufig unsichtbar bleiben.
«Wer denkt an Arzttermine, organisiert die Kinderbetreuung oder behält Schultermine und Geburtstage im Blick? Diese Arbeit wird oft erst dann zum Thema, wenn eine Person bereits stark erschöpft ist», so die Autorin des Buches « Wie geht Beziehung?».
Donatsch beobachtet, dass viele Paare zwar ähnliche Vorstellungen von einer modernen Partnerschaft hätten. An der Umsetzung scheitere es jedoch häufig.
«Eine faire Aufteilung bedeutet nicht nur, einzelne Aufgaben zu teilen, sondern auch die Verantwortung dafür», sagt sie.
Es gehe also nicht nur darum, wer die Kinder abholt oder den Einkauf erledigt. Sondern auch darum, wer überhaupt merkt, dass etwas organisiert werden muss.
«Faire Verteilung der Belastung fehlt»
Ähnliche Erfahrungen macht auch Racha Fajjari, Gründerin der Mütter-Community «Mamalicious».
Besonders häufig beobachte sie das Problem bei zwei Gruppen: bei Stay-at-home-Mums, die zu Hause hauptsächlich für die Kinder zuständig sind und denen ein unterstützendes Umfeld fehle. Sowie bei Frauen, die neben der Familie 50 Prozent oder mehr arbeiten.

«Viele Mütter arbeiten 50 Prozent oder mehr und stemmen zu Hause trotzdem den Grossteil der Familienarbeit, weil der Partner 100 Prozent arbeitet», sagt Fajjari.
In beiden Fällen fehle oft nicht der gute Wille. «Es fehlt schlicht Unterstützung und eine faire Verteilung der Belastung.»
Stehen sich Mütter manchmal selbst im Weg?
In der Debatte fällt immer wieder der Begriff «Maternal Gatekeeping». Darunter versteht man Mütter, die Aufgaben nicht abgeben wollen, weil sie genaue Vorstellungen davon haben, wie etwas erledigt werden soll.
Donatsch sieht darin durchaus einen Faktor. Manche Frauen würden lieber selbst übernehmen, statt Verantwortung abzugeben. Gleichzeitig warnt sie davor, die Schuld allein bei den Müttern zu suchen.
«Entscheidend ist die Frage, ob Männer tatsächlich bereit sind, Verantwortung eigenständig zu übernehmen.»
Auch Fajjari erkennt die Dynamik aus dem eigenen Familienalltag.
«Ich mache gewisse Dinge einfach lieber selbst, weil ich sie besser kann», sagt sie. Gleichzeitig habe jedes Paar Bereiche, in denen die jeweiligen Stärken genutzt werden könnten.
Ihr Rezept: «Klare Verantwortungsbereiche, eine faire Aufteilung und vor allem auch Verantwortung wirklich abzugeben.»
Lösung in polygamer Beziehung?
Beide Expertinnen sehen die Lösung vor allem in einer ehrlichen Kommunikation.
«Es hilft, Aufgaben offen zu besprechen und nicht nach Geschlecht, sondern nach Interessen, Fähigkeiten und zeitlichen Ressourcen zu verteilen», sagt Donatsch.
Auch Fajjari setzt auf klare Abmachungen. In ihrer eigenen Beziehung würden Arbeits-, Familien- und Haushaltsaufgaben regelmässig neu ausgehandelt.
«Sobald sich etwas nicht mehr stimmig anfühlt, verhandeln wir neu.»

Donatsch höre manchmal, dass die Idee aufkomme, die Lösung in polygamen Beziehungen zu suchen. «Wenn mehrere Erwachsene verbindlich in einen Alltag eingebunden sind, könnten Care-Arbeit, Kinderbetreuung oder organisatorische Aufgaben tatsächlich auf mehr Schultern verteilt werden.»
Polyamorie sei allerdings kein automatisches Gegenmodell. «Mehr Menschen können mehr Unterstützung bedeuten, aber auch mehr Beziehungen, Bedürfnisse und Absprachen, die koordiniert werden müssen.»
Entscheidend sei deshalb weniger die Beziehungsform als die Frage, wie Verantwortung tatsächlich verteilt ist – auch bezüglich Geschlechterrollen.
Schlag ins Gesicht für Alleinerziehende
Mit dem Social-Media-Begriff «Married Single Mom» kann sich Racha Fajjari allerdings nur teilweise anfreunden.
«Ich finde es fast schon eine Frechheit, sich alleinerziehend zu nennen, wenn man einen Partner hat, der beispielsweise sämtliche Rechnungen bezahlt», sagt sie.
Denn viele tatsächlich Alleinerziehende würden zusätzlich die gesamte finanzielle Verantwortung tragen.
Und nur weil ein Vater «erst» abends von der Arbeit nach Hause komme, heisst das noch lange nicht, dass er keinen relevanten Beitrag zur Erziehung leiste.
Für Fajjari sollte deshalb nicht die Anzahl der gemeinsam verbrachten Stunden entscheidend sein, sondern die tatsächliche Beteiligung am Familienleben.
«Auch die Forschung zeigt, dass die Qualität elterlicher Beteiligung für die Entwicklung von Kindern eine wesentliche Rolle spielt.»










