Überbehütung? Schweizer Eltern verschweigen Kindern Tod von Grosi
Ein Vater traut sich nicht, seinen Kindern zu sagen, dass die Grosseltern verstorben sind. Und verspricht gar, sie bald zu besuchen. Damit ist er nicht allein.

Das Wichtigste in Kürze
- Ein Schweizer Vater gibt zu: Er traut sich nicht, seinen Kindern zu erzählen, dass ihre Grosseltern gestorben sind.
- Wenn sie nach ihnen fragen, verspricht er ihnen sogar noch, sie bald gemeinsam zu besuchen.
- «Ungeheuerlich», findet ein anderer Vater. Und eine Trauer-Expertin sagt: Man sollte Kindern nicht zu wenig zutrauen.
- Der Vater ist mit seiner Sprachlosigkeit nicht alleine. Viele Schweizer Eltern zögern, ihre Kinder über Todesfälle in der Familie aufzuklären.
«Ich kann das Wort ‹tot› nicht einmal aussprechen. Nicht vor den Kindern», sagt ein Schweizer Vater zum Elternportal «Mal ehrlich». Die Grosseltern sind gestorben – davon wissen seine Kinder aber nichts.
«Gestern fragte das jüngste Kind, wann wir sie wieder einmal besuchen werden», erzählt der Vater. Er habe «bald» gesagt – mit einem schlechten Gefühl. «Mein Magen zog sich zusammen. Die Antwort war mir einfach rausgerutscht, ich hatte gar nicht darüber nachgedacht.»

Die Wahrheit wäre zu schmerzhaft. «Ich fürchte mich vor ihren Gesichtern, wenn sie die Wahrheit herausfinden», gibt er zu.
Klar: Für immer verheimlichen wolle er den Tod der Grosseltern nicht. Aber er hat Mühe, die richtigen Worte zu finden – und offensichtlich Angst, die Kinder zu belasten.
«Wirklich ungeheuerlich»
Das Geständnis sorgt für Wirbel. Auf Instagram schreibt der Thurgauer Medienpädagoge Thomas Merz, der selbst Vater ist, dazu: «Solche Aussagen finde ich wirklich ungeheuerlich.»
Er würde sagen: «Werd’ erwachsen! Kein Kind hat verdient, dass man es belügt.»
Eine Mutter meint, dass die Enttäuschung, vergeblich auf die Grosseltern zu warten, womöglich genauso schmerzhaft für die Kinder sei.
Und eine Zürcher Fotografin erzählt: «Ich wurde im Dunkeln gehalten als Kind, als mein Grossvater Krebs bekam.» Mit der Geheimhalterei habe sie mehr Mühe gehabt, als mit der Verarbeitung seiner Krankheit. «Ich fühlte mich nicht ernst genommen und exkludiert.»
Vater ist kein Einzelfall
«Für viele ist das Geständnis ein Schock», sagt Dr. Bruno Sternath, Psychotherapeut am Institut HumanPsychology in Rapperswil SG, zu Nau.ch. «Doch was der Vater schildert, ist kein Einzelfall.»
Es sei nur ein Beispiel für ein Phänomen, das ihm in der Praxis regelmässig begegne: «Erwachsene, die genau wissen, dass sie mit ihrem Kind sprechen sollten, aber nicht, wie.»
Ihm sind gar Fälle bekannt von Eltern, die ihren Kindern den Tod eines Grosselternteils monatelang verschwiegen haben.
«Typisch ist ein Muster, das ich als ‹Aufschieben mit gutem Gewissen› bezeichne. Eltern nehmen sich vor, es ‹bei nächster Gelegenheit› oder ‹wenn das Kind älter ist› zu erzählen.»
Doch: «Je länger das Schweigen andauert, desto grösser wird die Hürde, es zu brechen.»
Schweigen kann Folgen haben
Dieses Schweigen entstehe vielfach aus Überforderung, Liebe und der grossen Angst, dem Kind etwas anzutun, das es nicht verkraften kann.
«Diese Sorge nehme ich als Therapeut ernst. Gleichzeitig zeigt die psychologische Forschung: Kinder verkraften die Realität in der Regel besser, als das Vakuum, das entsteht, wenn die Realität fehlt.» Mit Fakten können sie also besser umgehen als mit Geheimnistuerei.

Sternath erklärt: «Kinder merken fast immer, wenn etwas nicht stimmt. Sie lesen Stimmungen, Blicke und spüren plötzliches Verstummen.»
Ein Kind spüre, dass Mama oder Papa traurig sei, bekomme aber gesagt, alles sei gut. «Das irritiert massiv», sagt der Experte.
«Fehlt ihnen die Erklärung der Erwachsenen, entwickeln Kinder eigene, magische Erklärungen. Diese sind ihrer Fantasie überlassen und oft viel belastender als die Realität.»
Sie denken dann etwa: «Mama oder Papa weint, weil ich etwas falsch gemacht habe.»
«Wir gehen heute weniger natürlich mit Trauer um»
Ein Grund für das Zögern vieler Eltern ist laut der Aargauer Trauerbegleiterin Katharina Keel, dass der Tod aus dem Alltag verschwunden ist.
«Früher lebten wir in Mehrgenerationenhäusern. Kinder bekamen es zwangsläufig mit, wenn die Grossmutter starb. Oft wurde sie gar noch zu Hause aufgebahrt», sagt sie zu Nau.ch.

«Inzwischen hat sich das Sterben vom eigenen Zuhause in die Spitäler und Altersheime verschoben.» Wir hören oft nur vom Tod – sehen tun wir ihn seltener.
Die Folge: «Obwohl Trauer eigentlich eine angeborene Fähigkeit ist, gehen wir heute weniger natürlich damit um. Das ist verständlich – das Unbekannte löst in uns Unbehagen aus.»
«Curling-Eltern» wollen jeden Schmerz aus dem Weg wischen
Psychotherapeut Sternath beobachtet aber noch eine weitere gesellschaftliche Entwicklung, die dazu beitragen könnte: «Ich nehme wahr, dass viele Eltern feinfühlig reagieren, was die psychische Verletzlichkeit von Kindern angeht.»
An sich sei das begrüssenswert. «Doch in Kombination mit Unsicherheit kann diese Feinfühligkeit manchmal in Vermeidung kippen. Wir sprechen dann oft von sogenannten ‹Curling-Eltern›, die jeden Schmerz aus dem Weg wischen wollen.»

Aus Angst, etwas falsch zu machen, werde lieber nichts gesagt. Dabei komme die grosse Mehrheit der Kinder erstaunlich gut zurecht, wenn sie ehrlich informiert und liebevoll begleitet werden, betont Sternath.
Das beweist auch eine berühmte US-Studie. Ihr zufolge zeigten vier von fünf Kindern auch zwei Jahre nach einem einschneidenden Verlust keine ernsthaften psychischen Auffälligkeiten. «Entscheidend war offene kindergerechte Kommunikation und der Einbezug von Ritualen.»
Trauerbegleiterin Keel sagt: «Im besten Fall besucht jedes Kind einmal eine Beerdigung, vielleicht von einer Urgrossmutter oder einem Grossonkel. Das zeigt ihm, dass der Tod zum Leben dazugehört.»
Kinder stellen unangenehme Fragen – «muss man aushalten»
Keel warnt davor, Kinder zu unterschätzen. «Das tun Erwachsene oft», sagt sie. Es geht beim Schweigen aber nicht nur um den vermeintlichen Schutz der Kinder, ist sie überzeugt. Sondern auch um Selbstschutz.
«Kinder kommunizieren auch in solchen Situationen oft auf der Sachebene und stellen viele Fragen. Man muss es aushalten können, wenn sie plötzlich ganz morbide Sachen wissen wollen.»

Während ihrer Arbeit als Trauerbegleiterin hat sie schon einige solche Beispiele erlebt. «Da war zum Beispiel ein Kind, das seinen Vater verloren hatte. Etwa zwei Wochen nach dem Todesfall sah es seine Mutter weinen und fragte, was sie habe.»
Die Mutter habe erklärt, dass sie traurig sei, weil Papi gestorben ist. Die Reaktion des Kinds: «Immer noch?»
Eine häufige Frage von Kindern sei auch, wie der 1.90-Meter grosse Grosspapi denn in diese Urne gepasst hätte.
Oder: «Einmal erklärte ich einem Kind, was eine Erdbestattung ist. Es meinte dazu: ‹Ah, das kenne ich, wir haben auch einen Kompost daheim.›»
Kinder trauern anders als Erwachsene
Psychotherapeut Bruno Sternath erklärt: Kinder trauern anders als Erwachsene.
«Wir Erwachsenen bleiben vielfach über längere Phasen konstant im Schmerz.» Anders die Kleinen.
«Ein Kind weint um die Grossmutter und fragt im nächsten Moment: ‹Darf ich jetzt Lego spielen gehen?› Viele Eltern sind dann schockiert.»

Dabei ist das völlig normal – Der Experte spricht von einem sogenannten «neurobiologischen Schutzmechanismus». «Das Kind dosiert die Trauer in verkraftbare Portionen.»
Trauer zeige sich bei Kindern oft im Verhalten, nicht in Worten, erklärt Sternath. «Im Schlaf, im Spiel, manchmal in Wut.» Wisse man das, sei es einfacher, zu helfen.
Hinzu kommt: Die Forschung zeigt, dass Kinder unter fünf Jahren die Endgültigkeit des Todes noch nicht wie Erwachsene verstehen.
So sagst du es deinem Kind
Aber wie erzählt man nun seinen Kindern am besten, dass jemand gestorben ist?
Sowohl die Trauerbegleiterin als auch der Psychotherapeut betonen, wie wichtig es ist, klare Worte zu finden. «Man sollte nicht sagen, das Grosi sei eingeschlafen – das kann ein Kind missverstehen. Besser ist es, direkt zu sein: Das Grosi ist gestorben», sagt Keel.
Sternath warnt: «Kinder nehmen Aussagen wie ‹Opa ist eingeschlafen› wortwörtlich und könnten plötzlich Ängste vor dem eigenen Einschlafen entwickeln.»
Ungefragte Details seien aber nicht nötig oder hilfreich.
«Je heftiger, je traumatischer, je plötzlicher ein Todesfall eintritt, desto schwerer ist es auch, darüber zu sprechen», sagt Keel. «Wichtig zu wissen ist: Es gibt Fachpersonen, die Unterstützung bieten können.»
Brauchst du Hilfe?
In fast allen Regionen der Schweiz bieten Trauerbegleiterinnen und -begleiter Unterstützung für den Trauerprozess an: familientrauerbegleitung.ch
Unter der kostenlosen Hotline 143 erhältst du anonym und rund um die Uhr Hilfe. Auch eine Kontaktaufnahme über einen Einzelchat oder anonyme Beratung via E-Mail ist möglich.
Für Kinder oder Jugendliche steht die Notrufnummer 147 zur Verfügung.
Hilfe für Suizidbetroffene: www.trauernetz.ch

















