Trotz Mietpreissenkung: Im Alto Tower sind noch immer Wohnungen leer
Seit Anfang März bezugsbereit: Doch trotz einer Mietpreissenkung bleiben im Alto Tower Wohnungen leer – eine wird bereits über Airbnb angeboten.

Über 80 Meter erstreckt sich der Alto Tower in den Himmel. Anfang März wurde der neu erbaute Wohnturm in Altstetten eröffnet. «Wohnen auf Augenhöhe mit der Stadt» lautet das Motto der Eigentümerschaft, der Hiag Immobilien Schweiz AG.
Doch die Vermietung der insgesamt 146 Mietwohnungen geht nur schleppend voran. Noch immer stehen 20 Objekte leer, obwohl die Mietzinse seit Beginn der Ausschreibung im vergangenen Juni zum Teil deutlich gesenkt wurden. Eine der Wohnungen wird nun sogar auf der Plattform Airbnb angeboten – für 4400 Franken pro Monat.
Eine gute Aussicht kostet
Davon wissen die Interessentinnen und Interessenten, die Ende März bei einer Besichtigung der Hiag auftauchen, nichts. Sie alle sind auf der Suche nach einer neuen Bleibe und bereit, dafür tief in die Tasche zu greifen. Je besser die Aussicht, desto höher der Preis.

Elf Personen sind an diesem Mittag zum Alto Tower gereist, um sich die noch freien Wohnungen anzuschauen. Ein junger Mann bekundet bereits bei der Anmeldung sein Interesse für eine der 3,5-Zimmer-Wohnungen. Er habe sich bereits online darauf beworben und möchte sich jetzt vor Ort ein Bild davon machen.
Zuerst aber sind die oberen Stockwerke dran. Die Truppe wird von den Maklerinnen und Maklern in den Lift geführt und schliesslich vor der Wohnungstür angewiesen, die Schuhe auszuziehen. Es sei schon gereinigt worden.
Einmal in der Wohnung wird alles genauestens inspiziert: Lassen sich die Fenster der beheizbaren Loggia öffnen? Wie schalldicht sind die Wände? Wo lässt sich was verstauen?
Der Preis scheint für die wenigsten ein Thema. Man hat sich bereits online einen Überblick verschafft. Zwischen 2200 und 5700 Franken monatlich kosten die 1,5- bis 4,5-Zimmer-Wohnungen im Neubau.

Was irritiert: Fast alle Wohnungen wurden im Juni 2025 kleiner und teurer angeboten. So kostete beispielsweise eine 4,5-Zimmer-Wohnung mit 109 Quadratmetern damals 4670 Franken – ein halbes Jahr später war dieselbe Wohnung plötzlich acht Quadratmeter grösser und über 500 Franken günstiger. Dabei befand sich der Wohnturm zu diesem Zeitpunkt bereits im Bau.
Kaum Nachfrage nach hochpreisigen Wohnungen
Das Hochhaus unweit des Letzigrund-Stadions ist nicht das einzige, das noch auf Mieterinnen und Mieter wartet. Auch im «Oerlikon One» im Zürcher Norden stehen zwei Jahre nach Vermietungsstart noch immer 18 von insgesamt 124 Wohnungen leer.
Weshalb bleiben die Wohnungen dann unvermietet? Sind Zürcherinnen und Zürcher keine Fans von Wohntürmen?
Nein, der Leerstand habe andere Gründe, sagt Daniel Stocker vom Beratungsunternehmen Jones Lang LaSalle (JLL). «Das Angebot an Mietwohnungen im hochpreisigen Segment ist in Zürich aktuell offensichtlich grösser als die Nachfrage», erklärt der Immobilienexperte.
Haushalte mit einem grösseren Budget hätten die Qual der Wahl, während das Angebot für durchschnittlich Verdienende immer knapper werde.
Auch die Mieten im Alto Tower würden in diese Kategorie fallen: «Eine 2,5-Zimmer-Wohnung, die sich typischerweise an einen Einpersonenhaushalt richtet, für über 3000 Franken ist für einen Grossteil der Zürcherinnen und Zürcher zu teuer.» Trotzdem glaubt Stocker nicht, dass die Hiag mit ihren Mietpreisen eine übermässige Rendite kassiert.
«Weil Immobilien nach wie vor attraktive Investitionsobjekte darstellen, werden dafür hohe Kaufpreise bezahlt.» Dadurch müssten in der Folge auch hohe Mieterträge erwirtschaftet werden, sagt Stocker. Er glaubt, dass die Wohnungen durch eine wesentliche Mietpreisreduktion schnell vermietet werden könnten. Allerdings würde dies die Immobilie abwerten.
Solche Leerstände sind für grosse Investorinnen und Investoren wie die Hiag offenbar kein Problem. Laut dem aktuellen Geschäftsbericht erzielte die Immobilienfirma 2025 einen Rekordgewinn von über 115 Millionen Franken. Auch dank der Steigerung des Liegenschaftenportfolios.
Mehr Quadratmeter für weniger Geld
Wer von den anwesenden Interessentinnen und Interessenten sich die 3660-Franken-Wohnung im 22. Stockwerk überhaupt leisten kann, wird bei der Besichtigung nicht geprüft. Man bewirbt sich online.

Auf Anfrage gibt sich das Unternehmen zuversichtlich, die noch freien 20 Wohnungen bald vermieten zu können. Dass es für dieses Angebot kaum noch Nachfrage geben könnte, davon will die Eigentümerin nichts wissen: «Bei unseren Produkten stellen wir aktuell keine solchen Tendenzen fest», schreibt die Kommunikationsverantwortliche.
Sie betont, dass die Mietzinse lediglich punktuell gesenkt worden seien – aufgrund des «Marktfeedbacks». Bei einer Überbauung in dieser Grössenordnung ist dies ihr zufolge nicht unüblich, unabhängig vom Standort der Liegenschaft.
Dass sich dabei auch die Quadratmeterzahl veränderte, liege daran, dass das sogenannte «Vier-Jahreszeiten-Zimmer», eine Art isolierte Loggia, zu Beginn nicht zur Wohnfläche gezählt wurde.
Lieber Airbnb als Leerstand?
Für die neuen Mieterinnen und Mieter macht dies keinen Unterschied mehr. Sie bekommen auf dem Papier mehr Wohnraum für weniger Geld. Ein Paar um die 30 verlässt auf dem Weg nach unten die Gruppe wieder. Wenn schon Hochhaus, dann mit Weitblick.
Mit diesen Vorteilen wirbt auch die Vermietungsfirma Homeenhancement, die eine der Wohnungen im Alto Tower auf Airbnb anbietet. Der Preis lässt sich sehen: 4400 Franken kostet die 2-Zimmer-Wohnung für einen Monat.

Ob die Eigentümerin diese Form der Vermarktung befürwortet, will sie auf Anfrage nicht angeben. Die Sprecherin schreibt lediglich, dass die Hiag selbst keine Wohnungen über Airbnb vermietet. Der Fokus liege auf der langfristigen Nutzung, weshalb temporäre Vermietungen nur in einem «eng definierten und kontrollierten Rahmen» erfolgen würden.
Die Maklerinnen und Makler werden wohl noch einige Male Wohnungssuchende durch den neu erstellten Alto Tower führen und Fragen zur Ausstattung beantworten müssen. Aber immerhin stimmt die Aussicht.
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Hinweis: Dieser Artikel ist zuerst bei Tsüri.ch erschienen. Autorin Isabel Brun ist Redaktionsleiterin beim Zürcher Stadtmagazin.








