Stricken statt Scrollen: Die Generation Z greift zur Nadel

Vivian Balsiger
Vivian Balsiger

Bern,

Gestern noch das Grosi-Hobby schlechthin, heute der letzte Schrei: Stricken ist alles andere als peinlich – und schon gar nicht bei der Generation Z.

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Das Pop-up «Lismete» im Mattenhof in Bern lässt seit Anfang Januar die Stricker-Herzen höher schlagen. - Nau.ch

Das Wichtigste in Kürze

  • Stricken ist angesagt – vor allem die jüngere Generation wagt sich wieder an die Nadeln.
  • Man trifft sich zur Zeit überall zum gemeinsamen Stricken – teilweise sogar online.
  • Trotzdem handelt es sich laut eines Experten nicht um einen nachhaltigen Trend.

Wer dachte, die Strick-Nadel ist out, hat weit gefehlt. Das Grosi-Hobby erlebt gerade sein Comeback.

In Zügen, Cafés, Kinos oder bei neuen Formaten wie Stricktreffs und Pop-ups: Es wird gestrickt, was das Zeug hält.

Aber nicht die ältere Generation lässt die Nadeln glühen – die Generation Z hat ihre Liebe zur Wolle entdeckt.

Die «Gelateria di Berna» hat ihren Standort im Berner Mattenhof zum dritten Mal während der Winterpause in ein Strickparadies verwandelt. Die «Lismete» lässt seit dem 3. Januar die Herzen von Strickerinnen und Strickern höher schlagen.

Wo sonst Glacé en masse zu finden ist, sind jetzt Wollknäuel hübsch drapiert. Man trifft sich hier im Januar und Februar nicht auf eine «Mare di Berna» oder ein «Fleur de Sel». Nein, man trifft sich zum gemeinsamen Stricken.

«Immer mehr junge Männer»

Das Altersspektrum ist breit – alle kommen zusammen. Trotzdem sind die 18- bis 30-Jährigen klar auf dem Vormarsch, sagt Pop-up-Betreiberin Karin Lerch. Und was ebenfalls überrascht: «Es kommen immer mehr junge Männer.»

Alle sind willkommen, auch blutige Anfänger. Diese werden oft von den erfahrenen Strickenden unter die Fittiche genommen und mit Tipps und Tricks versorgt.

Wissen aus Youtube-Videos

Aber auch die jüngere Generation, die ihr Strickwissen mehrheitlich aus YouTube-Videos beziehe, biete der älteren Generation Inspiration mit innovativen Designs: «Der generationsübergreifende Austausch passiert automatisch», erklärt Lerch.

Das Pop-up kommt so gut an, dass dieses Jahr sogar ein weiterer Raum in der Gelateria freigemacht wurde. «Damit die Strick-Community mehr Platz hat», erklärt Lerch.

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Laut Experten sollen die Strick-Influencer auf Social-Media den Boom beeinflussen. - Instagram/@kreativictoria

Es basiere alles auf Freiwilligkeit, sagt Lerch. Es gibt lediglich ein «Lismete»-Kässeli: «Man kann kommen, etwas trinken und einen Betrag im Kässeli hinterlassen – oder eben auch nicht. Je nachdem, was es einem wert ist.»

«Das Angebot wird geschätzt»

Diejenigen, die mehr haben, würden mehr geben. Andere, etwa Studierende, etwas weniger: «Obwohl es auf Freiwilligkeit basiert, kann das Angebot kostendeckend betrieben werden.» In den beiden letzten Jahren konnte das Pop-up mit den Einnahmen den Mietzins und die Kosten für Getränke decken.

Strick-Nadeln und Garn zum «Probieren» würden gratis zur Verfügung stehen. Wer sich mit dem Strick-Virus angesteckt hat, kann in der «Lismete» auch direkt seinen Vorrat aufstocken und Wolle kaufen: Im Sortiment gibt es reguläre Wolle sowie günstige Restposten.

Strickst du auch?

Stricken und vor allem gemeinsames Stricken scheint im Trend zu sein. Das bestätigt auch Simone Kuhn vom Berner Wollgeschäft «fraukuhn»: «Ich biete sogenannte ‹Knit alongs› an. Wir stricken in der Gruppe alle dasselbe Design und ich begleite dies mit Onlinetreffen, Videos und einem Chat

Auch Kuhn stellt eine grosse Nachfrage fest: «Ich beobachte, dass viele Menschen das Bedürfnis nach Handarbeit haben.»

Unter ihrer Kundschaft seien tatsächlich alle Altersgruppen vertreten: «Ich bediene von Kindern mit ihren Eltern, über Teenager bis zu sehr alten Menschen alle!»

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Nicht mal im Zug gibt's eine Strick-Pause. - Nau.ch

Obwohl sie ihre Wolle auch online vertreibt, verkauft sie derzeit im Laden mehr als über ihre Internetseite: «Ich brauche beides, um davon leben zu können. Ich sehe aber, dass viele Menschen sich gerne im Wollfachgeschäft aufhalten und die Beratung, die wir anbieten, schätzen.»

Komplett online unterwegs ist hingegen der Wollshop «Yarni». Dort gibt es sogar zehn Prozent Schulrabatt, um das Stricken für die jüngere Generation attraktiver zu machen.

Chiara Bono, Sprecherin von «Yarni», sagt gegenüber Nau.ch: Seit 2024 sei eine Zunahme in der Altersgruppe der 18 bis 44-Jährigen zu verzeichnen. «Oftmals gibt es kleine Wellen, wenn gerade auf Social Media ein Projekt viral geht. Speziell Instagram und TikTok lösen diese aus.»

40 Prozent mehr Bestellungen

Generell gehen die Strickzahlen derzeit durch die Decke, wie Bono erklärt: «Bei ‹Yarni› hatten wir 2025 40 Prozent mehr Bestellungen als 2024.»

Bono ist überzeugt, dass dies auch mit dem gestiegenen Nachhaltigkeitsbewusstsein der jüngeren Generation zusammenhängt: «Die Relevanz von Stricken und Häkeln als Bestandteil eines bewussteren Lebensstils ist definitiv nicht zu unterschätzen.»

Und die Strick-Community verändert sich stark: «Wir beobachten vor allem in den letzten zwei Jahren viel mehr lokal organisierte Strick- und Häkelevents: In Bars, Kaffees und Parks.» Das Zusammenkommen über das gemeinsame Hobby werde zunehmend wichtiger und dürfte in Zukunft noch weiter an Bedeutung gewinnen.

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Wer sich mit dem Strick-Virus angesteckt hat, kann in der «Lismete» auch gleich Wolle shoppen. - Nau.ch

Trotzdem: Laut Wojtek Przepiorka vom Institut für Soziologie an der Universität Bern sei das Stricken keine Gegenbewegung zur digitalen Dauerverfügbarkeit: «Das Mobiltelefon, Zugang zum Internet und soziale Medien sind nach wie vor wichtige Bestandteile des Alltags junger Menschen.» Mit dem Aufkommen von Chatbots habe sich diese Entwicklung vermutlich sogar noch verstärkt.

Doch kein Strick-Trend?

Von einem eigentlichen Strick-Trend würde er daher nicht sprechen: «In den sozialen Medien kann es sein, dass Menschen, die stricken, überproportional gerne etwas zu dieser Aktivität posten. Was den Eindruck eines Trends erweckt, in Wirklichkeit aber eine kleine Minderheit betrifft.»

Ist es gut, dass auch junge Menschen stricken lernen?

Aus Beobachtungen im Alltag oder in sozialen Medien lasse sich nicht direkt auf gesellschaftliche Trends schliessen: «Beobachtungen im Alltag sind wertvoll und wichtig, aber eben auch von der Einbettung in die eigene ‹Bubble› geprägt.»

Kommentare

User #5634 (nicht angemeldet)

Und zu was greift Generation B, C, D, E usw….

User #5947 (nicht angemeldet)

Was soll man sagen? Es ist produktiver als seinen Namen zu tanzen, von daher...

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