«Stimmt nicht, dass es früher viel weniger Gewaltverbrechen gab»
Manuela Reuss leitet die Opferhilfe Thurgau und begegnet täglich schweren Schicksalen. Sie erzählt, wie sie ihr Team führt und den Kopf freibekommt.

Das Wichtigste in Kürze
- Als Leiterin der Opferhilfe Thurgau trifft Manuela Reuss täglich auf Geschichten von Gewalt, Missbrauch und Verzweiflung.
- Immer mehr Menschen suchen Hilfe.
- Um den Kopf wieder freizubekommen, mäht die 45-Jährige manchmal abends den Rasen.
Geschäftsführerin Manuela Reuss hat in den letzten zweieinhalb Jahren bei der Opferhilfe ein perfekt funktionierendes Team von sieben Beraterinnen aufgebaut. «Interne Führungsaufgaben habe ich fast keine», sagt Manuela Reuss und lächelt. Die Frauen seien unglaublich gut in ihrem Job und mit Herzblut dabei.
Seit ihrem Stellenantritt wurde die Stiftung präsenter. «Öffentlichkeitsarbeit gehört ausdrücklich zu unserem Auftrag – führt aber gleichzeitig dazu, dass die Nachfrage weiter steigt». Rund 1200 Fälle bearbeiten die Beraterinnen jährlich.
Dieses Jahr wird ein Anstieg um 12 Prozent erwartet. In der Theorie liegen die Wartezeiten zwischen der Kontaktaufnahme und dem ersten Beratungsgespräch bei zwei Wochen. «Das ist in einer akuten Belastungssituation sehr lange», sagt Reuss.
Speziell bei sexuellen Übergriffen oder häuslicher Gewalt brauchen Betroffene häufig sofort Orientierung. «Frühe Hilfe verhindert auch Folgekosten und langfristige psychische Belastungen.» In der Praxis schieben die Mitarbeiterinnen Termine dazwischen, wo immer es geht.
«Das funktioniert kurzfristig, für die Zukunft ist das aber kein Zustand.» Doch einen Plan B gibt es derzeit nicht. Das Budget seitens Kanton ist begrenzt und die Anfragen steigen.
Nichts für schwache Nerven
Die Geschäftsführerin erzählt in einem nüchternen Ton von besonders prägenden Fällen. Dies zeugt nicht von fehlender Empathie, sondern von Professionalität. Vor allem für jüngere, unerfahrene Mitarbeitende sei der Job schwer händelbar.

«Man muss mitten im Leben stehen, um all das Gehörte auszuhalten.» Denn bei der Opferhilfe geht es nicht um die Beratung bei einem Ehekrach, Beschimpfungen oder wenn es zu einmaligen Handgreiflichkeiten kommt. «Bei uns sitzen Frauen, Männer und Kinder, die schwere Gewalt erlebt haben.»
Die Palette an Themen ist traurig breit. Von Vergewaltigungen, Körperverletzungen – auch nach Verkehrsunfällen – bis zu Menschenhandel. «Es stimmt nicht wenn man sagt, früher gab es doch sowas nicht im Thurgau. Sondern man spricht endlich darüber.»
Einige «Maschen» sind jedoch tatsächlich neu. «Die Loverboys zum Beispiel», sagt Reuss und schüttelt den Kopf. Typisch ist ein schrittweises Vorgehen: Zuerst geben sie sich sehr verliebt, aufmerksam und verständnisvoll, machen Geschenke oder versprechen eine gemeinsame Zukunft.
Danach versuchen sie, das Opfer von Familie und Freunden zu isolieren, Abhängigkeit zu schaffen und Grenzen zu verschieben. Später kommen Druck, Schuldgefühle, Drohungen, Schulden oder die Forderung hinzu, sexuelle Dienstleistungen zu erbringen. Und es seien keineswegs nur ausländische oder bereits auffällige Jugendliche.
Ein Dauerthema ist die häusliche Gewalt, bei der es zu Konflikten führt, welche tragisch enden können. Oder noch schlimmer: Sie enden eben nicht.
«Für uns ist es schwierig mitanzusehen, dass Opfer immer wieder einen Rückzieher machen. Natürlich können sie eine Anzeige machen und den Partner verlassen. Doch es folgt ein riesiger Rattenschwanz.»
Ein Szenario, welchem sie schon oft begegnete: «Das Opfer bringt den Mut auf, sich Hilfe zu suchen und die gewaltbelastete Beziehung zu verlassen. Doch dann beginnen oft die praktischen Probleme: Die gemeinsame Wohnung läuft auf beide Partner, eine Kündigung ist deshalb nur mit beiden Unterschriften möglich. Zieht die Frau mit den Kindern aus, bleibt sie weiterhin für ihren Anteil an der bisherigen Wohnung mitverantwortlich. Die Mutter sei oft nicht in der Lage, alleine ausreichend für die Kinder zu sorgen. Aus Angst vor finanzieller Not und deren möglichen Folgen kehren manche Frauen schliesslich zum Partner zurück.»
Auslegeordnung machen
Bei Kindern als Opfer von sexualisierter Gewalt innerhalb der Familie besteht ein starker Loyalitätskonflikt. Besonders dann, wenn der beschuldigte Täter ein Elternteil oder eine andere enge Bezugsperson ist.
«Das Kind kann gleichzeitig Angst, Abwehr, Schuldgefühle und dennoch Bindung oder Liebe gegenüber dieser Person empfinden. Hinzu kommt oft die Sorge, mit einer Aussage die Familie ‹kaputt zu machen› oder einen Elternteil zu verlieren.»
Ihre Aufgabe sei es eine Auslegeordnung zu machen, Möglichkeiten aufzuzeigen, Kontakte zu anderen Fachstellen zu vermitteln. Und vor allem, mit ihnen einen Notfallplan zu erarbeiten, wenn die Situation wieder eintrifft. «Handy bereithalten, Nachbarn einbeziehen, Fluchtmöglichkeiten benennen, Warnsignale erkennen.»
Bei der Opferhilfe arbeiten sie parteiisch. «Sprich, wir schenken den Menschen unser Vertrauen, ohne die Fakten zu prüfen.» Die Verursachenden werden nicht zu den Gesprächen herbeigezogen und befragt.
Für viele sei es bereits eine enorme Entlastung, wenn ihnen jemand zuhört und ihre Geschichte nicht sofort infrage stellt. «Die Beratung soll Menschen wieder ins eigene Handeln bringen. Oftmals reichen zwei Termine, um vieles zu ordnen oder die nächsten Schritte zu organisieren.»
«Hundespielzeug» als Hilfsmittel wirkt manchmal Wunder
Manchmal gebe es Anlaufschwierigkeiten. Manuela Reuss steht auf und stellt ein kleines Kistchen auf den Tisch. Darin liegen Gegenstände, die auf den ersten Blick fast wie Hundespielzeug wirken.
«Wenn zum Beispiel ein Teenager Mühe hat, über das Erlebte zu sprechen, hilft oft schon ein Knetball in der Hand», erklärt sie. Dann nimmt sie einen Ring heraus und streift ihn über den Finger. Eine Klientin sei auf einem Fussgängerstreifen von einem Auto angefahren worden und habe danach grosse Mühe gehabt, wieder einen zu betreten.

«Ich sagte ihr, sie solle den Ring berühren, bevor sie über die Strasse geht. Dieses kleine Ritual hilft ihr, sich bewusst zu machen: Ich bin hier, und ich habe die Situation unter Kontrolle.»
Strikte Schweigepflicht
Die Kontrolle zu behalten ist auch für das Team der Opferhilfe fordernd. Denn sie sind an eine Schweigepflicht gebunden, welche besonders stark ist. «Das kann bedeuten, von schweren Straftaten zu wissen und trotzdem nicht einfach Informationen weitergeben zu dürfen», so Reuss.
Ausnahmen bestehen nur bei akuter Kindeswohlgefährdung. Wie sie und ihr Team mit dieser Belastung umgehen? «Ein Austausch sei sehr wichtig und wir nehmen uns Zeit dafür.»
Nach Hause trage sie die Fälle selten. Und wenn doch, hat sie eine ganz persönliche Art, damit umzugehen: «Wir wohnen abseits auf einem Bauernhof, ohne direkte Nachbarn», so Manuela Reuss.
Sie könne auch um 21 Uhr noch den Rasen mähen um abzuschalten, und auch mal ihrem Frust rauszulassen. Dann hören tut sie hier keiner.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst in den «Frauenfelder Nachrichten» erschienen.








