«Stets gut geschminkt»: Jessica Moretti kassiert Shitstorm
Das Ehepaar Moretti wird für die Tragödie von Crans-Montana beschuldigt. Nach dem Geschmack von Userinnen macht Jessica Moretti einen zu munteren Eindruck.

Das Wichtigste in Kürze
- Bei einem Gerichtstermin fing ein TV-Sender Jessica Moretti für ein Interview ab.
- Userinnen kritisieren, dass die Angeklagte wie aus dem Ei gepellt auftritt.
- Der forensische Psychiater Thomas Knecht weiss, was in Beschuldigten vorgeht.
Das Besitzerpaar der Bar «Le Constellation» soll für den Tod von zurzeit 41 Personen verantwortlich sein. Seit Anfang Januar laufen die Ermittlungen. Über 100 wurden bei der Brandkatastrophe in der Bar in Crans-Montana VS verletzt.
Viele der Brandopfer, die überleben, werden ewig gezeichnet sein.
Jessica Moretti und Jacques Moretti sind unter bestimmten Auflagen auf freiem Fuss. So müssen sie sich zum Beispiel regelmässig bei der Polizei melden.
Nach dem Geschmack einiger Userinnen macht Jessica Moretti angesichts der Tragödie einen zu munteren Eindruck.
Wimperntusche und schickes Outfit
Am Freitag fing der italienische TV-Sender «TG1» die Barbesitzerin beim Eingang der Staatsanwaltschaft Wallis in Sion für ein Interview ab.
«Wir sind hier, weil wir entschlossen sind, dies zu tun», sagt Jessica Moretti zum TV-Sender. «Wir schulden es den Opfern, an die wir jeden Tag denken.» Sie erwarteten viel von dieser Untersuchung.
Die Angeklagte trägt Wimperntusche und eine schicke schwarze Daunenjacke. Am linken Arm baumelt die Tasche einer französischen Luxusmarke.
Auf Social Media kassiert sie dafür einen Shitstorm.
«Überhaupt nicht zerstört»
«Mich schaudert es, sie frisch wie den jungen Morgen zu sehen. Sie scheint mir überhaupt nicht zerstört», schreibt eine Userin auf Social Media. Eine weitere stimmt zu: «Stets gut geschminkt. Keinen Augenring, kein Zeichen der Erschöpfung.»
Für eine Kommentierende steht fest: «Ich wüsste nicht, wie ich noch schlafen könnte.»
Thomas Knecht ist forensischer Psychiater. Bis 2023 war er Leitender Arzt im Psychiatrischen Zentrum AR Herisau. Er weiss, was in Menschen vorgeht, die im Zusammenhang mit einem schrecklichen Ereignis beschuldigt werden.
Jeder Mensch, der intelligenz- und gefühlsmässig normal ausgestattet sei, habe ein gewisses Mass an Empathie, sagt Knecht zu Nau.ch.
«In ihrem Leben hat ein massivster Einschnitt stattgefunden und nichts mehr wird wie vorher sein.» Dessen seien sich solche Angeklagten bewusst. Scham, Reue und die Folgen für das eigene Leben plagten sie. Gleichzeitig befassten sie sich mit der Rolle und ihrem Image in der Gesellschaft.
«Mehrheit schläft schlecht»
Dies wirkt sich auch auf ihren Alltag aus. «Die Mehrheit schläft und isst schlecht und hat auch sonst keine vitalen Bedürfnisse mehr», sagt Thomas Knecht. «Sie sind gelähmt.»
Ein kleiner Teil der Betroffenen reagiere gegenteilig. «Sie starten mit Frustessen oder betäuben sich mit Alkohol, Tabletten oder Drogen.»
Es gibt laut Knecht aber auch Angeklagte auf freiem Fuss, die einen gewissen Tatendrang an den Tag legen. Es äussere sich dabei aber nie in hochwertigen Tätigkeiten, sondern in leerer Geschäftigkeit. «Sie tun etwas, das ihnen möglichst leichtfällt.» Jemand, der gerne Ordnung habe, räume zum Beispiel den Keller um, ohne dass eine Notwendigkeit bestehe.
«Routinen geben gewissen Halt»
Der forensische Psychiater kann die Kritik an Jessica Morettis munterem Auftritt nachvollziehen. «Unbeteiligte gehen davon aus, am Boden zerstört zu sein, steckten sie in Morettis Schuhen», sagt Knecht. «Lidschatten und Wimperntusche wären ihnen dann egal, sind sie überzeugt.»
Dies ist laut dem Psychiater aber zu kurz gedacht. Knecht erinnert daran, dass Jessica Moretti als Model arbeitete. Ein makellos gepflegtes Äusseres gehöre dort dazu. «Gerade solche Routinen geben Angeklagte nicht auf, weil sie ihnen einen gewissen Halt geben.»

Auch müssen Schock und Erschöpfung Angeklagten nicht ins Gesicht geschrieben sein – trotz Reue und Trauer. Eine Rolle spielt dabei laut Knecht, ob die Person in eine Depression reingerutscht ist oder nicht. «Im Falle einer starken Depression, die seit Monaten besteht, kann sich der Zustand auch äusserlich zeigen.» Dies zum Beispiel durch veränderte Faltenzeichnungen oder eine ungesunde Gesichtsfarbe.
In den meisten Fällen rutscht laut Knecht nur eine Minderheit in eine solche Depression. «Sie können ihre Situation so weit verkraften, dass sie nicht in einen pathologisch depressiven Zustand verfallen.» Dies sei vor allem der Fall, wenn sie soziale Unterstützung hätten.
Büsserhaltung und Bewunderung
Angeklagte, die wegen eines schrecklichen Ereignisses im Fokus der Öffentlichkeit stehen, bekommen Coachings. «Jeweils sind Anwälte und Berater zur Stelle, die ihnen vorteilhafte Verhaltensweisen empfehlen», sagt Thomas Knecht.
Am Schluss seien die Meinungen der Öffentlichkeit aber heterogen. «Es gibt Leute, die eine Büsserhaltung erwarten und Kälte vorwerfen, wenn Angeklagte nicht wie ein Häufchen Elend aussehen.» Andere Menschen bewunderten Angeklagte für die bewahrte Contenance trotz der Einschnitte.
Laut dem forensischen Psychiater ist es für den juristischen Prozess günstiger, wenn Beschuldigte mental fit und emotional stabil sind. «Für einen gerechten Strafprozess braucht es eine grosse Belastbarkeit.» In einer zerknirschten reumütigen Haltung zu verharren, diene am Ende niemandem.













