Spitex sucht mit KI-Foto Pfleger für krankes Meitli

Rowena Goebel
Rowena Goebel

Chur,

Ein Spitex-Verein sorgt für Kopfschütteln: Er wirbt mit einem KI-generierten Foto von einem kranken Kind nach Mitarbeitenden in Graubünden.

Künstliche Intelligenz
Mit diesem KI-generierten Foto eines kranken Meitlis sucht eine Spitex Pflegefachpersonen – für ein echtes Kind, wie sie betont. - Screenshot Linkedin

Das Wichtigste in Kürze

  • Eine Spitex sucht eine Pflegefachperson für ein krankes Kind im Kanton Graubünden.
  • Die Kampage sorgt jedoch für Stirnrunzeln. Denn: Die Spitex verwendet KI-Fotos.
  • Es werden Vorwürfe laut, das Kind sei erfunden. Die Spitex widerspricht vehement.

Früher suchte man mit einem Zeitungsinserat nach Mitarbeitenden. Heute tun das Firmen immer öfter über Social Media. Besonders beliebt ist dafür die Job-Plattform LinkedIn.

Auch ein Kinderspitex-Verein sucht dort Mitarbeitende – etwa eine Pflegefachperson für ein krankes Kind in Versam im Graubünden.

Die sechsjährige Hanna sitzt im Rollstuhl und wartet auf Betreuung, schreibt Nuhhaci Yildiz vom Schweizerischen Kinderspitex-Verein auf Linkedin. «Wir suchen weiterhin dringend eine diplomierte Pflegefachperson.»

Soweit, so normal. Doch etwas an dem Post macht stutzig.

Denn: Der Spitex-Verein bebildert das Ganze mit einem offensichtlich KI-generierten Bild von einem Mädchen, das traurig aus dem Fenster blickt. Er deklariert das aber nicht so – lässt User also im Glauben, das sei ein echtes Foto der kleinen Hanna.

Es gibt kein Stelleninserat – Pflegerin wittert Lüge

Das sorgt für Stirnrunzeln.

Eine Pflegefachfrau fragt in den Kommentaren nach einem konkreten Stelleninserat. Als Antwort kommt, es handle sich in diesem Fall um eine «sehr individuelle Betreuungssituation». Darum suche man gezielt über «direkte Kontakte» nach einer Pflegefachperson.

Es gibt also kein offizielles Stelleninserat.

Die Pflegerin zweifelt. «Ich gehe langsam aber sicher davon aus, dass Hanna (...) eine Marketing-Persona ist», schreibt sie.

Ihre Befürchtung: Das kranke Kind existiert gar nicht und wurde von dem Spitex-Verein erfunden, um Werbung für sich selbst zu machen.

KI-Experte bestätigt: Foto ist fake

Klar ist: Das Foto des kranken Mädchens, das traurig aus dem Fenster schaut, ist tatsächlich nicht echt. «Das Bild ist für mich eindeutig KI», sagt KI-Experte Mike Schwede zu Nau.ch.

Das sei bereits am allgemeinen «Flair» des Fotos erkennbar. Aber auch die Proportionen seien unnatürlich – etwa der Handrücken. Zudem ergebe die «Pulloverstruktur, insbesondere der weisse, eckige Knopf, keinen Sinn», sagt Schwede.

Hat die Spitex also tatsächlich ein krankes Kind erfunden, um im Netz Aufmerksamkeit zu erhalten?

Spitex-Verein wehrt sich – «Geschichte ist real»

Diesen Vorwurf weist Nuhhaci Yildiz vom Schweizerischen Spitex-Verein gegenüber Nau.ch vehement von sich.

«Die Geschichte von Hanna ist real. Es handelt sich um eine konkrete Betreuungssituation, für die aktuell dringend eine qualifizierte Fachperson gesucht wird», sagt er.

Zum Schutz der Privatsphäre des Kindes habe er zu Beginn der Kampagne bewusst Darstellungen verwendet, die Hanna nicht zeigen. «Die Kommunikation erfolgt stets in enger Abstimmung mit der Familie.»

Findest du es okay, KI-Fotos ohne Kennzeichnung zu veröffentlichen?

Mit dem ausdrücklichen Verständnis der Eltern habe er später, als sich noch niemand gefunden hat, auch ein echtes Bild veröffentlicht. Das sollte die Situation «transparenter machen» und die Reichweite erhöhen.

«Mein Ziel war und ist es nicht, Aufmerksamkeit um ihrer selbst willen zu erzeugen. Sondern möglichst schnell die passende fachliche Unterstützung für ein betroffenes Kind zu finden.»

Den Beitrag mit KI-Foto will er online lassen – er sei Teil einer ernsthaften Suche.

«Täuschung der Leserschaft»

Die Frage bleibt: Ist es ethisch vertretbar, KI-Fotos zu veröffentlichen, ohne sie als solche zu kennzeichnen? Gerade, wenn es um ein derart emotionales Thema wie ein krankes Kind geht?

Für Ethiker Christof Arn ist der Fall klar.

Im LinkedIn-Post werde zu einem Text über einen Menschen ein Bild gezeigt, das für diesen Menschen steht. «Daher denkt man unwillkürlich, es gehe um genau diesen hier abgebildeten Menschen», sagt Arn zu Nau.ch.

Wie KI zum immer grösseren Problem werden kann

Der Spitex-Fall ist nur eine Randnotiz, wenn es um irreführende KI-Inhalte auf Social Media geht.

Kritiker sagen, Google und Facebook-Besitzerin Meta würden zu wenig gegen Desinformation unternehmen. Der Grund liegt auf der Hand: Sie haben finanzielle Anreize dazu. Laut der Nachrichtenagentur Reuters stammten zehn Prozent der 196 Milliarden Dollar (155 Milliarden Franken), die Meta 2025 mit Werbung verdiente, von betrügerischen Inhalten. Meta behauptete später bei SRF, die Zahl sei zu hoch geschätzt.

Angela Müller von Algorithm Watch fasste es bei SRF so zusammen: «Social-Media-Anbieter haben nicht das Ziel, uns möglichst verlässlich zu informieren, sondern uns möglichst viel Werbung anzuzeigen.»

Und das Interesse, KI für Täuschung auf Social Media zu benutzen, ist nicht nur ein finanzielles – sondern auch ein politisches. Ein KI-Forschungsteam um Wissenschaftlerin und Meinungsfreiheits-Aktivistin Maria Ressa warnte kürzlich vor KI-Schwärmen im Netz, die unsere politische Meinung in grossem Ausmass beeinflussen könnten. Die Technologie drohe bereits die US-Präsidentschaftswahl 2028 zu stören. Die Forscher warnen: Ein angehender Autokrat könnte KI-Schwärme nutzen, um die Bevölkerung davon zu überzeugen, abgesagte Wahlen zu akzeptieren oder Ergebnisse zu kippen.

Kurz: Was wir in den sozialen Medien lesen oder sehen, gilt es heute besonders kritisch zu hinterfragen.

«Gehen wir davon aus, dass das von der Autorschaft beabsichtigt ist, dann handelt es sich um eine Täuschung der Leserschaft.»

Ein No-Go, stellt der Ethiker klar. Täuschung sollte nicht toleriert werden.

Der Fall der Spitex ist jedoch nur ein Beispiel für eine weitaus grössere Entwicklung, wie Arn zu bedenken gibt. «In den Sozialen Medien wird KI systematisch für massive Täuschung eingesetzt.»

Auch hier müsse man hinschauen und den Mut haben, dem entgegenzutreten. Auch, «weil dort wohl Mächtigere dahinterstecken als ein Spitex-Verein».

Jetzt deklariert Spitex KI-Fotos

Der Ethiker findet es nicht nötig, den Beitrag zu löschen. Aber die Spitex könnte sich dafür entschuldigen, ein täuschendes Bild benutzt zu haben.

«Wir dürfen Fehler machen und sobald wir es merken, die Betroffenen um Entschuldigung bitten.»

Der Spitex-Verein reagiert tatsächlich – im nächsten Post über Hanna verwendet er wieder ein KI-Bild, deklariert es diesmal aber.

Künstliche Intelligenz
Inzwischen deklariert die Spitex die Bilder als KI-generiert. - Screenshot Linkedin

Zu Nau.ch sagt Yildiz vom Spitex-Verein, KI werde nur unter «Berücksichtigung ethischer Aspekte» genutzt.

Der Grund, warum der Verein immer noch KI-Bilder benutzt, obwohl er auch ein echtes Bild des Meitli verwenden darf?

Laut Yildiz stünden die Eltern «sehr sensibel zum Thema Bildverwendung». Darum verwende der Verein echte Fotos «bewusst zurückhaltend».

Wer sich für die Stelle interessiert, könne sich bei Martin Höss, Pflegedienstleiter beim Schweizerischen Kinderspitex-Verein, melden.

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Kommentare

User #6190 (nicht angemeldet)

Ich behaupte es ist ein Marketing-Inserat. Nicht wegen des slop, sondern weil keine Stellenbeschreibung abgegeben wird. Wäre man ernsthaft auf der Suche nach einer Betreuung, würde man transparent über die Anforderungen berichten. Da stehen aber nichtmal grundlegende Informationen zur Stelle -> daher garantiert ein Falschinserat.

User #5495 (nicht angemeldet)

Hat die Pflegerin auch Probleme, wenn es ein Foto als „serviercorschlag“ auf der Packung hat? Was ist ihr Problem, abgesehen von bösartigen Verdächtigungen!?

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