Social-Media-Fake-News führen zu Aufständen: auch bei uns möglich
In Rumänien & Südkorea führten Fake News auf Social Media zu «Aufständen» in der realen Welt. Braucht es nun eine stärkere Regulierung der Plattformen?

Das Wichtigste in Kürze
- Fake News führten in Südkorea und Rumänien zu Protesten und Aufständen.
- Nun warnen Experten davor, dass so etwas auch in der Schweiz passieren könnte.
- Es brauche mehr Regulierung, sonst leide die Demokratie.
Schock in Rumänien!
Dort attackieren Menschen im Dorf Recea-Cistur einen Rettungswagen und seine Sanitäter, während sie gerade einen Patienten abholen.
Der Grund sind Fake News auf Social Media! Diese hatten suggeriert, mit Ambulanzfahrzeugen würden kleine Kinder geraubt.

Die Angreifer glaubten die Informationen – und griffen an, als sich der Rettungswagen näherte. Laut rumänischen Medien glaubten sie, vom Ambulanzfahrzeug gehe eine Gefahr aus.
Südkorea: Sorge um «Wahlmanipulation» wegen Fake News im Netz
Ähnliches geschieht aktuell auch in Südkorea. Dort wurde online verbreitet, es spiele sich eine Wahlmanipulation und Verschwörung der Regierung ab.
Grund genug für Protestierende, seit dem 5. Juni diesen Jahres alle Eingänge zum Handballstadion im Olympiapark von Seoul zu blockieren. Dort lagern seit Anfang Juni angeblich manipulierte Wahlunterlagen.

Auch der Ansturm von Migranten auf Ceuta war offenbar zumindest teilweise auf im Netz kursierende Fake-News zurückzuführen.
Denn: Kurz vorher verbreiteten sich auf Social Media zahlreiche Gruppen und Videos zum Urteil des spanischen Obersten Gerichtshofs von Ende Juni.

Dieses hatte festgehalten, dass Asylsuchende, die auf dem Seeweg nach Ceuta oder Melilla gelangen, nicht automatisch zurückgewiesen werden dürfen. Stattdessen steht ihnen eine individuelle Prüfung ihres Asylgesuchs zu.
In den sozialen Medien wurde die Entscheidung jedoch stark vereinfacht dargestellt – nach dem Motto: «Schwimmt nach Ceuta, Der Weg in die EU ist frei.»
«Vorfälle wie in Rumänien oder Südkorea sind auch bei uns möglich»
Beispiele dafür, wie in den Sozialen Netzwerken verbreitete Fake News in der realen Welt Schaden anrichten. Kann so etwas auch in der Schweiz passieren?
Ja, mahnt Verschwörungs-Experte und Nau.ch-Kolumnist Marko Kovic.

Denn: «Wenn Menschen Dinge online sehen und hören, beginnen sie irgendwann, daran zu glauben. Darum sind Vorfälle wie in Rumänien oder Südkorea sehr gut auch bei uns möglich.»
Dem pflichtet Mykola Makhortykh bei. Er ist auf Künstliche Intelligenz, Politik und Desinformation spezialisierter Postdoktorand bei der Universität Bern.
Er meint: «Es lässt sich nicht ausschliessen, dass Fake News dazu genutzt werden können, die Öffentlichkeit in die Irre zu führen. Beispielsweise im Zusammenhang mit bestimmten Volksabstimmungen oder Wahlen.»
«Unsere Informationswelt verändert sich gerade fundamental»
«Gelogen und manipuliert wurde im politischen Diskurs schon immer», erklärt derweil Angela Müller, Geschäftsleiterin der Social-Media-Überwachungs-Organisation «Algorithmwatch CH».
Aber: «Was wir aber heute beobachten, ist, was auch schon als ‹Krise des synthetischen Wissens› bezeichnet wurde.»
Müller erklärt: «Unsere Informationswelt verändert sich gerade fundamental.» Dank generativer KI werde das Internet mit Inhalten geflutet. Diese würden zwar «wie Wissen aussehen, aber keine journalistischen oder faktischen Fundamente mehr haben».

Dabei würde die Zahl solcher Inhalte aktuell zunehmen und die Qualität werde verwässerter, so Müller.
Das Problem: «Algorithmen auf Social Media sind auf die Maximierung der Nutzungsdauer programmiert. Sie verbreiten deshalb bevorzugt polarisierende, aufstachelnde und toxische Inhalte, da diese die meiste Interaktion auslösen.»
Fake News lassen sich dank KI eher glaubhaft erstellen
Es gebe aber auch noch andere Faktoren, meint Mykola Makhortykh. Es sei dank KI schlichtweg einfacher, gefälschte, aber authentische Inhalte zu produzieren.
«Gleichzeitig verlassen sich immer mehr Menschen auf Social-Media-Plattformen und zunehmend auch auf Chatbots, um Informationen zu finden.»
Traditionelle Nachrichtenquellen wie journalistische Websites würden öfter gemieden, das erleichtere es, mit Fake News in Berührung zu kommen.
Zusammenfassend meint Makhortykh: «Wir haben also sowohl ein grösseres Angebot an Fake News als auch mehr Möglichkeiten, dass diese uns aufgrund veränderter Mediennutzungsgewohnheiten erreichen.»
Konzerne müssen Verantwortung wahrnehmen, um Demokratie zu schützen
Deshalb plädieren sowohl Angela Müller als auch Mykola Makhortykh für eine stärkere Regulierung.
Müller erklärt dazu: «Wir müssen die Tech-Anbieter für ihre KI-Systeme und Algorithmen zur Rechenschaft ziehen. Es braucht verbindliche Sorgfaltspflichten und Risikobewertungen, bevor solche Systeme auf den Markt kommen.»
Denn es brauche Transparenz darüber, wie diese Algorithmen funktionieren würden. Zudem müssten Nutzende die Möglichkeit erhalten, ihre Timelines aktiv zu «entgiften», statt der Willkür privater Konzerne ausgeliefert zu sein.
Müller mahnt die Konzerne, ihre Profite nicht auf Kosten der Demokratie zu steigern und Verantwortung zu übernehmen. «Es wird immer Akteure geben, die Fake News bewusst auszunutzen versuchen, um die Debatte zu vergiften und Menschen zu manipulieren.»
«Demokratische Offenheit bedeutet, dass wir auch dumme Meinungen zulassen müssen»
Etwas anders sieht es Extremismus-Experte Marko Kovic. Er meint: «Gegen Fehlinformation und sonstigen Bullshit gibt es keine einfache Regulierung.»
Kontrolliere und zensiere man Inhalte beispielsweise nach dem chinesischen Modell strikt und staatlich, sei das zwar wirksam. Aber: «Es ist auch ein drastischer Eingriff in die Meinungsfreiheit.»
Das sei «das Dilemma der Demokratie», so Kovic: «Die demokratische Offenheit für alle Meinungen bedeutet, dass wir auch dumme Meinungen zulassen müssen. Wenn wir es nicht tun, sägen wir an demokratischer Meinungsfreiheit.»

















