Letzten Zug verpasst: Touri Adib übernachtet in Berner Bahnhofslift

    Riccardo Schmidlin
    Riccardo Schmidlin

    Bern,

    Gäbe es keine Fotos, würde ihm wohl kaum jemand glauben: Ein 21-Jähriger schläft nach einem langen Wandertag kurzerhand im Lift. Erlaubt ist das nicht.

    Adib
    Adib (21) hat eine ungemütliche Nacht in Bern hinter sich. Sein Schlafplatz: der Bahnhofslift bei den Gleisen. - zvg

    Das Wichtigste in Kürze

    • Adib und sein Kumpel verpassen die letzte Verbindung nach Lausanne. Ein Hotel können sie sich nicht leisten.
    • Die Lösung: zuerst das Bänkli, dann der Lift im Bahnhof Bern. Kompatibel mit der SBB-Hausordnung ist das nicht.
    • Adib erzählt bei Nau.ch von seiner Odyssee. Und spricht im Nachhinein von einer «grossartigen Erfahrung».

    «Das ist wohl der merkwürdigste Schlafplatz», sagt der 21-jährige Tourist Adib. Statt in einem bequemen Hotelbett verbringt er eine Nacht im Bahnhof Bern. In einem Lift!

    Und das alles nur, weil er den letzten Zug verpasst.

    Seine «Odyssee» beginnt mit einer Wanderung. Von Lausanne aus, wo Adib und sein Kumpel ihre Unterkunft haben, fahren sie in die Ostschweiz. Ihr Ziel ist der malerische Seealpsee in Appenzell Innerrhoden.

    Die beiden entscheiden sich für eine anspruchsvolle Route. «Wir dachten, wie schwer kann sie wirklich sein? Nun, das haben wir schnell herausgefunden …»

    Wanderung zieht sich in die Länge

    Tatsächlich wird die Wanderung zur Herausforderung. Adibs Kumpel kommt am Berg nicht mehr weiter. Adib muss zurückklettern und ihm helfen.

    Als sie schliesslich wieder unten ankommen, ist es bereits spät. Auf das Bad im Seealpsee wollen sie trotzdem nicht verzichten. «Schliesslich kamen wir extra dafür.»

    Wanderung
    Diese anspruchsvolle Wanderung dauert länger als gedacht. - zvg

    Danach machen sie sich auf den Weg zurück nach Wasserauen. Doch inzwischen sind die letzten Züge abgefahren.

    Ein «netter Typ» nimmt die beiden immerhin noch mit nach St. Gallen. Von dort kommen sie mit dem Zug aber nur noch bis Bern.

    Adib übernachtet im Lift – erlaubt ist das nicht

    Ein Hotel liegt nicht mehr im Reisebudget. Also bleibt nur der Bahnhof.

    Zunächst suchen sich die beiden eine Bank. Doch dort wird es schnell kalt.

    Dann entdecken sie die Lifte bei den Gleisen – und beschliessen kurzerhand, es sich darin gemütlich zu machen. «Im Inneren des Lifts schliefen wir etwa eineinhalb Stunden.»

    Lange hält die Ruhe allerdings nicht an. Immer mehr Leute nutzen den Lift. Adib und sein Kumpel geben ihren ungewöhnlichen Schlafplatz auf und setzen sich wieder auf eine Bank im Bahnhof. Dieses Mal drinnen.

    Lift
    Gemütlich ist es im Bahnhofslift überhaupt nicht. - zvg

    Lange schlafen liegt auch hier nicht drin. Ein Polizist weckt die beiden – die Bänke seien nicht dafür gedacht, sich hinzulegen.

    Tatsächlich verbietet die Bahnhofsordnung der SBB das Schlafen sowie häusliche Einrichten zu jeder Tageszeit. Bei Verstössen werden die Personen weggewiesen. Wie oft das vorkommt, erhebt die SBB nicht.

    Doch was tun, wenn man den letzten Zug verpasst? Die ÖV-Branchenorganisation Alliance Swisspass empfiehlt, sich beim Zug- oder Aufsichtspersonal zu melden. Zeichnet sich schon früh ab, dass die letzte Verbindung nicht mehr erreicht wird, hilft das Schalterpersonal weiter.

    Bei Verspätung gibt’s Nacht im Hotel

    Wichtig: Wer den Anschluss wegen eines Ausfalls oder einer Verspätung verpasst, hat Anspruch auf eine angemessene Unterkunft.

    In der Regel übernehmen die Transportunternehmen eine Übernachtung in der günstigsten verfügbaren Zimmerkategorie eines Drei-Sterne- oder Drei-Sterne-Superior-Hotels – inklusive Zmorge. Auch die Fahrt vom Bahnhof zum Hotel und zurück müssen Reisende nicht selbst bezahlen.

    Hast du schon einmal wegen einer Verspätung oder eines Ausfalls den letzten Zug verpasst?

    Auf ein Taxi direkt nach Hause besteht dagegen grundsätzlich kein Anspruch. Die Kosten werden in der Regel nur übernommen, wenn die Taxifahrt die sinnvollere und günstigere Lösung ist als eine Hotelübernachtung.

    Adib und sein Kumpel haben also weder Anspruch auf eine Hotelübernachtung noch auf eine Taxifahrt nach Lausanne.

    Sie haben den Zug schliesslich wegen ihrer ausufernden Wanderung und des anschliessenden Schwumms im See verpasst. Warten auf den nächsten Zug am Bahnhof dürfen sie aber – nur, ohne sich hinzulegen.

    Lift-Lösung nicht empfohlen

    «Schliesslich gaben wir auf», erzählt Adib. Bis zum ersten Zug nach Lausanne um 5.04 Uhr harren die beiden noch im Bahnhof aus. Als sie endlich in der Unterkunft ankommen, sind beide komplett kaputt.

    Adib
    Endlich zu Hause angekommen ist Adib nur noch müde. - zvg

    Heute können sie darüber lachen. «Es war eine grossartige Erfahrung», schwärmt Adib. Trotzdem würde er niemandem empfehlen, es ihnen gleichzutun und sich einen Lift als Schlafplatz zu suchen. «Er hat seine Ups und Downs», schmunzelt er.

    Adibs Tipp fällt entsprechend einfach aus: «Ich würde raten, den letzten Zug zu erwischen.»

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    Kommentare

    User #4192 (nicht angemeldet)

    Wahnsinns wichtige Meldung. Ojee

    User #1147 (nicht angemeldet)

    Früher nannte man sie Rucksacktouristen.

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