So überlebte Michael 20-Meter-Sturz in eine Gletscherspalte

Laurin Zaugg
Laurin Zaugg

Oberwallis,

Michael überlebte einen Sturz in eine 20 Meter tiefe Gletscherspalte in Saas Fee VS. Hätte er nicht selbst alarmieren können, wäre er wohl nicht mehr am Leben.

Gletscherspalte
Die Unfallstelle von oben und unten gesehen. Michaels Kollege seilte sich einen Tag später für dieses Bild ab. - zVg

Das Wichtigste in Kürze

  • Michael stürzte auf einer Skitour am Allalinhorn in Saas Fee VS in eine Gletscherspalte.
  • Zu seinem Glück konnte der Berner selbst alarmieren und nach 45 Minuten gerettet werden.
  • Er trug mehrere Brüche, eine gequetschte Rippe und ein angerissenes Innenband davon.

Alleine in der Gletscherspalte – eine Horrorvorstellung, die für den Berner Michael* zur bitterkalten Realität wurde.

Neulich in Saas Fee. Michaels Skiferien haben gerade begonnen. Es ist ein schöner Tag, aber «richtig kalt», erinnert er sich.

Auf dem Mittelallalin, dem höchsten Punkt des Skigebiets auf rund 3500 Metern, herrscht eine Durchschnittstemperatur von knapp minus zehn Grad.

Deshalb denkt sich Michael: «Ich laufe schnell den Berg hoch, damit ich wieder etwas wärmer bekomme.» Er hat seine Skitourenausrüstung dabei, weshalb der Aufstieg auf das Allalinhorn keine grosse Herausforderung darstellt. Es sei einer der einfachsten 4000er.

Perfekte Bedingungen

Die Bedingungen sind an diesem Tag perfekt, die Aussicht vom Gipfel atemberaubend. Die Abfahrt vom Allalinhorn ist also ein Traum – könnte man meinen.

«Die Region kenne ich eigentlich relativ gut», sagt Michael. Die Tour über den Gletscher habe er bestimmt schon sechs Mal absolviert, zudem hatte es schon Spuren im Schnee. «Darum habe ich sie nicht als gefährlich eingestuft.»

Die Abfahrt verläuft zunächst unproblematisch. Doch an einem Punkt verzweigen sich die Spuren, was Michael komisch vorkommt. Trotzdem entscheidet er sich, der rechten Spur nachzufahren.

«Es war so ein richtiger ‹Oh-Shit-Moment›»

Als die Spur jedoch zu einem Gletscherabbruch führt, wo man Spalten gesehen habe, denkt sich Michael: «Das kann es nicht sein. Ich weiss nicht, was die gemacht haben, aber das mache ich nicht.»

Also dreht Michael rund zehn Meter vor der Stelle um – zumindest versucht er es. «Es war so ein richtiger ‹Oh-Shit-Moment›», sagt er heute. Als die Schneedecke unter ihm nachgibt, habe er noch irgendwie versucht, die Stöcke in den Schnee zu rammen – vergebens.

«Egal was jetzt kommt, es wird hässlich»

In diesem Moment habe er komischerweise keine Angst gehabt, sondern einfach «purer Anschiss», so Michael. «Weil ich wusste: Egal was jetzt kommt, es wird hässlich.»

Er stürzt in die Tiefe.

Einbruchstelle
So unscheinbar und doch so gefährlich: Die Einbruchstelle von Michael in der 30-40 cm dicken Schneedecke. - zVg

Das Nächste, woran er sich erinnern könne, sei der Aufprall gewesen. «Ich bin auf dem Rücken gelandet.»

Was zunächst verheerend klingt, war für Michael Glück im Unglück, da er seinen vollgepackten Lawinenrucksack dabei hatte. «Das hat mich relativ gut gepolstert.»

«Der Rest war wirklich einfach eingeklemmt»

«Danach...», erinnert sich Michael, «bist du mal eine Runde am Durchatmen.» Es sei totenstill gewesen dort unten.

Relativ schnell habe er gemerkt, dass er selbst keine Chance habe, um rauszukommen. Die Gletscherspalte sei relativ schmal gewesen. «Ich konnte meinen rechten Arm etwas bewegen und mein rechtes Bein. Der Rest war wirklich einfach eingeklemmt», so Michael.

Was nun? Michael konnte glücklicherweise mit seiner rechten Hand sein Handy erreichen.

«Habe mir überlegt, ob ich einfach einschlafen soll»

«Es klingt ein wenig blöd, aber ich habe mir überlegt, ob ich überhaupt anrufen oder ob ich einfach einschlafen soll. Wenn ich gewollt hätte, hätte ich einfach die Augen zugemacht und es wäre vorbei gewesen», sagt Michael.

Er habe keine Angst vor dem Tod. Der Grund: Sein christlicher Glaube gebe ihm die Gewissheit, was danach kommt.

Gletscherspalte von unten
Der Blickwinkel vom Michael nach dem Sturz. Sein Kollege seilte sich am nächsten Tag an der Unfallstelle ab und machte Fotos. - zVg

Die Gedanken an seine Familie und sein Umfeld bewegten ihn schliesslich dazu, es trotzdem zu versuchen. «Weil ich es ihnen nicht antun wollte, wenn ich plötzlich fehle. Und dann habe ich mir gesagt, wenn ich Empfang habe, dann rufe ich an.»

«Hey Siri, Notruf»

«Hey Siri, Notruf», sind Michaels Worte in der Gletscherspalte. Er hat Mühe, mit seinem Daumen das Handy zu bedienen, weshalb er den Sprachassistenten nutzt. «Ich hatte gar keinen Bock, dass es runterfällt.» Der Daumen stellte sich später als gebrochen heraus.

Tatsächlich – Michaels Handy hat Empfang und der Notruf geht raus. «Der Helfer war keine 30 Sekunden dran, dann hat er gesagt: ‹Ich weiss, wo du bist›.»

«Sie sagten danach, es seien 20 Meter»

Vor dem Eintreffen der Rettungskräfte erhält Michael einen Rückruf des Einsatzleiters. Dieser fragt ihn unter anderem, wie tief er etwa sei. «Ich habe so acht bis zehn Meter geschätzt. Sie sagten danach: Es seien 20.»

Die Bergung, etwa 45 Minuten nach dem Sturz, sei nicht einfach gewesen und habe rund 20 Minuten gedauert. Michael musste selbst mithelfen. Es sei schwierig gewesen, das «Gstältli» anzuziehen, da es so eng war in der Spalte. «Das war auch der Moment, wo ich fast ohnmächtig wurde», sagt er.

Die Bergretter können Michael schliesslich mithilfe einer Seilwinde, die an einem Dreibein befestigt ist, hochziehen. «Dann haben sie mich gefragt, ob ich laufen kann. Ich dachte, ja, fix.» Beim Versuch, auf den Beinen zu stehen, sei er aber einfach eingebrochen.

Rega rettet durchschnittlich fünfmal jährlich aus Gletscherspalten

Es kommt nicht oft vor, dass Menschen aus Gletscherspalten gerettet werden müssen. Bei Air Glaciers waren es in den vergangenen zwei Jahren insgesamt drei Spaltenrettungen, sagt Mediensprecherin Eliane Zürcher.

Gletscherspalte
«Eigentlich noch schön», sagt Michael beim Betrachten der Bilder im Nachhinein. - zVg

Die Rega rückt laut Sprecherin Corina Zellweger pro Jahr durchschnittlich fünfmal zu Rettungen nach einem Spaltensturz aus.

«Im Heli hatte ich eine Körpertemperatur von 33 Grad»

Erstaunlicherweise hatte Michael im Helikopter keine Schmerzen. Er blendete sie wohl aufgrund der Unterkühlung aus. «Im Heli hatte ich eine Körpertemperatur von 33 Grad», sagt er.

Im Spital, als er wieder eine höhere Körpertemperatur aufweist, kommen schliesslich die Schmerzen. «Dann musste ich sagen, was mir weh tut. Das war schwierig, ich wusste es selbst nicht. Es tat alles weh.»

Mehrere Knochenbrüche

Kein Wunder – Michael trug einen gebrochenen Daumen, ein gebrochenes Jochbein, eine gequetschte Rippe und ein angerissenes Innenband davon. Diese Verletzung im Knie bemerkte er erst zwei Wochen nach dem Sturz.

Helm
«Jede Delle bedeutet einmal Kopfweh», sagt Michael über seinen Helm, den er beim Sturz trug. - zVg

Das Verletzungsspektrum nach einem Spaltensturz ist laut Corina Zellweger sehr breit. Es reiche von «leichten Verletzungen oder Unterkühlung bis hin zu schweren Verletzungen oder Todesfällen».

«Ich konnte nichts machen oder bewegen»

Die ersten vier Wochen nach dem Unfall seien schlimm gewesen. «Ich konnte nichts machen oder bewegen», so Michael.

Wusstest du, wie gefährlich Gletscherspalten sind?

Mittlerweile, rund drei Monate nach dem Unfall, gehe es ihm relativ gut. «Ich hoffe, dass ich Mitte März wieder arbeiten kann», sagt er.

Michael schaut zurück: «Das mache ich wohl nicht mehr alleine, auch wenn ich die Region kenne.»

Als er kürzlich in Gletschernähe spazieren war, musste er auch ein kleines Trauma feststellen. «Ich habe gemerkt, dass ich nun unverhältnismässig grosse Angst habe.»

*Name der Redaktion bekannt

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