Stadt Zürich

So erklärt Künstlerin Mega-Collage am Zürcher Grossmünster

Clarissa Rohrbach
Clarissa Rohrbach

Zürich,

Eine Riesencollage von Shirana Shahbazi ziert zurzeit das Gerüst des Grossmünsters. Dazu hat die Künstlerin auch Freiwillige aus der Stadt Zürich fotografiert.

grossmünster
Die Fotografin Shirana Shahbazi will mit ihrem Werk am Grossmünster Raum einnehmen, um zur wandelnden Weltordnung politisch Position zu beziehen. - keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • Eine grosse Collage ziert aktuell das Gerüst rund um das Zürcher Grossmünster.
  • Künstlerin Shirana Shahbazi sagt: «Ich wollte schon immer eine solche Riesenfläche bespielen.»
  • Die Restauration dauert noch bis im Herbst 2027.

Schwebende Figuren, in Pink und Grün, eine Hand, ein Vogel, Bruchstücke des Alltags, gemischt und gefärbt. Wer zurzeit Richtung Grossmünster schaut, kommt an Shirana Shahbazis Kunst nicht vorbei. Auf 30 Metern Höhe ziert die Collage der Fotografin die eingekleidete Kirche.

Das Werk verschönert während der Restauration bis im Herbst 2027 das Zürcher Wahrzeichen. Für die Kunst am Bau hat das kantonale Hochbauamt sechs Kunstschaffende dazu eingeladen, ihre Ideen einzureichen. Shahbazi wurde von der Jury einstimmig ausgewählt.

«Der Ort und die Dimensionen waren ein spezieller Reiz für mich, ich wollte schon lange eine solche Riesenfläche bespielen», sagt die 52-Jährige.

Grossmünster
Shirana Shahbazi: «Meine Bilder sind nicht linear, sie sollen überraschen, der Betrachter soll eine leichte Irritation spüren.» - keystone

Bilder dieser Grösse kenne man aus der Werbung und der kommerziellen Nutzung. Shahbazi kann es kaum glauben, dass sie eine solch sichtbare Arbeit umsetzen konnte. «Meine Bildsprache ist nicht zurückhaltend, oft wurde ich abgelehnt, weil man sich in der Schweiz oft für Harmlosigkeit entscheidet und klare Statements scheut.»

Für das Werk am Grossmünster hat Shahbazi zwölf Monate gearbeitet. Sie hat Menschen unter Wasser sowie alltägliche Dinge und Stadtansichten fotografiert und diese Bilder kombiniert mit Fotos aus Familienalben sowie der historischen Schriftensammlung des Grossmünsters.

«Ich wollte den Ort hervorheben, an dem das Werk entsteht, damit die Bevölkerung eine Verbindung dazu aufbauen kann», sagt sie. Auf ihren Aufruf haben sich Freiwillige aus der Stadt gemeldet. Schliesslich kombinierte, überlagerte und färbte sie die Bilder am Computer.

Bewusste Mehrdeutigkeit

Für Shahbazi ist Fotografie mehr als nur eine Abbildung der Realität. Sie benutzt Techniken wie Lithographie, Kolorieren und Doppelbelichtung, um Brüche und Überlagerungen zu schaffen. «Meine Bilder sind nicht linear, sie sollen überraschen, der Betrachter soll eine leichte Irritation spüren», sagt Shahbazi.

Mit ihrer Kunst will sie das Auge herausfordern, hinterfragen, wie wir schauen. «Ich finde es schön, wenn der Blick länger auf einem Sujet verweilt und man immer wieder etwas Neues entdeckt.»

Shahbazi will auch unsere Sehgewohnheiten thematisieren. Heutzutage seien diese von Werbung, die man in Sekunden versteht, und dem schnellen Scrollen auf dem Handy geprägt. Die Künstlerin will die Wirkung ihrer Bilder offen halten, sie will sie nicht erklären. Man hat geschrieben, dass dies den Betrachter verwirrt.

Das sieht Shahbazi nicht so: «Verwirren wäre mir zu wenig. Die Arbeit lässt sich vielleicht nur nicht so einfach fassen, und das ist gut so.»

Shirana Shahbazi
Shirana Shahbazi ist die Künstlerin hinter der Collage am Grossmünster. - keystone

Die prototypischen, zeitlosen Figuren, die unter Wasser schweben, sind seit drei Jahren bei Shahbazis Werken rekurrierend. Sie benutzt diese auch in ihrer aktuellen Ausstellung im Kunstmuseum Luzern. Die ausgedrückte Haltlosigkeit widerspiegle die aktuelle gesellschaftliche Stimmung. «Es entsteht eine neue Ordnung in der Welt, die sehr viel Unbehagen auslöst, wir haben die Orientierung verloren und wissen nicht, wie es weitergeht», sagt sie.

Shahbazi sieht sich als hochpolitischen Menschen. «Als Bürgerin bin ich entsetzt, was gerade auf der Welt passiert.» Werte und Menschenrechte würden demontiert, und die Schweizer Politikerinnen und Politiker schauten einfach zu.

«Wir müssen nicht im Staunen verweilen, sondern Position beziehen.» Auch mit ihrer Kunst will Shahbazi zeigen, dass man Raum einnehmen soll.

Trotz politischer Haltung stört es die gebürtige Iranerin, wenn sie sich als Künstlerin stets zur Situation in ihrer Heimat äussern soll. Sie will nicht auf ihre Wurzeln reduziert werden. «Ein Baum hat Wurzeln, doch ich habe mich bewegt, ich bin jetzt seit 30 Jahren hier, da kommen verschiedene Dinge zusammen.»

Für Shahbazi sagt die stete Frage nach ihrer Herkunft mehr über die Kategorien aus, in denen der Fragende denkt, als über sie. Die stereotypische Zuschreibung einer Identität sei eine Form von Diskriminierung. Es sei auch nicht richtig, von Assimilation zu sprechen, denn das setze voraus, dass es etwas Herrschendes gebe, an das man sich angleichen muss.

grossmünster
Die Fotografin Shirana Shahbazi will mit ihrem Werk am Grossmünster Raum einnehmen, um zur wandelnden Weltordnung politisch Position zu beziehen. - keystone

«Ich sehe so aus, wie ich aussehe, und spreche Hochdeutsch, ich gehöre hierher, so wie die 40 Prozent Schweizer Bürgerinnen und Bürger, die eine Migrationsgeschichte haben», sagt Shahbazi.

Mehrdeutigkeit spielt auch eine Rolle, wenn man Shahbazi fragt, ob sie sich als malende Fotografin sieht, da sie ihre Bilder mit Farben überdeckt. «Ich bin mehrere Sachen gleichzeitig, das sind die meisten von uns, ich will nicht auf eine Rolle runtergebrochen werden.»

Die Reduktion auf gewisse Kategorien sei in der Gesellschaft problematisch, weshalb sie sich für eine Kunst einsetze, die mehrere Bedeutungen habe. Mehrdeutigkeit ist für sie ein Statement.

Bestimmt, doch bedacht

Shirana Shahbazi ist eine der bekanntesten Künstlerinnen der Schweiz. 2019 überreichte ihr der ehemalige Bundesrat Alain Berset den renommierten Prix Meret Oppenheim. «Das war eine wichtige Geste, die Anerkennung hat mir viel bedeutet.»

Gut tun soll laut Shahbazi auch ihre Collage am Grossmünster. Sie ist überzeugt, dass ihr Kunstwerk der Stadt etwas gibt. Sie habe Rückmeldungen von Menschen bekommen, welche die Energie toll finden, welches dieses freisetzt.

Shahbazi fühlt sich in Zürich wohl. Ihr Lieblingsort ist die Hardau, wo sie wohnt. Auf die Frage, was Zürich ihr bedeute, gibt sie keine Antwort.

Shahbazi denkt lange nach und sagt dann bestimmt, und doch vorsichtig: «Die Frage ist zu schwierig.»

Zur Person

Shirana Shahbazi wurde 1974 in Teheran geboren. 1985 zog sie mit ihrer Familien nach Deutschland. Sie studierte in Dortmund und Zürich Fotografie. Shahbazi ist eine der bekanntesten Künstlerinnen der Schweiz. Ihre Werke wurden im Museum of Modern Art in New York und in der Tate Gallery in London ausgestellt. 2019 gewann sie den renommierten Prix Meret Oppenheim. Shahbazi hat zwei Töchter und lebt in Zürich. Ihr Atelier ist in Schlieren.

Dieser Artikel ist zuerst im «Tagblatt Zürich» erschienen.

Kommentare

User #5399 (nicht angemeldet)

Und was kostet der Steuerzahler, dieses verwirrende plakat?

User #5201 (nicht angemeldet)

Kunst, etwas was die Menschheit nicht braucht.

Weiterlesen

Grossmünster
10 Interaktionen
Während Sanierung
Doppeltürmen
Für vier Jahre
Sommerwende
1 Interaktionen
Zürich

MEHR AUS STADT ZüRICH

11 Interaktionen
In Zürich
7 Interaktionen
«Entschleunigen»
-
Lungenkrankheit
Stadt Zürich
Zürich