Selbstbewusster und selbstverständlicher Umgang mit Thema Migration
Was zögerlich begann, ist inzwischen Realität. Aus der «Migrationsliteratur» wurde eine postmigrantische Literatur, die das Thema Migration ganz natürlich mit einschliesst. Diese Entwicklung hat allerdings auch Verschiebungen im Literaturbetrieb erfordert.

Die Literatur lebt vom Reichtum ihrer Stoffe und Themen. Seit den 1970er Jahren haben Autorinnen und Autoren mit Migrationserfahrungen grosse Verdienste daran, dass das Schweizer Literaturschaffen lebendig und künstlerisch vielfältig bleibt. Die «Migrationsliteratur» ist in diesen Jahrzehnten aus ihrer Nische hinausgewachsen und geniesst heute breite Beachtung.
Zwei Bücher stehen repräsentativ für diesen Wandel. 2003 veröffentlichte Martin R. Dean seinen achten Roman «Meine Väter». Er war längst ein etablierter Autor, als er mit diesem Roman eine Wende zum autofiktionalen Schreiben vollzog und die väterliche, karibische «Heimat» ins Blickfeld rückte. Ein Besuch auf Trinidad zeigt dem Protagonisten freilich, dass er längst zum Schweizer geworden ist. «Ich bin ich» lautet bündig sein fast schon entschuldigendes Fazit, hinter dem der Autor vermutet werden darf.
Dean und Nadj Abonji
2010 sorgte die Musikerin und Autorin Melinda Nadj Abonji mit dem Roman «Tauben fliegen auf» für Aufsehen. Das Buch, für das sie den Deutschen und den Schweizer Buchpreis erhielt, traf offenkundig einen Nerv. Aus der Perspektive der Tochter Ildikó erzählt es die Geschichte der Familie Koscis, die in der Schweiz eine neue Existenz aufbaut und dabei Argwohn und Widerstände erlebt.
Nadj Abonji verlässt sich nicht aufs realistische Erzählen, sondern arbeitet mit Verschlingungen und Repetitionen eine subtile rhythmische Erzählstruktur heraus. Mit ihr befreit sich auch die Erzählerin, bevor sie im Buch Abschied von Zuhause nimmt, wo sie zu sehr gelernt hat, über Anfeindungen und Demütigungen zu schweigen.
Dean und Nadj Abonji sind heute wichtige Stimmen im öffentlichen Diskurs. Kritisch und pointiert stellen sie das migrationsbedingte «Andere» in Frage und fordern stattdessen, dass Themen wie Ausgrenzung und Diversität herkunftsübergreifend diskutiert und dass Texte aufgrund ihrer literarischen Qualität beurteilt werden.
Die neue Normalität
Vor diesem Hintergrund wurde die Vielfalt zur neuen Normalität. Damit verbindet sich vor allem ein neues Bewusstsein der jüngeren Schreibgeneration. Es geht ihr nicht mehr um Integration oder Assimilation, sondern um gerechte Teilhabe auf allen Ebenen der Gesellschaft und der Politik.
Dies schliesst natürlich das Recht auf Kritik oder Satire mit ein, wie es Fatima Moumouni in ihren Texten oder Nora Osagiobare im Buch «Daily Soap» für sich in Anspruch nehmen. Kein Zufall ist dabei, dass die jüngere postmigrantische Literatur ihre gesellschaftliche Sensibilität mit der LGBTQ+-Szene teilt.
Die Zahl von Schreibenden mit Migrationshintergrund wächst dabei stetig. Mit dazu gehören Namen wie Franco Supino, Catalin Dorian Florescu, Dana Grigorcea, Yusuf Yeşilöz, Elisa Shua Dusapin, Eugène, Meral Kureyshi, Kathy Zarnegin, Usama Al Shahmani oder Ralph Tharayil. Ohne sie gibt es keine Schweizer Literatur. Meist schreiben sie in einer der Landessprachen, hin und wieder wechseln sie, wie die international bekannte Elvira Dones, zwischen Mutter- und Landessprache. Und: Schreibende der zweiten Generation haben die deutsche Sprache meist schon vorschulisch gelernt und sich einen Dialekt angeeignet.
Die anwachsende Liste spiegelt auch, wie weit das Spektrum der «hybriden Identitäten» (Micieli) und «wahrscheinlichen Herkünfte» (Ivna Žic) aufgegangen ist und heute über Europa hinaus nach Afrika oder Asien weist.
Wandel im Literaturbetrieb
Zaghafter ist bislang ein anderer Prozess vorangekommen: der Wandel der Strukturen im Literaturbetrieb. Ein Blick in die Handbücher zur Schweizer Literatur, die meist noch vor 2000 publiziert wurden, fördert zum Begriff Migration gar nichts zutage.
Auch in den zahlreichen Anthologien zur «jungen» Schweizer Literatur fanden sich bis vor kurzem kaum Hinweise auf Schreibende mit Migrationshintergrund. Einzig ein paar spezifische Publikationen wie der Band «Küsse und eilige Rosen» (1998) oder «Diskurse in die Weite» (2010) thematisierten die Migration.
Doch die Sensibilität ist inzwischen auch in literarischen Gremien und Institutionen gewachsen. Vermehrt wird das Augenmerk auf Texte gelegt, die den helvetischen Mainstream verlassen. Jurys und Podien werden diverser besetzt, die Forschung widmet sich der postmigrantischen Literatur, und die Solothurner Literaturtage beispielsweise räumen ihr ohne besondere Etikettierung Platz ein. Der Weg ist vorgezeichnet.
Der tückische Begriff «Migrationsliteratur»
Bücher von Migrierten werden gerne unter dem Begriff «Migrationsliteratur» zusammengefasst. Das ist praktisch, doch der Begriff hat seine Tücken. Denn er drängt die damit etikettierten Schreibenden in eine Nische: in einen «sanften Ausschluss», wie der Autor Eugène einmal sagte.
Dabei signalisiert der Begriff exakt das Gegenteil: Öffnung in Bezug auf Erfahrungen, Motive und Schreibweisen. Mit dem Thema Migration tun sich neue Welten auf, die aus der helvetischen Enge hinausführen. Zudem verbreitert sich die Palette von literarischen Ausdrucksweisen und vitalisiert so die Literatur als Ganzes.
In den letzten Jahren hat sich deshalb ein neuer Begriff eingebürgert: postmigrantische Literatur. Er lehnt sich an die Idee des Postmigrantischen an, die besagt, dass Migrationserfahrungen die Gesellschaft schon immer geprägt haben und deshalb nicht als Kriterium der Abgrenzung taugen.*
* Dieser Text von Beat Mazenauer, Keystone-SDA, wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung realisiert.










