Abschied von Kind schmerzt – Bundeshaus-Kita als Lösung?

Bettina Zanni
Bettina Zanni

Bern,

Viele Nationalrätinnen und -räte müssen sich vor der Session von ihren kleinen Kindern verabschieden. Eine Kita direkt im Bundeshaus würde ihnen dies ersparen.

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Ratsmitglieder, die kleine Kinder haben, hätten diese auch während der Session gerne in ihrer Nähe. - keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • Eine SVP-Nationalrätin zieht sich wegen der Distanz zu ihrem Kind zurück.
  • Die Trennung vom Kind fällt auch anderen Nationalrätinnen und -räten nicht leicht.
  • «Ich finde die Idee einer Bundeshaus-Kita sympathisch», sagt ein SP-Nationalrat.

Rund drei Monate pro Jahr sind die Mütter und Väter im Schweizer Parlament von ihren Kindern getrennt. Im Herbst, Winter, Frühling und Sommer reisen sie aus allen Kantonen der Schweiz für die jeweils dreiwöchigen Sessionswochen nach Bern.

Für die Thurgauer SVP-Nationalrätin Diana Gutjahr und Mutter eines vierjährigen Sohnes ist künftig Schluss damit. Sie kandidiert im Herbst 2027 nicht mehr für den Nationalrat.

Ihren Rückzug aus dem Parlament begründet die 42-Jährige auch mit der Distanz zum Kind.

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SVP-Nationalrätin Diana Gutjahr hat künftig mehr Zeit für ihren Sohn. - keystone

«Ist ein grosser Vorteil, wenn man so nahe wohnt»

Bei ihr heisse es am Sonntagabend Koffer packen, jeweils für eine Woche, sagt Diana Gutjahr zum «Tages-Anzeiger». Dies sei jedes Mal schmerzhaft. Manche ihrer Parlamentskollegen dagegen könnten während der Session gemeinsam zu Abend essen und sähen ihre Kinder.

Matthias Aebischer bestätigt dies.

Der Gemeinderat der Stadt Bern amtete 14 Jahre als SP-Nationalrat. Auch seine Frau Tiana Angelina Moser war in dieser Zeit bereits Parlamentarierin.

«Ich bin in drei Minuten zu Fuss beim Bundeshaus», sagt Aebischer zu Nau.ch. «Und konnte deshalb unsere kleinste Tochter vor Sessionsstart immer in die Kita oder in den Kindergarten bringen.»

Siehst du deine Familie jeden Abend?

Unterstützt worden sei er von seinen Eltern und auch von seinen Töchtern, sagt Aebischer. Diese seien um einiges älter als Lotta und helfen kräftig mit. «All meine Töchter spürten kaum einen Unterschied zwischen einer normalen Arbeitswoche und einer Sessionswoche. Es ist ein grosser Vorteil, wenn man so nahe beim Bundeshaus wohnt.»

«Abschied fällt mir nicht leicht»

Auch der frischgebackene Vater und SVP-Nationalrat Mike Egger kämpfte am Sonntagabend vor dem Start der Herbstsession mit seinen Gefühlen. «Gerade weil unser Sohn noch sehr klein ist, fällt mir der Abschied natürlich nicht leicht», sagt der St. Galler.

Seit er Vater sei, habe sich seine Perspektive nochmals verändert. «Die gemeinsame Zeit als Familie ist für mich enorm wertvoll.»

Er sei CEO eines KMUs und Nationalrat, so Egger. Deshalb habe er gleichzeitig gewusst, dass er die Familienzeit mit seiner Frau sehr gut planen müsse. «Und dass die Session in Bern dazugehört.»

«Via Videotelefonie im Austausch»

Während der Session übernimmt Eggers Frau einen grossen Teil der Betreuung. Sie organisierten dies gemeinsam und pragmatisch, sagt der 34-Jährige. «Und wir können glücklicherweise auch auf Unterstützung aus unserem familiären Umfeld zählen.

Für den Nationalrat ist wichtig, als Eltern täglich via Videotelefonie im Austausch zu sein. So könne er bei Bedarf aus der Ferne so gut wie möglich unterstützen. «Auch Besuche in Bern sind von meiner Frau und meinem Sohn Max geplant – darauf freue ich mich sehr.»

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Irène Kälin fände eine Bundeshaus-Kita praktisch, sieht aber auch viele Nachteile. - keystone

«Als Vater würde ich meinen Sohn selbstverständlich gerne häufiger bei mir haben», sagt Egger. Gleichzeitig sei er während der Session in Bern, um seine politische Aufgabe wahrzunehmen.

Die Tage seien lang und mit Ratsbetrieb, Kommissions- und Fraktionsarbeit sowie weiteren Terminen sehr gut ausgefüllt. «Deshalb bin ich überzeugt, dass unser Sohn während dieser Zeit zu Hause in seinem gewohnten Umfeld am besten aufgehoben ist.»

«Der Spagat zehrt»

Die Aargauer Grünen-Nationalrätin Irène Kälin hat einen mittlerweile achtjährigen Sohn.

«Emotional und organisatorisch wäre es selbstverständlich angenehmer gewesen, wenn ich meinen Sohn in der Nähe gehabt hätte», sagt sie. «Der Spagat zwischen Glocke und Gutenachtkuss – das zehrt. Nicht nur an den Kräften, sondern auch am Herzen.» Mit dem Läuten der Glocke beginnt oder endet eine Sitzung des Nationalrats.

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Die Aargauer Grünen-Nationalrätin Irène Kälin hat einen mittlerweile achtjährigen Sohn. - keystone

Sie sehe darin aber kein persönliches Versagen. «Das ist ein strukturelles Problem eines Parlaments», sagt Kälin. Dieses sei immer noch so organisiert, als hätten Parlamentarierinnen jemanden zu Hause, der die Familienarbeit übernehme.

Kita «Bundeshauszwärgli»?

Grosse Unternehmen wie der Industriekonzern ABB, der Pharmakonzern Novartis oder die Versicherungsgesellschaft Mobiliar bieten betriebseigene Kitas an. Wie wäre es mit einer Kita «Bundeshauszwärgli»?

«Ich finde die Idee einer Bundeshaus-Kita sympathisch», sagt SP-Nationalrat Jon Pult. Ob aber eine Kita, die nur während Sessionen betrieben werde, eine sinnvolle Sache sei, müsste geprüft werden. «Allenfalls könnte man mit einer bestehenden Kita in Bern eine Kooperation eingehen.»

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Die Idee einer Bundeshaus-Kita trifft bei SP-Nationalrat Jon Pult auf Sympathie. - keystone

Er persönlich wäre aktuell nicht auf eine Bundeshaus-Kita angewiesen, so der Vater einer kleinen Tochter. Der 41-jährige Bündner wohnt mit seiner Familie während der Session vier Tage in Bern. «Wir bringen unsere Tochter in eine Kita in der Nähe des Bundeshauses.»

Irène Kälin stimmt zu: «Praktisch wäre eine Bundeshaus-Kita auf den ersten Blick auf alle Fälle.» Als grosses Aber sieht sie die Unregelmässigkeit. «Bindungen und Vertrauen entstehen durch Regelmässigkeit.»

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Seit 2019 steht den Parlamentarierinnen und Parlamentariern im Bundeshaus ein Stillzimmer zur Verfügung. - Nau

Die eigentliche Frage sei eine andere, so Kälin. «Warum sind die Sessionen so organisiert, dass sie mit einem mehr oder weniger normalen Familienleben kaum vereinbar sind?»

Etwa Schweden löse das Problem nicht alleine durch ein familienfreundliches Parlament, sondern primär durch ein familienfreundliches Gesellschaftssystem generell. «Keine Sitzungen vor 9 Uhr und nach 16 Uhr, längere geteilte Elternzeit, höhere staatliche Subventionierung von Betreuungsangeboten.»

Zu Besuch zum Geburtstag

SP-Nationalrätin Sarah Wyss spaziert am Mittwoch in der Herbstession mit ihrem Sohn im Arm durch die Wandelhalle. «Er hat heute den zweiten Geburtstag», sagt sie. Diesen Tag habe sie nicht verpassen wollen. «Wichtig ist mir auch, dass er weiss, wo ich arbeite.»

Fast jeden Abend fährt die Baslerin während der Session nach Hause. Ihr Sohn schläft abends schon und morgens noch, wenn sie wieder nach Bern fährt, sagt sie. «Aber er ist noch so klein, dass ich nachts nicht so lange von ihm getrennt sein will.»

Der Gedanken, den Sohn morgens im Bundeshaus in eine Kita zu bringen, klang für die 38-Jährige anfangs verlockend. «Ein Kind ist aber an einem Ort aber verankert», sagt sie. Es sei deshalb unvorstellbar, ihren Sohn viermal im Jahr plötzlich aus der gewohnten Kita in Basel zu reissen. «Ein kleiner Schritt wäre schon, wenn die Sitzungen morgens nur schon eine Viertelstunde später starten würden.»

Diana Gutjahr sieht es ähnlich. «Man kann Kinder nicht einfach irgendwohin stecken», sagt sie auf Anfrage. In einer Kita brauche ein Kind zuerst eine Eingewöhnungsphase und müsse sich wohlfühlen. «Wichtig ist auch eine konstante Bezugsperson.»

Würden die Parlamentsmitglieder ihre Kinder während der Session jeweils in einer Kita deponieren, entspreche dies nicht dessen Bedürfnissen.

Keine Chance hat eine Bundeshaus-Kita bei Mike Egger. «Ich sehe keinen Grund, weshalb für Mitglieder des Parlaments auf Kosten der Steuerzahler eine besondere Betreuungslösung geschaffen werden sollte.» Was sie für andere Familien an Eigenverantwortung voraussetzten, sollte auch «für uns Politiker gelten».

Braucht es eine Bundeshaus-Kita?

Gäbe es im Bundeshaus Räumlichkeiten, die sich während der Session in eine Kita umnutzen liessen? «Die Parlamentsdienste äussern sich nicht zu hypothetischen Nutzungsmöglichkeiten von Räumen im Parlamentsgebäude oder in dessen Umgebung.» Dies sagt Karin Burkhalter, Mediensprecherin der Parlamentsdienste.

Sie verweist auf das Stillzimmer. Dieses steht den Ratsmitgliedern im Parlamentsgebäude seit 2019 zur Verfügung.

Kommentare

User #4851 (nicht angemeldet)

Lasst die Kinder gefälligst zuhause. Und schaut dort auf sie!

User #2752 (nicht angemeldet)

Man ist versucht zu schreiben, dass manch kindisches Benehmen im Rat dazu führen könnte, dass gewisse Räte auch gleich in der Kita bleiben dürften…

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