Das Schweizer Theater befindet sich in einer Zwischenwelt zwischen zwei Universen - Hochdeutsch und Mundart. Welche Sprache soll man auf der Bühne wählen, wenn die Sprache der Texte und die Sprache des Alltags nicht dieselbe ist? Künstlerinnen und Künstler äusserten sich in der Sendung «Vacarme» auf Radio Télévision Suisse (RTS) zu diesem Thema. Ein Auszug.
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Bühnenproduktion. (Symbolbild) - Pixabay

Das Wichtigste in Kürze

  • Goethe, Schiller, Brecht, Büchner: Das deutschsprachige Theater ist bekannt für seine wunderbaren Texte und seit den 70er und 80er Jahren für seinen Avantgardismus.

Wie ordnet sich dieses Theater in der Deutschschweiz ein - mit hochdeutschen oder mit auf Schweizerdeutsch übersetzten Texten?

«Man muss gut Deutsch können, bevor man die Theaterbühne betreten kann», sagt Schauspieler Nils Torpus vom Berner Schlachthaus Theater in der Sendung «Vacarme» vom 30. Oktober 2020. «Es ist so, man muss die Sprache in der Theaterschule lernen.» Dabei liessen sich sehr viele Stücke ebenso gut in Mundart inszenieren, meint er, schliesslich sei das unsere Sprache. «Aber viele Leute finden es nicht cool, weil es ihnen zu sehr nach Volkstheater klingt.»

Es sei, als würden sie sich für ihre Sprache schämen. Doch obwohl sich gewisse Dinge im Dialekt viel besser ausdrücken lassen als auf Hochdeutsch, wird Mundart auf den Bühnen stiefmütterlich behandelt. «Man mag den Dialekt im Theater einfach nicht so gern», so Torpus.

Selbst in Deutschland unterscheidet sich die Bühnensprache von der gesprochenen Sprache. «Auf der Reeperbahn sprechen sie den Hamburger Dialekt, auf der Bühne eine Kunstsprache, eine Bühnensprache, die man im wirklichen Leben nirgends hört», sagt der Schauspieler, dessen Eltern Deutsche sind und der Schweizerdeutsch aber ebenfalls beherrscht.

Es gibt aber eine Tendenz in Richtung Mundart-Stücke. «Schweizer Theatermacher interessieren sich zunehmend für den Dialekt.» Nils Torpus kann das einerseits nachvollziehen. Andererseits signalisiere dies auch, dass sich Nicht-Schweizer anpassen müssen. «Ich kann nicht sagen, dass die Tendenz ausländerfeindlich ist - doch ist sie auch nicht ganz unproblematisch.» Früher habe man automatisch Deutsch gesprochen, wenn ein Deutscher dabei war. Heute sei das nicht mehr so. «Es ist ein antideutsches Gefühl, das hinter dieser Wiederentdeckung steckt. Ein bisschen Nationalismus, ja.»

Der Berner Schauspieler, Musiker, Performer Hoschi (Thomas Ursula Hostettler), der in Filmen wie «Platzspitzbaby» oder «Mein Name ist Eugen» zu sehen ist, hält es wiederum für ziemlich herausfordernd, als Schweizer Schauspieler auf Deutsch zu spielen. «Für uns ist Deutsch erst einmal eine Fremdsprache, die man in der Schauspielschule von Grund auf lernen muss.»

Doch auch der umgekehrte Prozess war seiner Meinung nach schwierig, sagt der Schauspieler, der zuletzt für diverse Mundart-Theaterstücke und -Filme engagiert wurde. «Ich musste erst wieder lernen, in meiner eigenen Sprache zu spielen, damit es gut klingt. Es war eine echte Arbeit, meine Sprache zu finden, aber es funktioniert.»

Der in Brasilien geborene Musiker und Komiker Resli Burri lebte in Lausanne bevor er in den Kanton Bern zog. Um das Mundart-Programm seines Trios Les Trois Suisses in Deutschland spielen zu können, musste er es komplett umschreiben. «Es war eine riesige Arbeit, den Humor, der auf Wortspielen basiert, so zu übersetzen, dass er funktioniert.»

An einer anderen Stelle der Sendung «Vacarme» weist die Schauspielerin Brigitte Weber von der Theatergruppe Theater Eiger Mönch & Jungfrau und Theater Blau darauf hin, dass Kindertheater viele Stücke in Mundart anbieten. Aus Rücksicht auf die Kinder mit Migrationshintergrund spiele man aber auch vermehrt auf Hochdeutsch.

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