Schweizer überhäufen Angehörige von Opfern mit Wohn-Angeboten

Bettina Zanni
Bettina Zanni

Zürich,

Viele Opfer der Tragödie von Crans-Montana liegen lange im Spital – auch weit weg von zu Hause. Schweizer wollen Eltern bei sich einquartieren. Probleme drohen.

Crans-Montana
Angehörige der Brandverletzten sind auf Unterkünfte in der Nähe des Spitals angewiesen. - keystone

Das Wichtigste in Kürze

  • Den Verletzten von Crans-Montana VS stehen lange Spitalaufenthalte bevor.
  • Viele Menschen melden sich spontan mit Unterkünften für die Angehörigen in Spitalnähe.
  • «Sie brauchen Privatsphäre und Ruhe», sagt eine Trauerbegleiterin.

Reden, telefonieren oder schreiben: All das ist für die Angehörigen zurzeit unmöglich. Seit über einer Woche liegen Opfer der Brandkatastrophe von Crans-Montana VS, vor allem Teenager, im künstlichen Koma. Beim Brand wurden über 100 Personen verletzt.

Auch wenn sie aufgewacht sind, werden sie noch viele Wochen oder Monate im Spital verbringen. Hauttransplantationen erfordern zahlreiche Operationen und intensive Pflege. Alles, was die Eltern jetzt wollen, ist, möglichst nahe bei ihrem Kind zu sein.

Doch oft liegt das Spital, in dem ihr Kind behandelt wird, nicht in nächster Nähe.

«Bei ihr am Bett bleiben»

«Unsere Tochter gehört zu den Opfern des Dramas von Crans-Montana», schreibt ein Vater aus Angers FR am Sonntag auf Facebook. Sie befinde sich im Unispital Zürich im Koma.

«Meine Partnerin Delphine ist seit gestern Abend an Mélanies Bett», schreibt der Vater.

Sie suchten einen Ort, an dem seine Frau während des Spitalaufenthalts der Tochter schlafen könne. «In Zürich, in der Nähe des Spitals, damit sie bei ihr am Bett bleiben kann.»

Ist es gut, wenn Menschen in einer Ausnahmesituation in fremden Haushalten wohnen?

Gleichzeitig wurden auf Social Media Gruppen eingerichtet, bei denen man sich mit einem Unterkunftsangebot melden kann.

«Ich habe kein Gästezimmer»

Die Schweizerinnen und Schweizer zeigen sich hilfsbereit. In unzähligen Posts und Kommentaren bieten sie den Angehörigen Plätze bei sich zu Hause an.

«Wir wohnen in Benglen und haben ein Zimmer plus Badezimmer zur Verfügung», schreibt etwa eine Zürcherin. «Wir sprechen Französisch, Englisch, Spanisch, Italienisch und wir kommen auf Deutsch zurecht.»

Bei einer vierköpfigen Familie in Thalwil ZH sind die Türen auch offen. «Ich habe kein Gästezimmer, aber den nötigen Komfort, um zwei Personen aufzunehmen», schreibt der User.

«Wir sind eine grosse Familie»

E.W. * aus Schwanden GL schreibt: «Wir sind etwas ausserhalb, könnten aber Zimmer mit Bad und gemeinsam genutzte Küche/Wohnzimmer bieten.»

Gegenüber Nau.ch führt die Pferdetrainerin ihr Angebot aus.

«Wir haben ein grosses Haus mit Gästezimmern und im Winter werden diese selten bewohnt», sagt sie. Soziale Interaktion böten sie, wenn dies gewünscht werde. «Wir sind eine grosse Familie – man kann Teil des Geschehens sein oder auch den eigenen Weg gehen. Wie es halt passt…»

«Lebensbruch für Eltern»

So spontan die Angebote sind, so herausfordernd ist die Realität.

«Die Eltern der Opfer befinden sich in einem Ausnahmezustand», sagt Beatrice Höhn. Sie ist Notfallpsychologin bei der Stiftung Krisenintervention Schweiz. «Bei vielen Brandverletzten ist nach der OP nicht alles gut und alle atmen auf.» Die Angehörigen würden Phasen der Angst und Verzweiflung durchleben.

«Und manche glauben an das Gesundheitssystem, andere wollen vom Arzt jeden Schritt erklärt haben.»

Crans-Montana
Béatrice Höhn ist Notfallpsychologin bei der Stiftung Krisenintervention Schweiz. - zVg.

Monica Lonoce hat ihre beiden Zwillingstöchter nach einer langen Krankheit im Alter von sieben und zehn Jahren verloren. Sie weiss auch als Trauer- und Prozessbegleiterin, was die Eltern der brandverletzten Kinder durchmachen.

«Dass ihr Kind so schwer getroffen wurde, ist für Eltern ein Lebensbruch», sagt Lonoce. «Sie haben wahnsinnigen Stress auf allen Ebenen und befinden sich in einem Ausnahmezustand

«Sind es altruistische Motive?»

Beatrice Höhn erachtet die vielen Angebote grundsätzlich als positiv.

«Es zeigt, dass viele Menschen betroffen sind und das Bedürfnis haben, zu helfen», sagt sie. Die einen wollten mit der Aufnahme von Angehörigen etwas Gutes tun. «Andere wollen vielleicht einfach Teil davon sein.»

Es sei weder richtig noch falsch, Menschen in einer solch belastenden Situation, ein Zimmer im eigenen Haushalt anzubieten, sagt Höhn. Wichtig seien die Beweggründe dafür.

«Sind es altruistische Motive?», sagt Höhn. Die Frage sei auch, ob die eigene Ohnmacht eine Rolle spiele. «Tut man es, damit es einem danach selbst besser geht?»

Ist Letzteres der Fall, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass verschiedene Erwartungen aufeinanderprallen. «Wenn Dankbarkeit das Motiv ist, die Wohnung anzubieten, kann es schwierig werden.» Zum Beispiel, sobald die eingezogene Person nicht die erwartete Dankbarkeit zeige.

«Man ist kein Sozialarbeiter»

Wichtig ist laut der Notfallpsychologin, die Autonomie der Gäste einzuhalten.

«Dazu gehört auch zu respektieren, wenn die Gäste kein gemeinsames Abendessen vorziehen.» Sie geht davon aus, dass sich die meisten Gastgeber emotional engagieren wollen. «Doch die Gäste entscheiden, ob sie reden wollen oder nicht.»

Auch Monica Lonoce bezeichnet es als eine schöne Geste der Solidarität, aus Betroffenheit und Mitgefühl, eine Unterkunft anzubieten.

Crans-Montana
Monica Lonoce ist Trauer- und Prozessbegleiterin und hat eine Schule für Trauerbegleitung. - zVg.

Doch empfiehlt sie, sich über folgende Punkte im Klaren zu sein. «Einen Wohnraum auf Zeit anzubieten, beinhaltet keinen therapeutischen Auftrag und man ist kein Sozialarbeiter.»

Stattdessen gehe es darum, den Menschen einen Platz zur Verfügung zu stellen. Sie empfiehlt klare Rollen, auch einen möglichen Zeitrahmen.

Erwartungen könnten überfordern

Die Trauer- und Prozessbegleiterin macht darauf aufmerksam, dass es sich nicht um Gäste im üblichen Sinne handelt. «Sie brauchen Privatsphäre und Ruhe, sie müssen auch nicht bekocht werden», sagt Monica Lonoce. Sie brauchten ein sauberes Bett und Bad.

Sie persönlich würde einfach nur schlafen, duschen und sich umziehen wollen. «Um dann wieder bei meinem Kind im Spital sein zu können.» Sie wäre mit eventuellen Erwartungen oder mit Überforderung des Umfelds total überfordert.

Deshalb sei es für Raumanbieterinnen und -anbieter wichtig, sich über ihre Rolle im Klaren zu sein. Dazu zählten auch die eigenen Bedürfnisse und Motivation. «Sonst kann es Verletzungen auf beiden Seiten geben, was niemand möchte.»

Unklare Rollen

Lonoce ist der Ansicht, dass private Settings nur eine Übergangslösung sein sollen. Das Risiko der Überforderung auf beiden Seiten nehme zu. «Vor allem, wenn das Raumangebot nah mit dem Lebensraum der Gastgeberinnen und -geber verbunden ist.»

Zudem könnten sich mit der Zeit auch rechtliche Fragen ergeben. Angenommen, es geht etwas kaputt. «Sind das Gäste, Besucher oder in welchem Verhältnis stehen die Menschen im Haushalt?» Ihrer Meinung nach sollte es eine Anlaufstelle geben, die dieses besondere Angebot koordiniere und bei Fragen zur Verfügung stehe.

«Idee aus persönlichem Impuls»

Jessica Mor-Camenzind hat auf Instagram einen Aufruf für temporären Wohnraum in der Nähe der Zürcher Spitäler gestartet. «Die Idee ist aus einem persönlichen Impuls heraus entstanden», sagt die Geschäftsführerin einer NGO.

Danach habe sich jedoch gezeigt, dass es sinnvoll und wichtig sei, solche Angebote zu bündeln. Dies über bestehende und erfahrene Stellen. Sie habe deshalb mit dem Kinderspital Zürich Kontakt aufgenommen.

Es sei wichtig, dass die betroffenen Menschen einen ruhigen Rückzugsort erhielten. «Ohne Erwartungen, Verpflichtungen oder zusätzlichen emotionalen Druck.»

Keine Unterkünfte mehr benötigt

Das Kinderspital Zürich macht auf seiner Website auf das Angebot aufmerksam. Möglich sind Liegebetten im Patientenzimmer, Zimmer im Elternhaus für 25 Franken pro Nacht und externe Unterkünfte.

Crans-Montana
Das Kinderspital Zürich bietet Unterkünfte für Eltern an. - kispi.uzh.ch

«Wir haben für alle Familien eine Unterkunft gefunden», sagt Jessica Mor-Camenzind am Freitag. «Drei aus unserer Initiative heraus, der Rest via Kispi, USZ und Privatpersonen.»

Das Kispi kommuniziere auch entsprechend, dass zurzeit keine Unterkünfte mehr benötigt würden. «Die Hilfsbereitschaft ist beeindruckend und zeigt: Wenn es draufkommt, packen alle an und halten zusammen.»

Nach wie vor erhalte sie viele E-Mails mit Unterkunftsmöglichkeiten, sagt Mor-Camenzind. Falls eine Anschlusslösung benötigt werde, könne die Nachfrage gedeckt werden.

Stadt Zürich hilft

Auch auf die Unterstützung der Stadt Zürich können die Angehörigen zählen.

«Das Brandunglück in Crans-Montana macht auch uns tief betroffen», sagt Stefan Rüegger, Mediensprecher des Sicherheitsdepartements. Wenn die Stadt Zürich Unterstützung bei der Unterbringung von Angehörigen leisten könne, sei sie dazu selbstverständlich gerne bereit.

«Und klärt unter Berücksichtigung der konkreten Bedürfnisse ab, was sie anbieten kann.»

*Name der Redaktion bekannt.

Kommentare

User #2616 (nicht angemeldet)

Ich will aber nicht helfen weil ich die Lebenshaltungskosten mir nicht mehr leisten kann!

User #3206 (nicht angemeldet)

Viele SPler helfen von Natur aus gerne…

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