Chefärztin im Kispi über Brandopfer: «Kampf gegen die Zeit»
Nach der Brandkatastrophe von Crans-Montana kämpfen Ärzte im Zürcher Kinderspital um das Leben schwer verletzter Jugendlicher. Unter extremem Zeitdruck.

Das Wichtigste in Kürze
- Sieben Jugendliche werden nach Crans-Montana im Kinderspital Zürich behandelt.
- Ohne rasche Operationen steigt nach wenigen Tagen das Risiko tödlicher Infektionen massiv.
- Die Versorgung bindet Dutzende Fachpersonen rund um die Uhr – über Monate hinweg.
Nach der tödlichen Brandkatastrophe in der Silvesternacht von Crans-Montana stehen spezialisierte Kliniken im In- und Ausland im Dauereinsatz.
Allein im Kinderspital Zürich (Kispi) wurden sieben schwerst brandverletzte Jugendliche eingeliefert. Eine aussergewöhnlich hohe Zahl.
«Es ist ein Kampf gegen die Zeit», sagt Kathrin Neuhaus in der «NZZ». Sie ist Chefärztin und Leiterin des Zentrums für Brandverletzte am Kispi.
Wenige Stunden nach dem Brand waren erste Patienten in Zürich
Am Neujahrstag trafen die ersten Patienten wenige Stunden nach dem Alarm in Zürich ein. Alle waren bewusstlos, einige Jugendliche waren zunächst nicht identifizierbar. Bei mehreren war mehr als die Hälfte der Haut verbrannt.
Ein solcher Hautverlust bringt den gesamten Körper in einen lebensbedrohlichen Ausnahmezustand: Die natürliche Barriere gegen Infektionen fehlt, Organe können versagen.
Entscheidend ist ein rasches chirurgisches Vorgehen. Abgestorbene Haut muss frühzeitig entfernt und ersetzt werden.
«Wir müssen schnell sein», sagt Neuhaus. «Das hier ist ein Kampf gegen die Zeit.» Nach etwa sechs Tagen steigt das Risiko lebensgefährlicher Infektionen markant, weil das Immunsystem erschöpft ist.
Operationen bei knapp 40 Grad
Die Operationen finden unter extremen Bedingungen statt.
Um ein Auskühlen der Patienten zu verhindern, herrschen im OP Temperaturen von bis zu 40 Grad bei hoher Luftfeuchtigkeit. Eingriffe dauern oft viele Stunden. Allein im Kispi sind pro Patient täglich rund 50 Fachpersonen aus bis zu 20 Disziplinen involviert.
Auch am Universitätsspital Zürich werden besonders schwere Fälle behandelt. Insgesamt wurden dort 17 Brandverletzte aus Crans-Montana aufgenommen, sechs befinden sich weiterhin in Zürich.
«Es sind die schwersten Fälle, die wir hier behalten haben», sagt Klinikdirektor Pietro Giovanoli. Eine Patientin habe rund 80 Prozent ihrer Haut verloren.
Beim Aufwachen drohen Schock und Angstzustände
Neben Eigenhauttransplantationen kommt bei sehr grossen Verbrennungsflächen auch im Labor gezüchtete Haut zum Einsatz.
Diese steht jedoch erst nach rund drei Wochen zur Verfügung. Ziel ist es, die ungeschützten Hautflächen so schnell wie möglich zu verkleinern.
Parallel zur körperlichen Belastung ist auch die psychische Situation anspruchsvoll. Viele Patienten werden über längere Zeit in Narkose gehalten. Beim Erwachen drohen Angstzustände und Flashbacks.

Dennoch zeigt sich Giovanoli vorsichtig optimistisch: Junge, zuvor gesunde Menschen hätten deutlich bessere Überlebenschancen als ältere Patienten.
Für die Betroffenen beginnt nach erfolgreicher Akutbehandlung ein langer Weg. Monate der Rehabilitation, Kompressionsanzüge und bleibende Narben gehören dazu.
Der medizinische Ausnahmezustand im Kispi wird deshalb noch lange anhalten. Für die Patienten wie auch für das Behandlungsteam.











