Revitalisierung: 150 Schrebergärten an Limmat müssen weg – Kritik!
Die Limmat soll wieder lebendiger werden. Für die neue Flusslandschaft müssen im Betschenrohr in Schlieren ZH rund 150 Familiengärten weichen.

Das Wichtigste in Kürze
- Die Limmat soll bei Schlieren ZH wieder mehr Raum bekommen.
- Neue Auen, Seitenarme und Grünräume sollen Natur und Hochwasserschutz verbinden.
- Allerdings müssen dafür rund 150 Familiengärten weichen.
- Der Familiengartenverein Betschenrohr fordert konkrete und verbindliche Lösungen für die Betroffenen.
Markus Federer liebt die Natur und das Wasser. Die Limmat hat für ihn eine besondere Bedeutung. Doch sie leidet. Vor mehr als hundert Jahren wurde sie stark verbaut und in ein enges Korsett gezwängt.
«Seither hat sie kaum Raum, ihren Lauf natürlich zu verändern», erklärt Federer. Für ihn ist klar: Die Limmat braucht mehr Platz.
Mit dem Projekt «Lebendige Limmat» soll sich das künftig ändern. Die vierjährige Detailplanung ist abgeschlossen, die Projektunterlagen liegen öffentlich auf. Als Gesamtprojektleiter beim Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft des Kantons Zürich hält Federer die Fäden in den Händen.
Er betont: «Die neue Landschaft soll Natur, Erholung und Schutz vor Extremereignissen verbinden.» Das Herzstück liegt im Betschenrohr in Schlieren. Dort soll die Limmat künftig auf bis zu 250 Meter verbreitert werden – heute sind es rund 80 Meter.

Inseln, Seitenarme, Flachufer und neue Auenlebensräume sollen entstehen und dem Fluss seine natürliche Dynamik zurückgeben. Fast 700 zusätzliche Bäume sind geplant. «Sie schaffen bei Hitze und Trockenheit kühlere Bereiche», sagt Federer.
Schutz vor Hochwasser
Entlang der Limmat sind fünf Erholungszonen mit Naturspielplatz, Liegewiesen, Feuerstellen und weiteren Angeboten vorgesehen. Fuss- und Veloverkehr werden teilweise getrennt, um Konflikte zu entschärfen. Ein Beobachtungsturm im Betschenrohr eröffnet einen neuen Blick über die entstehende Auenlandschaft.
«Baden und Böötlen bleiben möglich», betont Federer. Gleichzeitig soll die empfindliche Natur geschützt werden. Ranger des Kantons werden später vor Ort sein, Besucherinnen und Besucher sensibilisieren und erklären, wo die Natur Vorrang hat.
Auch der Hochwasserschutz wird verbessert. Der bestehende Damm ist in einem schlechten Zustand. Er wird saniert beziehungsweise ersetzt.
Ein neues Drainage-Pumpwerk soll bei Hochwasser verhindern, dass der Grundwasserspiegel zu stark ansteigt. Im Fokus steht dabei nicht nur die Förderung der Biodiversität und ein besserer Schutz vor Hochwasser. Mit dem Projekt entsteht auch ein vielfältiges Naherholungsgebiet für die Bevölkerung.
Die Gemeinden Schlieren, Unter- und Oberengstringen sind in den vergangenen Jahrzehnten stark gewachsen. Grosszügiger Grünraum zum Spazieren und Geniessen – zu allen Jahreszeiten – sei mehr denn je gefragt. Doch jedes grosse Projekt bringt auch Opfer.

Für die Verbreiterung der Limmat müssen rund 150 Familiengärten weichen. Für die betroffenen Gärtnerinnen und Gärtner bedeutet das in den kommenden Jahren den Verlust ihrer Oase. Viele haben ihre Parzellen über Jahre, teilweise Jahrzehnte, aufgebaut.
Für viele ist der Garten eine eigene kleine Welt, die man nur schwer zurücklassen kann. Federer betont: «Das verstehe ich natürlich. Doch die heutigen Familiengärten sind nur wenigen vorbehalten. Durch die Aufweitung der Limmat werden aber alle Menschen profitieren, weil bessere Zugänge zum Wasser und zur Natur sowie attraktive Aufenthaltsmöglichkeiten entstehen.»
Der Familiengartenverein Betschenrohr fordert konkrete Lösungen. Präsident Erwin Trindler kritisiert, dass bisher weder verbindliche Ersatzflächen noch finanzielle Beiträge oder konkrete Unterstützung für Räumung und Umzug zugesichert seien.
«Für unsere Mitglieder zählen nicht unverbindliche Möglichkeiten, sondern konkrete Zusagen und ein umsetzbarer Zeitplan», sagt Trindler. Die Darstellung «1 Garten = 1 Person» sei an den Haaren herbeigezogen.
Trindler: «Wir sprechen von Familien mit ihren Freunden und Bekannten, welche die Gärten regelmässig nutzen.» Insgesamt profitieren schätzungsweise 3500 Menschen vom Betschenrohr.
Erschwerend kommt hinzu, dass 2024 Schadstoffe, unter anderem Quecksilber, im Boden festgestellt wurden. Knapp ein Drittel der bewirtschafteten Parzellen ist von Nutzungseinschränkungen oder -verboten betroffen.
Belasteter Boden muss fachgerecht entsorgt werden. Das verursacht zusätzliche Kosten in Millionenhöhe. Rund 95 Millionen Franken kostet das Projekt nach aktuellem Stand.
Kanton und Bund finanzieren es weitgehend. Die Gemeinden Schlieren, Oberengstringen und Unterengstringen sowie die Stadt Zürich und das Kloster Fahr unterstützen die Revitalisierung des 3,2 Kilometer langen Flussabschnitts, der an der Stadtgrenze beginnt.
Die Dimension ist gewaltig – doch auch die Vision ist es: Die Limmat soll wieder lebendiger werden und eine Landschaft erschaffen, in der Menschen und Natur ihren Platz haben.

Das Bewilligungsverfahren soll bis Mitte 2028 abgeschlossen sein, die Bauplanung bis Mitte 2029. Die Fertigstellung ist für Herbst 2033 vorgesehen.
Doch bis die «Lebendige Limmat» wirklich lebt, wird es noch Jahre dauern. Im Betschenrohr wird sich dabei zeigen, ob etwas Schwieriges gelingt: dem Fluss seine Freiheit zurückzugeben und gleichzeitig jene Menschen nicht zu vergessen, die für diese neue Landschaft ihre eigenen Gärten aufgeben müssen.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst im «Tagblatt Zürich» erschienen.








