«Qui vit encore»: im schwarzen Raum vom Grauen erzählt

Keystone-SDA
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Bern,

In Nicolas Wadimoffs «Qui vit encore» erzählen Überlebende aus Gaza ihre Geschichte. Das abstrakte Setting und die Abwesenheit von Hass verleihen dem Dokumentarfilm fast eine Art Allgemeingültigkeit. «Qui vit encore» wurde gerade erst in Solothurn ausgezeichnet und startet jetzt in den Kinos.

Nicolas Wadimoff
Der Regisseur Nicolas Wadimoff, Gewinner des «Prix de Soleure» mit «Qui vit encore», posiert kurz vor der Preisverleihung der 61. Solothurner Filmtage, am Mittwoch, 28. Januar 2026, in Solothurn. - keystone

Neun Menschen erzählen von ihrem Überleben. Aber glückliche Geschichten sind das nicht. Sie erzählen, weil sie es im Gegensatz zu vielen anderen noch können. Weil sie nicht mehr in Gaza sind, sondern irgendwo zeitweise Schutz gefunden haben. Doch selbst dies steht in Frage.

Ein Jahr sei vergangen, sagt eine der Personen, und während der Körper an einem Ort sei, «weilt die Seele woanders – in Gaza.» Sie haben Familienmitglieder verloren oder mussten sie zurücklassen. Ob sie jemals zurückkehren und ihre Häuser wieder aufbauen können, ist fraglich. «Innerlich bin ich schon tot», sagt die Journalistin Haneen Harara, «einzig meine äussere Hülle vermittelt noch die Illusion meiner Existenz.»

«Qui vit encore» lautet der Titel des Dokumentarfilms des Genfer Regisseurs Nicolas Wadimoff. Wer noch lebt: der Titel ist keine Frage, sondern der Anfang eines Satzes, dessen Ende noch offen ist. Letzten September wurde der Film am Festival von Venedig uraufgeführt. Letzte Woche wurde er für den Schweizer Filmpreis als bester Dokumentarfilm nominiert und mit den Prix de Soleure, dem höchstdotierten Filmpreis der Schweiz, ausgezeichnet. Jetzt (05.02.) ist er in den Schweizer Kinos zu sehen.

An der Vorpremiere in Biel auf die Entstehungsgeschichte des Filmes angesprochen, sagt Wadimoff, dass er im Oktober 2023, als die Hamas ihren Terrorangriff auf Israel verübte und Israel daraufhin begann, Gaza zu zerstören, noch an anderen Projekten gearbeitet hatte, die nichts mit der Region zu tun hatten. Bald habe er gemerkt, dass er sich kaum mehr auf anderes konzentrieren konnte, als was den Menschen in Gaza widerfährt, auch weil er ständig an seine Bekannten denken musste, die er von früheren Filmen wie «Aisheen (Still Alive In Gaza)» (2010) und «L’Apollon de Gaza» (2018) her kannte.

Sein ursprüngliches Vorhaben, direkt nach Gaza zu reisen, stellte sich als zu schwierig heraus. Doch in Kairo traf er auf seinen ehemaligen Protagonisten, den Antiquitätenhändler und Unternehmer Jawdat Khoudary. Über diesen sei er mit anderen aus Gaza Geflohenen in Kontakt gekommen, die in Ägypten lebten – mit Temporärvisa und ohne Arbeitserlaubnis. Wadimoff beschloss, den Film mit ihnen zu machen.

Ursprünglich sollte in der Schweiz gedreht werden. In einem abgeschotteten Setting am Genfersee, wo die neun Protagonistinnen und Protagonisten fern von Stress und Ablenkung einander und der Kamera ihre Erfahrungen mitteilen würden. Alles war bereits eingerichtet, es ging nur noch darum, auf der Schweizer Botschaft in Kairo die Visa abzuholen. Beim entsprechenden Termin hiess es dann zu Wadimoffs Überraschung und Empörung, dass diese nicht ausgestellt können würden. So kam es, dass «Qui vit encore» spontan in Südafrika gedreht wurde, einem der ganz wenigen Länder auf der Welt, das aus Gaza Geflüchteten ohne Visum Zutritt gewährte.

An welchem Ort jemand seine oder ihre Geschichte erzählt, spielt eine untergeordnete Rolle. Es ist eine Tatsache, die «Qui vit encore» insofern verdeutlicht, als der Film diese Erzählungen in einem schwarzen Raum stattfinden lässt. Es gibt weder Hintergrund noch Geräuschkulisse. Einzig die Umrisse von Gaza sind mit weisser Kreide auf den Boden gezeichnet. Die jeweils erzählende Person sitzt an einem Tisch.

Als ihm in Kairo die Geflüchteten erstmals ihre Erlebnisse geschildert haben, sei ihm bewusst geworden, wie viel eindringlicher und effektiver diese Art des Erzählens sei, als wenn die gleiche Geschichte mittels dokumentarischer Aufnahmen oder Fotografien vermittelt würde. Denn so werde einerseits die eigene Vorstellungskraft angesprochen, die mehr Details und auch mehr Empathie als jedes abbildende Medium hervorbringen würde. Anderseits können so auch eventuelle Distanzierungs- oder Schutzfunktionen umgangen werden, die sich viele im Rahmen der täglichen Berichterstattung über den Horror in Gaza mittlerweile aufgebaut hätten.

Von diesem Horror wird in «Qui vit encore» ausführlich und ohne Beschönigung erzählt. Vom Gefühl mitansehen zu müssen, wie das eigene Haus unter den Bomben zusammenfällt und Familienmitglieder unter sich begräbt. Oder davon, dass man diese in Gaza zurücklassen musste, weil sie verletzt oder unauffindbar waren. Davon, wie unwahrscheinlich, wie zufällig das eigene Überleben gewesen sei.

Es wäre unerträglich, all dem zuzuhören, wären da nicht auch jene Kraft, die in den Erzählungen steckt, die in den desillusionierten Augen trotz allem noch wahrnehmbar ist, und die Solidarität, die sich zwischen den Überlebenden entwickelt, die sich gegenseitig zum Teilen ihrer Geschichten animieren. All dies, wie auch die gänzliche Abwesenheit von Schuldzuweisungen und Hass, lassen in «Qui vit encore» einen Funken Hoffnung aufblitzen. Etwas, das man an diesem schwärzesten aller Orte zuallerletzt erwartet hätte.*

*Dieser Text von Dominic Schmid, Keystone-SDA, wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung realisiert.

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