Kaum Neuschnee, hohe Lawinengefahr – wie geht das denn?
Aktuell hat es verhältnismässig wenig Neuschnee. Ein Experte erklärt, warum die Lawinengefahr in der Schweiz derzeit dennoch grösstenteils erheblich ist.

Das Wichtigste in Kürze
- In den Schweizer Bergen liegt relativ wenig Neu- und Triebschnee.
- Dennoch können Schneebrett-Lawinen aktuell durch einzelne Personen ausgelöst werden.
- Entscheidend ist laut einem Experten dabei vor allem der Aufbau der Schneedecke.
Ein Blick auf das Lawinenbulletin zeigt: Im Grossteil der Schweizer Berge herrscht derzeit erhebliche Lawinengefahr. Betroffen sind vor allem die Kantone Wallis, Tessin und Graubünden.
Aber auch in Teilen der Kantone Bern, Obwalden, Nidwalden, Uri oder Glarus ist die Lawinengefahr erheblich. Im südlichen Graubünden ist sie sogar gross.

Doch: Wie kommt es, dass die Lawinengefahr in den Schweizer Bergen erheblich bis gross ist, obwohl es kaum Neuschnee gibt?
Bereits einzelne Personen können Schneebrettlawinen auslösen
Jürg Trachsel vom WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF klärt auf Anfrage von Nau.ch auf: «Der relativ wenige Neu- und Triebschnee liegt vielerorts auf einer sehr schwachen Altschneedecke.»
Diese bestünde aus «grobkörnigem, ‹griesigem› Schnee», dessen Kristalle kaum miteinander verbunden seien. «Dadurch können Schneebrett-Lawinen bereits durch einzelne Personen ausgelöst werden, teils sogar aus der Distanz», erklärt Trachsel.
Wichtig: «Entscheidend ist nicht die Schneemenge, sondern vor allem der Aufbau der Schneedecke.» Denn dünne Schneeschichten würden die Bildung von Schwachschichten begünstigen, «weil sich die Schneekristalle rasch zu Griess umwandeln».
Kompakte Schicht auf weichem Untergrund
Falle darauf neuer Schnee oder werde Schnee durch den Wind verfrachtet, entstehe die gefährliche Schichtkombination: «Eine kompakte Schicht an der Oberfläche (Schneebrett) auf einem weichen Untergrund (Schwachschicht).»
Für Trachsel ist klar, was aktuell für Berggänger zentral ist: «Eine überlegte Tourenplanung.»
Dazu gehörten die vorgängige Information über die aktuellen Verhältnisse im Lawinenbulletin und im Wetterbericht sowie eine angepasste Tourenwahl und Routenplanung.
«Insbesondere grosse Hänge über 30 Grad sollten möglichst umgangen werden.» Und: «Bei der Abfahrt können grosse Abstände zwischen einzelnen Personen das Risiko reduzieren.»
Alarmzeichen wie Wumm-Geräusche, Risse in der Schneedecke oder frische Lawinen seien klare Warnsignale und sollten unbedingt berücksichtigt werden.
Seit Donnerstag 14 Lawinen und 16 erfasste Personen
Keine Sorgen müssen sich diesbezüglich Besucher von Skigebieten machen. Denn diese überwachen die Lawinensituation laufend. «Exponierte Bereiche werden mit künstlichen Lawinenauslösungen durch Sprengungen gesichert», sagt Trachsel.
Zudem würden gefährdete Pisten temporär gesperrt. Klar ist auch: «Abseits der geöffneten Pisten gilt diese Sicherung jedoch nicht – dort sind Wintersportler selbst verantwortlich.»
Das SLF schreibt in seinem Blog vom Montag, dass allein seit Donnerstag 14 Lawinen mit 16 erfassten Menschen gemeldet wurden.
Bei Evolène VS und Pontresina GR kam dabei je eine Person ums Leben.











