Psychisch belastete Studis nutzen ChatGPT als «Therapie-Ersatz»

Simon Ulrich
Simon Ulrich

Bern,

Studierende wenden sich bei Ängsten, Schlafproblemen und Depressionen zunehmend an KI. Beratungsstellen sehen Chancen – aber auch klare Grenzen.

ChatGPT
Chatbots sind anonym, sofort verfügbar und ohne Termin nutzbar. Als erste Anlaufstelle bei psychischen Problemen sind sie deshalb zunehmend gefragt. - Magnific

Das Wichtigste in Kürze

  • Immer mehr Studierende nutzen ChatGPT bei psychischen Problemen als erste Hilfe.
  • Beratungsstellen sehen Chancen bei Ordnung und ersten alltagsnahen Impulsen.
  • Sie warnen aber klar: KI ersetzt keine Diagnose, Therapie oder Krisenhilfe.

Wenn Studierende nicht schlafen können, Prüfungsangst haben oder depressive Symptome haben, wenden sich immer mehr nicht zuerst an eine Beratungsstelle. Sondern an ChatGPT.

Eine neue Studie im «Journal of Affective Disorders» zeigt: 18 Prozent der befragten US-College-Studierenden nutzten KI für ihre psychische Gesundheit.

Bei mittelschwerer oder schwerer Depression, schwerer Angst oder Suizidalität war die Wahrscheinlichkeit ungefähr doppelt so hoch.

Studierende fragen Chatbots nach Symptomen

Auch an Schweizer Universitäten sind ChatGPT und Co. als therapeutische Helfer zunehmend gefragt. «Das Thema KI-Chatbots taucht öfters in den Beratungen auf», bestätigt Philipp Schmutz, Psychologe bei der Beratungsstelle der Berner Hochschulen.

Dabei gehe es etwa darum, Symptome einzuschätzen. Betroffene wollten mit KI herausfinden, ob sie unter einer Depression, einem Burnout, einer Angststörung oder ADHS leiden könnten. Andere suchten nach Möglichkeiten, ihre Beschwerden zu lindern, berichtet Schmutz.

An der Universität St. Gallen ist das Phänomen ebenfalls bekannt. Studierende erwähnten in Gesprächen, dass sie KI-Chatbots bei psychischen Belastungen konsultieren, sagt Katharina Woog von der Psychologischen Beratungsstelle der HSG.

Wie verbreitet dies ist, lasse sich mangels Datenerhebung zwar nicht sagen. Aber: «Wir vermuten, dass Chatbots bei Fragen rund um die mentale Gesundheit und das eigene Erleben und Verhalten rege genutzt werden.»

KI senkt die Hemmschwelle

Die Gründe liegen auf der Hand: KI ist gratis, jederzeit verfügbar, anonym und ohne Termin zugänglich.

Manche nutzen Chatbots, wenn Beratungsangebote oder Therapieplätze nicht sofort verfügbar sind, als Überbrückung zwischen Terminen. Oder weil sie Hemmungen haben, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

«Gerade Studierende mit sozialen Ängsten wenden sich oft an KI-Chatbots», sagt Schmutz. Auch an der HSG sind Scham und der Wunsch nach Anonymität als Motive aufgefallen.

Chatbots können Beratung unterstützen

Richtig eingesetzt können Chatbots laut den Fachleuten durchaus für Entlastung sorgen. Sie können beispielsweise helfen, Gedanken zu ordnen, Stress einzuordnen oder erste Ideen für den Alltag zu liefern.

Hast du dich wegen psychischer Probleme schon mal an KI gewandt?

Schmutz nutzt KI-Chatbots nach eigenen Angaben manchmal sogar gemeinsam mit Klientinnen und Klienten. Etwa, um ungünstige Gedanken zu hinterfragen oder in zwischenmenschlichen Konflikten bessere Formulierungen zu finden.

Bei schweren Krisen wird es gefährlich

Für solche Aufgaben seien Chatbots «sehr gut geeignet als Unterstützung im Beratungsprozess – aber nicht als Ersatz einer Beratung». Genau dort liegt laut den Fachleuten die Grenze.

Sie betonen: KI-Chatbots könnten zwar plausible Antworten geben. Aber sie seien keine Psychologinnen, Therapeuten oder Ärztinnen.

Weder könnten sie verlässliche Diagnosen stellen noch komplexe Krisen einschätzen oder Verantwortung übernehmen, wenn es ernst wird.

Besonders kritisch sehen die Beratungsstellen eine ausschliessliche Nutzung bei schweren Belastungen: Bei Depressionen, Angststörungen, selbstverletzendem Verhalten oder Suizidgedanken.

«In Fällen von starken psychischen Belastungen ist es gefährlich, ausschliesslich einen Chatbot zu nutzen», sagt Woog. «Denn das Tool erfährt nur, was mir über mich bewusst ist und was ich explizit zu teilen bereit bin.»

Psychische Erkrankung
In Fällen von starken psychischen Belastungen sei es gefährlich, ausschliesslich einen Chatbot zu nutzen, warnen Experten. (Symbolbild) - pexels

Eine Fachperson könne die Verfassung deutlich differenzierter erfassen. Sie stelle Fragen, beobachte auch nonverbale Signale und könne ein umfassenderes Bild gewinnen.

Auch Schmutz warnt davor, Betroffene könnten den Eindruck erhalten, «verstanden oder therapeutisch begleitet zu werden, obwohl keine professionelle Beziehung besteht».

Problematisch werde es, wenn KI den Leidensdruck so weit abfedere, dass Studierende keine fachliche Hilfe suchten, obwohl diese nötig wäre.

Woog sieht hier ein weiteres Risiko: Soziale Kontakte könnten vernachlässigt werden, «weil ChatGPT der neue gute Freund und Vertraute geworden ist».

Persönliche Beratung bleibt zentral

Sind KI-Chatbots ein Symptom überlasteter Beratungsstellen? Nur teilweise.

In Bern ist die Nachfrage nach psychologischer Beratung laut Schmutz «sehr gross und nimmt stetig zu». Dennoch erhielten Studierende dort in der Regel innerhalb von 5 bis 15 Arbeitstagen einen Termin. Dabei werde der Dringlichkeit der jeweiligen Anfrage Rechnung getragen.

An der HSG ist die Nachfrage nach Angaben der Beratungsstelle stabil. Ein persönlicher Termin sei innerhalb einer Woche möglich. Auch die Universität Basel meldet keine Wartezeiten von mehr als einer Woche.

Das zeigt: KI wird nicht nur genutzt, weil Hilfe ausser Reichweite läge. Sie ist auch attraktiv, weil sie sofort antwortet und einfach zugänglich ist.

Psychiatrer
Die Wartezeiten für eine psychologische Beratung an Schweizer Universitäten betragen bis zu zwei Wochen. - pexels

Der Verband der Schweizer Studierendenschaften VSS warnt deshalb davor, KI und persönliche Beratung gegeneinander auszuspielen.

KI-gestützte Angebote könnten als erste Orientierung oder ergänzende Unterstützung hilfreich sein. Auch könnten sie dazu beitragen, dass Betroffene den ersten Schritt zu einer professionellen Beratungsstelle wagen.

«Persönliche Beratungsangebote an Hochschulen bleiben aber zentral und müssen niederschwellig sowie kostenlos zugänglich sein», betont Co-Generalsekretärin Carlotta Ehrenzeller.

Auch Schmutz sieht Potenzial – aber nur unter klaren Bedingungen. Sinnvoll wären aus seiner Sicht KI-Angebote, die von Fachpersonen entwickelt, geprüft und reguliert werden. «Solche Projekte werden aktuell an diversen Hochschulen umgesetzt und erforscht.»

Kommentare

User #6967 (nicht angemeldet)

Doktor Wirrhaus 🤖 übernehmen Sie bitte diesen unmöglichen Fall. 😁

User #5668 (nicht angemeldet)

Mit einer vernünftigeren Politik und besseren Zukunftsperspektiven bezüglich Stellen, Lohn und Wohneigentum hätte viele Menschen auch weniger psychische Probleme…

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