Kreuzlingen: Umgang mit KI an Schulen – «... dann wird es schwierig»

Desirée Müller
Desirée Müller

Bodensee,

Berufsbildungszentren sind unter Druck. ChatGPT übernimmt für viele Lernende die Arbeit. Auch in Primarschulen ist die KI bereits Thema.

ChatGPT wird von den meisten Lernenden genutzt.
ChatGPT wird von den meisten Lernenden genutzt. - zVg

Die einen Berufsschüler lassen ihre Hausaufgaben mit ChatGPT machen, ohne die Fragen zu lesen. Andere nutzen sie sinnvoll. Bei Lehrpersonen gibt es ebenfalls verschiedene Lager.

Welche setzen KI aus Überzeugung ein, andere tun es im Geheimen. Ein Querschnitt aus den Klassenzimmern und unterschiedliche Einschätzungen vom Experten.

«Viele Arbeitsblätter werden mittlerweile einfach abfotografiert und ChatGPT löst die Aufgaben für die Lernenden», sagt Leandra Bernegger, Lehrerin für Allgemeinbildenden Unterricht am Bildungszentrum für Bau und Mode in Kreuzlingen.

Auf Berufsschulstufe werde dadurch immer schwieriger sichtbar, was Lernende wirklich verstanden hätten. Noch gravierender sei aber eine andere Entwicklung: «Viele Schülerinnen und Schüler erleben Wissen nicht mehr als etwas, das sie sich aneignen müssen. Sie könnten jederzeit die KI fragen.»

ChatGPT
ChatGPT übernimmt für viele Lernende die Arbeit. (Symbolbild) - keystone

«Wenn Lernende sich nur noch darauf verlassen, dass sie alles nachschauen können, wird es schwierig», sagt Bernegger. Aktuell werden ganze Module zu dem Thema erstellt.

Statt sich dagegen zu wehren, wird erarbeitet, wie sie den Lernenden den Umgang mit ChatGPT und Co. vermitteln können. «Schülerinnen und Schüler müssen KI nutzen können, ohne ihr ausgeliefert zu sein. Sie müssen wissen, dass KI keine Quelle ist», sagt Leandra Bernegger.

Wer nach Recht, Politik oder Gesellschaft frage, erhalte schnell deutsche oder sehr allgemeine Inhalte. «Wer kein Vorwissen hat, merkt den Fehler kaum.» Dazu komme noch ein anderer Punkt: Die Chancengleichheit.

«Einige Lernende können sich die Pro-Version von ChatGPT leisten, andere haben weniger den Zugang. Die Wissens-Schere geht weit auseinander.» Dominique Bornhauser, Lehrerin für den Allgemeinbildenden Unterricht am Berufszentrum Arenenberg, kennt das aus dem Alltag.

«Wenn die KI die Arbeit übernimmt, ist der Lerneffekt gleich null», sagt sie. Bei Vertiefungsarbeiten merke man oft, wenn ein Text nicht selbst geschrieben sei. Beweisen lasse sich das aber nur schwer. Deshalb müssten Aufgaben künftig neu gedacht werden.

«Nicht mehr reine Wiedergabe ist entscheidend, sondern ob Lernende Zusammenhänge erkennen, Informationen beurteilen und Wichtiges herausfiltern können.» Eine Umfrage in ihrer Klasse zeigt, dass die KI verschieden genutzt wird. Eine Lernende erstellt Probeprüfungen mit ChatGPT.

Zwei Mitschüler nutzen die KI, um Fragen noch einmal zu erklären. Einige sind sehr offen: «Ehrlich gesagt habe ich schon einige Arbeiten von ChatGPT schreiben lassen. Je nachdem, ob mich das Thema interessiert oder eben nicht», sagt der angehende Landwirt Reto Keller.

Einige Aussagen von anderen Schülern geben zu denken: «Die KI ist besser im Erklären als eine Menge Lehrpersonen», sagt ein Schüler. Es gebe auch Beispiele von Lernenden, welche die Aufgaben nicht mal mehr durchlesen.

«Wer dem Unterricht nicht folgt und nur noch die KI arbeiten lässt, wird es schwierig haben in den Abschlussprüfungen», sind sie sich bewusst. Doch verlockend ist die Unterstützung des digitalen Helfers alleweil.

KI Schule
«Schülerinnen und Schüler müssen KI nutzen können, ohne ihr ausgeliefert zu sein. Sie müssen wissen, dass KI keine Quelle ist», sagt Leandra Bernegger. (Symbolbild) - keystone

Dass ein bewusster Umgang mit KI früh beginnen kann, zeigt Cornel Bingsegger, Lehrperson einer dritten Klasse in Salenstein. Er hat mit seinen Schülerinnen und Schülern KI ausprobiert, jedoch in einem geschützten Rahmen und mit klaren Bedingungen.

Die Kinder fütterten ChatGPT mit ihren Ideen für ein Bild. «Sie verglichen die Ergebnisse und schätzten ein, ob das Resultat mit ihren Eingaben übereinstimmt», so Binsegger. «Die Kinder haben gemerkt, wie anspruchsvoll es ist, einen guten Auftrag an die KI zu geben», sagt der Lehrer.

Dass nicht nur die Schüler, sondern auch die Lehrpersonen KI verwenden, sei ganz klar – und auch legitim. Er zum Beispiel liess ChatGPT ein Lied schreiben, welches er als Einstieg in ein neues Thema integrierte. Auch Ideen, wie eine Unterrichtseinheit umgesetzt werden kann, holt er sich bei Bedarf über die KI.

Verschiedene Lager

Alle Interviewten treffen in ihrem Arbeitsumfeld auf verschiedene Gruppen. Die einen setzen KI gezielt ein, nutzen die Vorteile und stehen auch dazu. Andere stellen sich die Frage, ob der Einsatz legitim ist, und ob es trotz KI immer noch ein guter Unterricht sei.

Andere stellen sich komplett dagegen. Alex Bürgisser ordnet diesen Wandel fachlich ein. Er ist Dozent für Medien und Informatik an der Pädagogischen Hochschule Thurgau und Co-Leiter der Fachstelle «Schule und Digitalität».

Daneben unterrichtet er selbst in einer Regelklasse. Für ihn ist KI weder Wundermittel noch Untergang, sondern ein Werkzeug mit enormer Kraft. «Wenn man als Lehrperson weiss, wie man diese Systeme bedient, ist das ein Instrument mit sehr viel Potenzial», sagt er.

Diese könnten mit KI-Unterrichtssequenzen planen, Lernmaterialien erstellen, Texte vereinfachen, Aufgaben an verschiedene Niveaus anpassen oder Präsentationen entwickeln. Gerade für heterogene Klassen eröffne das viele Möglichkeiten.

Bürgisser experimentiert mit verschiedenen KI-Agenten. Ein solcher Assistent kann angewiesen werden zum Beispiel wie ein Pädagoge zu «denken», sich bei der Erstellung der Unterlagen am Thurgauer Lehrplan zu orientieren, eine Lektion nach dem AVIVA-Modell aufzubauen oder Material für unterschiedliche Leistungsstufen zu entwickeln.

ChatGPT
Einige setzen KI gezielt ein, nutzen die Vorteile und stehen auch dazu. (Symbolbild) - keystone

«Das ist schon verrückt», sagt Bürgisser. Besonders spannend werde es, wenn Systeme künftig noch genauer erkennen, auf welchem Kompetenzniveau ein Kind ist, und die Inhalte gezielt für jenes erstellt.

Quasi ein persönlicher Lernassistent für jedes Kind. Ein Unterricht mit 20 Lernplänen sozusagen. Entscheidend sei, dass der Mensch verantwortlich bleibe.

«Der intelligente Part bleibt der Mensch», sagt Bürgisser. Die Maschine verstehe nicht, was sie schreibe. Sie berechne Wahrscheinlichkeiten und erzeuge Sätze, die sinnvoll klingen.

Aber sie habe kein Weltverständnis, keine Empathie und kein pädagogisches Urteil. Genau deshalb braucht es für Bürgisser das Prinzip «Human in the loop». Am Schluss muss ein Mensch Verantwortung übernehmen. Besonders bei Bewertung und Feedback sei das zentral.

Eine KI könne vielleicht Muster in einem Aufsatz erkennen. Aber sie sehe nicht das ganze Kind, nicht seine Lernbiografie und auch nicht die Zwischentöne.

Freude am Lernen wecken

Die Schule steht damit vor einer doppelten Aufgabe. Sie muss KI sinnvoll einsetzen und gleichzeitig verhindern, dass sie das eigene Denken ersetzt.

Nutzt du ChatGPT?

Hier setzt Thomas Merz an. Der Prorektor für Forschung und Wissensmanagement an der Pädagogischen Hochschule Thurgau sieht die Lösung in der Lernmotivation, und dies ab jungem Alter.

«Wir müssen den Kindern wie auch den jungen Erwachsenen zeigen, warum es sich lohnt, zu lernen. Die Erfolge müssen mehr zelebriert werden. Vom Beherrschen des Einmal eins bis hin zum Erarbeiten eines anspruchsvollen Textes in der Lehrzeit.»

Auch sollen Vergleiche mit sich selbst mehr Gewicht im Klassenzimmer erhalten. «Wenn ein Drittklässler eine Zeichnung oder ein Text von sich vor einem Jahr anschaut, sieht er direkt, welchen Fortschritt er gemacht hat.»

Wie Rechnen und Lesen werde auch das Prompten zum Schulalltag gehören, doch der Kern liegt laut Merz in der «Gehirnkompetenz». Verstehen, warum Lernen Freude machen kann und welchen Nutzen das Wissen langfristig hat. Nicht prioritär der bestmögliche Einsatz von KI soll den Schülern vermittelt werden.

Hinweis

Dieser Artikel ist zuerst in den «Kreuzlinger Nachrichten» erschienen.

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