Private Anbieter locken Gesunde in die Röhre – Ärzte warnen
Der Ganzkörper-MRI-Trend aus den USA ist in der Schweiz angekommen. Trotz kritischer Fachgesellschaften beteiligen sich einzelne Zusatzversicherungen.

Das Wichtigste in Kürze
- Ganzkörper-MRI wird als Luxus-Früherkennung zunehmend auch in der Schweiz vermarktet.
- Anbieter versprechen frühe Hinweise auf Krebs, Organe, Fettverteilung und Gelenke.
- Fachleute warnen aber vor Zufallsbefunden, unnötigen Eingriffen und Scheinsicherheit.
- Zusatzversicherungen zahlen teils mit – trotz wissenschaftlich umstrittenem Nutzen.
Einmal in die Röhre, dazu ein Bluttest – und danach wissen, ob im Körper etwas Gefährliches schlummert. So ähnlich klingt das Versprechen privater Anbieter von Ganzkörper-MRI.
Bei dieser Untersuchung entstehen mithilfe von Magnetfeldern Bilder von Organen, Gewebe und anderen Körperstrukturen. Ziel ist es, Krankheiten zu entdecken, bevor Beschwerden auftreten – etwa Krebs oder andere Auffälligkeiten.
Promis befeuern Trend zu Vorsorge-Scans
In den USA ist daraus längst ein Geschäft geworden. Promis wie Kim Kardashian oder Paris Hilton machten den medizinischen Check-up mit ihren Social-Media-Posts zum Lifestyle-Thema.
Inzwischen ist der Trend auch in die Schweiz übergeschwappt. Anbieter wie Ahead Health, Arvin oder Care verkaufen Ganzkörper-MRI als moderne Früherkennung für (in der Regel) Selbstzahlerinnen und Selbstzahler.
Der detaillierte Einblick ins Körperinnere ist nicht billig: Bei Arvin kostet ein Ganzkörper-MRI mit Blutanalyse 2390 Franken. Bei anderen Anbietern liegen die Kosten je nach Paket bei mehreren tausend Franken.
Konkrete Zahlen zur Nachfrage geben die Anbieter zwar nicht preis. Ahead Health teilt jedoch mit, seit Einführung des Deckungsprüfers im vergangenen März habe man «über 800 Anfragen zur Kostenübernahme» erhalten.
Viele wollen ihre Gesundheit datenbasiert einordnen
Wer bucht solche Untersuchungen? Laut Ahead Health sind es vor allem Menschen zwischen 35 und 65, «die sich gesund fühlen und gesund bleiben wollen». Viele hätten in der Familie Krebs- oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen erlebt, erklärt CEO Nick Lenten.
Es gebe aber auch jüngere Kundinnen und Kunden, oft Anfang 30. Diese wollten einen gesundheitlichen «Referenzwert für die kommenden Jahrzehnte». Häufig entschieden sie sich zunächst für einen erweiterten Bluttest ohne MRI.
Zu den häufigsten Motiven gehöre neben familiärer Vorbelastung oder einer Krebsdiagnose im Umfeld der Wunsch, die eigene Gesundheit datenbasiert einzuordnen. «Ähnlich wie es viele bei Finanzen oder Fitness längst tun», sagt Lenten.
Fachleute warnen vor Zufallsbefunden
Genau hier setzt die Kritik der Fachleute an. Die Schweizerische Gesellschaft für Radiologie beurteilt Ganzkörper-MRI bei gesunden Menschen ohne Beschwerden kritisch.
Bislang fehlten «belastbare wissenschaftliche Belege, dass diese Methode die Gesundheit von Gesunden langfristig verbessert», schreibt sie in ihrem Positionspapier.
Gelegentlich könne auch das Gegenteil eintreten. Die Radiologen warnen besonders vor Zufallsbefunden: Auffälligkeiten, die auf den Bildern sichtbar werden, aber harmlos sein können.
Solche Befunde könnten «zu unnötigen Folgeuntersuchungen, invasiven Eingriffen und zusätzlicher psychischer Belastung führen». Laut SGR treten «in bis zu 30 Prozent der Untersuchungen» Zufallsbefunde auf. Meist handle es sich um harmlose Veränderungen.
Die SGR warnt zudem vor falscher Sicherheit. Ein Ganzkörper-MRI sei eine Momentaufnahme, die «nur aktuell bestehende Befunde nachweisen kann und wenig über die Zukunft auszusagen vermag».
Ausserdem sei die Bildqualität bei Ganzkörperuntersuchungen nicht mit gezielten MRI-Untersuchungen vergleichbar.
Anbieter setzen auf ärztliche Einordnung
Die Anbieter weisen die Kritik nicht pauschal zurück, setzen aber eigene Akzente.
Nach Ansicht von Ahead Health fokussiert die Diskussion oft zu stark auf Tumorbefunde. Ein MRI-Check-up erfasse jedoch weit mehr Hinweise, etwa Fettleber, viszerales Fett sowie Veränderungen an Wirbelsäule und Gelenken.
«Für viele dieser Befunde ist die Evidenz für Früherkennung und Lebensstilintervention gut belegt», sagt Lenten.
Zur Kritik an Zufallsbefunden sagt Ahead Health, entscheidend sei die medizinische Einordnung jedes einzelnen Falls. Die Resultate würden durch Ärztinnen und Ärzte erklärt, dazu gebe es Empfehlungen zu den nächsten Schritten.
Auch Care betont: «Folgeabklärungen werden nur bei klar begründetem Verdacht empfohlen.»
So habe seit Anfang Jahr erst eine einzige Untersuchung zu einer Folgediagnostik geführt, teilt das Unternehmen mit. In diesem Fall wegen eines hochgradigen Verdachts auf einen Blasentumor im Frühstadium.

Arvin gibt sich zurückhaltender. Man sei sich der Position der SGR bewusst und halte die Diskussion für «wichtig und berechtigt».
Speziell bei gesunden Menschen ohne Beschwerden teile man den Konsens, «dass weitere Langzeitdaten und eine fortlaufende Bewertung weiterhin wichtig sind».
Auch die hohen Preise verteidigen die Anbieter. Ahead Health teilt mit, die Preise orientierten sich an den offiziellen ambulanten Tarifen. Enthalten seien Ganzkörper-MRI, Befundung, Vor- und Nachkonsultation sowie ein persönlicher Gesundheitsbericht.
Arvin erklärt, die Kosten spiegelten vor allem die bildgebende Infrastruktur, MRI-Protokolle und das medizinische Personal wider.
Scans können Folgekosten in der Grundversicherung auslösen
Bemerkenswert: Während die Grundversicherung keine präventiven Ganzkörper-MRI übernimmt, gibt es bei Zusatzversicherungen Ausnahmen.
Die KPT etwa beteiligt sich im Rahmen ihrer ambulanten Zusatzversicherungen Pulse Top und Pulse Premium an bestimmten Vorsorge- und Check-up-Leistungen. Dazu können auch Ganzkörper-MRI gehören.
Die Leistung sei aber begrenzt, an Bedingungen geknüpft und nur bei definierten Partneranbietern möglich, betont Sprecher Beni Meier.
Konkrete Zahlen nennt auch die KPT nicht. Spezifische Auswertungen zu präventiven Ganzkörper-MRI lägen derzeit nicht vor.
Man beobachte jedoch, «dass Angebote im Bereich Prävention, Früherkennung und Longevity in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen haben». Gleichzeitig stelle man eine zurückhaltende Nutzung fest.

Warum zahlt eine Kasse trotzdem mit, obwohl Fachgesellschaften den Nutzen kritisch sehen?
Meier sagt: «Eine Übernahme von innovativen Verfahren zur Früherkennung ist Aufgabe der Krankenversicherer (Zusatzversicherung) und ein klarer Mehrwert für unsere Versicherten.»
Man nehme die Einschätzung medizinischer Fachgesellschaften jedoch ernst, deshalb sei die Kostenbeteiligung nicht unbegrenzt.
Anders sieht es bei möglichen Folgekosten aus. Wenn ein Scan etwas Unklares zeigt, können weitere Untersuchungen nötig werden. «Medizinisch notwendige Abklärungen werden üblicherweise aus der Grundversicherung übernommen», sagt Meier.
Heisst im Klartext: Ein freiwilliger Vorsorge-Scan kann Kosten im obligatorischen System auslösen.
Die KPT sieht darin aber nicht nur ein Kostenrisiko. Aus Sicht der Prävention und Früherkennung bestehe auch das Potenzial, nicht übertragbare Krankheiten früher zu erkennen und gezielter zu behandeln. Das könne sich positiv auf die Gesundheitskosten auswirken.
Langfristig könnten solche Ansätze laut Meier dazu beitragen, «die Gesundheitsversorgung effizienter zu gestalten und die Lebensqualität der Versicherten zu verbessern».











